Digitales Morgen: Debatte zur Digitalisierung Die Gelehrten werden öffentlich

Heute sind es nicht selten die Gelehrten selbst, die Gefallen daran finden, über ihre Forschungsarbeit zu bloggen, zu twittern und in sozialen Netzwerken zu posten, zu kommentieren und zu 'liken'.

Was dies für die Wahrnehmung von Wissenschaft bedeutet und ob die Verlagerung wissenschaftlicher Debatten in die sozialen Medien auch Rückwirkungen auf die Gesellschaft und das Wissenschaftssystem hat, bleibt abzuwarten. Die zu beobachtende Eigendynamik in Wissenschaftskreisen aber geht weit über eine reine Selbstdarstellung hinaus, sie rückt die Diskussion über Forschungsangelegenheiten in Richtung Zentrum der Gesellschaften: In der vordigitalen Zeit zementierte Diskursräume werden durch digitale Kommunikationstechnologien in fachlicher als auch in geographischer Dimension überwunden.

Eine grenzüberschreitende Zusammenarbeit bei immer aufwendigeren Forschungsvorhaben ist heute mehr Pflicht als Kür und die Begleitkommunikation für eine Reihe von Forschern eine essentielle Gelegenheit, die Welt an den persönlichen Forschungsbemühungen teilhaben zu lassen.

Einige verstehen sich gar als "Hard Bloggin' Scientist" (www.hardbloggingscientists.de), die - dem gemeinsamen Manifest der Initiative entnommen - die digitale Sphäre zum kritischen Austausch von Gedanken, Ideen und Ansätzen nutzen und es sich programmatisch zum Ziel gesetzt haben, dies in aller Regelmäßigkeit zu tun.

So wandelt sich die Vorstellung des unnahbaren, in sich gekehrten Intellektuellen zum Bild eines kommunikativen Denkers, der seine Forschung nicht realitätsfern betreibt, sondern für den Erkenntnisfortschritt im Dienste und im Dialog mit der Allgemeinheit.

Licht und Schatten

Der Dialog wird auch extern eingefordert: Die Plagiatsskandale der jüngeren Vergangenheit haben zwar gezeigt, dass das Copy-and-Paste-Verfahren keine Erfindung des digitalen Zeitalters ist. Sie liefern aber einen Beleg dafür, mit welch vermeintlicher Leichtigkeit wissenschaftliche Arbeiten außerwissenschaftlich falsifizierbar geworden sind, siehe Internetportale wie Vronigplag oder Politplag. Das wissenschaftliche Qualitätsmanagement steht unter erhöhtem Rechtfertigungsdruck.

Ob die Wissenschaft zur Überwachung ihrer Integrität solche vermeintlichen Watchdogs braucht, ist letztlich eine Frage, die der Digitalisierung entsprungen ist: Erst sie lieferte Instrumente und Plattformen, damit potenziell Jedermann kollaborativ und öffentlichkeitswirksam Wissenschaftskritik üben kann. In der Lehre wird Plagiatssoftware dabei schon seit Jahren eingesetzt, um studentische Haus- und Abschlussarbeiten zu kontrollieren; denn hier zeigten sich schon früh die Schattenseiten: Seminararbeiten gleichen bisweilen Patchwork-Texten, zusammengestellt aus einem bunten Potpourri elektronisch verfügbarer Publikationen. Schwerwiegender noch ist die Verbreitung digitaler Scheuklappen, die dem Irrglauben entwachsen, alles Wesentliche sei online verfügbar und der Gang in die Bibliothek müßig - keine einfache Folge von Bequemlichkeit, sondern womöglich auch die Nebenwirkung einer sich erst konstituierenden digitalen Wissenskultur.

Wie mobiles Internet die Welt verändert

Alles googlen, Termine organisieren, Fotos teilen - egal wo: Dank Smartphones wird die digitale Welt zum Abbild der Realität - und die Gesellschaft muss sich auf veränderte Bedinungen einstellen. Ein Videobeitrag in der Reihe "Digitales Morgen" von Süddeutsche.de und Vocer. mehr ...

So stehen im digitalen Morgen die Standards wissenschaftlicher Forschung mehr denn je auf dem Prüfstand, auch weil sie durch die Digitalisierung mehr denn je gefährdet und neu verhandelt werden. Das Digitale ist für die Wissenschaft Segen und Fluch zugleich: Im Netz werden nicht nur politische und akademische Schicksale um die Frage eines vermeintlich unrechtmäßigen Doktortitels entschieden. Digitale Informationstechnik präformiert auch immer stärker die Forschungs- und Kommunikationslogiken des Wissenschaftssystems. Solange dies eine kritische Selbstvergewisserung anstößt und mit der Digitalisierung keine Binarität im Denken und Handeln Einzug hält, kann die Wissenschaft von den angestoßenen Transformationen nur profitieren.

Dr. Leif Kramp ist Kommunikations- und Medienwissenschaftler sowie Historiker und arbeitet als Forschungskoordinator am ZeMKI, Zentrum für Medien-, Kommunikations- und Informationsforschung der Universität Bremen. Kramp ist zudem Mitglied des Herausgebergremiums von VOCER.

(Post)Digitales Morgen - ein Debattenabend zur digitalen Gesellschaft

Süddeutsche.de und VOCER zu Gast an der Universität Hamburg am 5. Dezember 2013, 18.30 bis 20.30 Uhr

Vor ein paar Jahren stand an Rechenkraft in großen grauen Kisten auf unseren Schreibtischen, was wir heute problemlos in unserer Hosentasche mit uns herumtragen. In den vergangenen zwei Monaten haben Süddeutsche.de und VOCER sich mit den Folgen dieses technologischen Umbruchs für unsere Gesellschaft auseinander gesetzt. Die Autorinnen und Autoren, begleitet von Animationsfilmen des VOCER Innovation Medialab, beleuchteten dabei verschiedenste Bereiche vom Eigentum und Geld über Wissenschaften bis hin zu Partnerschaften.

Zum Abschluss der gemeinsamen Reihe "Digitales Morgen" wollen wir erneut in Hamburg debattieren: über die postdigitale Gesellschaft, die Rahmenbedingungen einer wirklich digitalen Zukunft und die Frage, wann der digitale Graben verschwindet.

Teilnehmer:

  • Heike Scholz (Mobile-Zeitgeist.de; Expertin für mobile Technologien und Trends) zugesagt
  • tbd (Jemand, der etwas sagen kann zur digitalen Gesellschaft und Netzpolitik)
  • tbd (Jemand, der eher aus der Skeptikerecke kommt)
  • Stefan Plöchinger (Moderation, Süddeutsche.de) zugesagt