Aggressiver Darmkeim Bundesinstitut bestätigt Sprossen als Ehec-Quelle

Nun herrscht Gewissheit: Der Ehec-Erreger an den Sprossen des Biohofs in Bienenbüttel entspricht dem aggressiven Darmkeim, an dem bislang mindestens 32 Menschen gestorben sind. Das hat das Bundesinstitut für Risikobewertung mitgeteilt. Gebannt ist die Gefahr aber noch nicht: Gesundheitsminister Bahr hält weitere Todesfälle für möglich.

Bei dem Ehec-Erreger an den Sprossen des Bauernhofs im niedersächsischen Bienenbüttel handelt es sich um das aggressive Bakteriuim O104:H4. Das hat das Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) nach Angaben des Bundesverbraucherschutzministeriums inzwischen bestätigt. Bislang sind an dem lebensbedrohlichen Darmkeim mindestens 32 Menschen gestorben.

Auf der Internistischen Intensivstation des Universitätskrankenhauses Schleswig-Holstein in Lübeck kümmern sich Pflegekräfte um eine an dem Ehec-Erreger erkrankte Patientin.

(Foto: dpa)

Am Freitag hatten Landesbehörden in Nordrhein-Westfalen den Ehec-Erreger erstmals an Sprossengemüse des Biohofs nachgewiesen. Die Ergebnisse der Landesbehörden seien mit der BfR-Analyse bestätigt, heißt es aus dem Ministerium: "Dieses Labor-Ergebnis ist ein weiterer wichtiger Stein in der Beweiskette, dass rohe Sprossen als wesentliche Quelle für die Ehec-Infektionen der letzten Wochen anzusehen sind", erklärte ein Sprecher.

Zudem teilten die Behörden mit, dass bei zwei weiteren Mitarbeiterinnen des Sprossenerzeugers in Bienenbüttel der Ehec-Erreger gefunden wurde. Beide zeigten aber bisher keine Erkrankungssymptome, teilte das Niedersächsische Landesgesundheitsamt mit. "Damit können wir einen weiteren wichtigen Teil einer Indizienkette vorlegen", sagte Gesundheitsministerin Aygül Özkan (CDU).

Bereits im Mai waren drei Mitarbeiterinnen des Betriebes mit Ehec-Symptomen erkrankt. Bei einer von ihnen war ebenfalls der Ausbruchstamm nachgewiesen worden.

Damit herrscht zwar bezüglich der Quelle Gewissheit. Doch die Gefahr ist nicht gebannt: Bundesgesundheitsminister Daniel Bahr (FDP) hält trotz eines Rückgangs der Ehec-Neuerkrankungen "weitere Todesfälle" für "nicht ausgeschlossen". Er sagte der Bild am Sonntag: "Als Bundesgesundheitsminister schaue ich deshalb besonders auf die aktuelle Situation in den Krankenhäusern."

Zugleich äußerte der Minister die Hoffnung, dass der Höhepunkt der Epidemie damit erreicht sei: "Die Ehec-Welle klingt allmählich ab. Es gibt Anlass zu der Hoffnung, dass nun das Schlimmste überstanden ist." Ein Wiederaufflammen hält der FDP-Politiker für "sehr unwahrscheinlich". "Der Ausbruch ist noch nicht vorbei", sagte dagegen der Präsident des Robert Koch-Instituts (RKI), Reinhard Burger.

Aufgrund der Erfahrungen in der Ehec-Krise will Bahr künftig die Meldeverfahren von Krankheitsfällen verbessern. Diese liefen größtenteils noch auf dem Postweg ab, sagte Bahr im ZDF. "Es ist auch für mich unverständlich, dass wir hier noch veraltete Kommunikationswege nutzen." Um bundesweit schnell einen Überblick zu bekommen, müssten die Meldungen zügiger und besser ausgetauscht werden.

Verbesserungswürdig findet Bahr auch die Kommunikation - schuld an der Verunsicherung der Politiker seien aber nicht Politik und Wissenschaft, sondern der "vielstimmige Chor selbst ernannter Experten", für die das Gesundheits- und das Verbraucherschutzministerium in Haftung genommen worden seien. "Es muss uns gelingen, mit einer Stimme zu sprechen, um den Bürgerinnen und Bürgern die nötigen Informationen und die nötige Transparenz zu geben", sagte Bahr.

Grünen-Fraktionschefin Renate Künast hat Bahr und Verbraucherschutzministerin Ilse Aigner (CSU) dagegen mangelnde Führung vorgeworfen. "Als erstes hätten sie einen guten Austausch der Mediziner und Wissenschaftler sicherstellen müssen, zweitens die Vielstimmigkeit und das Hin und Her der Behörden verhindern müssen", sagte Künast der Rheinischen Post.

Der Darmkeim tötete bisher mindestens 32 Menschen. Mehr als 4000 sind bundesweit an Ehec erkrankt oder stehen unter Infektionsverdacht. Auslöser der Epidemie sind mit sehr großer Wahrscheinlichkeit die bereits verdächtigten Sprossen. An diesem Gemüse aus dem Biohof im niedersächsischen Bienenbüttel wurden erstmals Bakterien des aggressiven Typs O104 entdeckt, wie das nordrhein-westfälische Verbraucherschutzministerium am Freitag mitteilte. Unklar ist jedoch weiterhin, wie die Bakterien auf die Sprossen kamen.

Der Hof in Bienenbüttel im Kreis Uelzen ist inzwischen komplett gesperrt und darf kein Gemüse mehr in den Handel liefern. "Nach allen bisherigen Erkenntnissen wurde auf dem Betrieb nichts falsch gemacht", sagte Niedersachsens Landwirtschaftsminister Gert Lindemann (CDU) der Rhein-Neckar-Zeitung. Deshalb müsse der Betreiber des Hofs nicht mit juristischen Konsequenzen rechnen.

Entwarnung für Gurken, Tomaten und Salat

Für Gurken, Tomaten und Salat gab es Entwarnung. Das Robert Koch-Institut, das Bundesinstitut für Risikobewertung, und das Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit teilten am Freitagabend gemeinsam mit, dass die Empfehlung, in Norddeutschland auf deren Verzehr zu verzichten, aus ihrer Sicht aufgehoben werden könne.

Zugleich empfehlen sie, über die üblichen Hygienemaßnahmen hinaus vorsorglich bis auf weiteres keine Sprossen roh zu verzehren. Haushalte und Gastronomiebetriebe sollten noch vorrätige Sprossen sowie möglicherweise damit in Berührung gekommene Lebensmittel vorsorglich vernichten.

Bauernpräsident Gerd Sonnleitner sagte dem Fernsehsender N24: "Das ist heute eine gute Botschaft für die deutschen und europäischen Gemüseerzeuger." Laut Sonnleitner belaufen sich die Verluste für Gemüsebauern bei den drei Produkten Gurken, Tomaten und Salat bundesweit auf etwa 65 Millionen Euro. Auf europäischer Ebene seien es bis zu 600 Millionen Euro.

In den Niederlanden sind am Freitag in einem zweiten Betrieb Ehec-Bakterien auf Rote-Beete-Sprossen nachgewiesen worden. Wie die Behörden des Landes mitteilten, handelt es sich wie bei einem bereits am Donnerstag entdeckten Fall jedoch um einen weit weniger gefährlichen Stamm, als jenen, der für die schweren Infektionen in Deutschland verantwortlich ist. Die amerikanischen Gesundheitsbehörden haben unterdessen einen fünften Fall von Ehec gemeldet. Im Gegensatz zu den vier vorherigen Patienten war die betreffende Person zuvor nicht in Deutschland, wie die Gesundheitsbehörde CDC in Atlanta erklärte.