Die Sprache der Wissenschaftler "Forscher können so eifersüchtig sein"

Heinz Oberhummer, Kabarettist und theoretischer Physiker am Wiener Atominstitut, weiß, warum es Wissenschaftlern so schwerfällt, verständlich über ihre Arbeit zu sprechen.

Interview Martin Kotynek

Heinz Oberhummer ist Theoretischer Physiker und Kabarettist. In seinem Programm "Science Busters" erklärt der Astrophysiker vom Wiener Atominstitut, was Außerirdische zum Aperitif nehmen und ob kurze Hosen ins Reisegepäck zum Mars gehören. Mit der SZ sprach er über Wissenschaftskommunikation.

Die Sprache der Wissenschaftler

Das gängige Klischee vom theoretischen Physiker.

(Foto: Foto: iStock)

SZ: Das gängige Vorurteil sagt: Theoretische Physiker tragen dicke Hornbrille und kariertes Hemd, kritzeln Formeln auf Wandtafeln, murmeln dazu in verschwörerischem Ton und verstecken sich hinter ihren Rechnern. Was davon stimmt?

Oberhummer: Viele Kollegen forschen tatsächlich am liebsten im stillen Kämmerlein vor sich hin. Sie haben eine gewisse Scheu vor Menschen und wagen sich daher kaum in die Öffentlichkeit. Das liegt aber weniger an ihren Karohemden, sondern daran, dass viele Wissenschaftler gar nicht so über ihre Forschungsergebnisse sprechen können, dass die Allgemeinheit etwas versteht.

SZ: Ist die Materie zu kompliziert?

Oberhummer: Die meisten Kollegen sind so sehr in ihrer wissenschaftlichen Welt gefangen, dass Verständlichkeit in ihren Denkstrukturen und ihrem Arbeitsalltag keinen Platz hat. Warum denn auch? Für den Beruf des Forschers ist es in den meisten Fällen gar nicht nötig, verständlich über seine Arbeit sprechen zu können. Im Gegenteil, es ist für die Karriere oft sogar hinderlich. Populärwissenschaftliches Engagement ist in der Wissenschaftswelt teilweise noch verpönt.

SZ: Gilt das als unseriös?

Oberhummer: Die Vorbereitung von populärwissenschaftlichen Vorträgen ist einerseits sehr aufwendig und kostet viel Zeit - Zeit, die man nicht im Labor verbringen kann. Wer sich auf die Öffentlichkeit einlässt, kann also keine Spitzenforschung betreiben, lautet die Meinung im Kollegenkreis. Andererseits muss man Laien natürlich mit gewissen Details verschonen. So kommt man unter Kollegen in den Verruf, nicht die volle Wahrheit zu sagen.

SZ: Was passiert, wenn sich jemand wie Sie doch vor den Vorhang traut?

Oberhummer: Dann macht er sich damit in der Wissenschaftswelt nicht gerade beliebt. Forscher können ja so eifersüchtig sein!

Wenn sich ein Forscher um Wissenschaftskommunikation bemüht, wird er zwangsläufig in der Öffentlichkeit bekannt - bekannter als ein Wissenschaftler, der vielleicht wesentlich bessere Forschung macht, sie aber nicht vermitteln kann oder will. Das empfinden viele Kollegen als ungerecht. So wird man schnell zum Außenseiter.

SZ: Es kann also dem Ruf eines Forschers schaden, wenn er versucht, verständlich zu sein?

Oberhummer: Aus Furcht vor einem Imageverlust gehen Kollegen sogar so weit, dass sie absichtlich möglichst komplex formulieren, um auf jeden Fall akademisch zu klingen. Dabei bleiben die Zuhörer auf der Strecke.

Meine Friseurin Margarethe hat letztens einen Fachvortrag besucht und anschließend beschlossen, so etwas nie wieder zu tun. Sie hielt sich für dumm, weil sie kaum etwas verstanden hat. Sie hat die Schuld bei sich gesucht, obwohl es an dem lausigen Vortragenden lag.

SZ: Was hätten denn Wissenschaftler davon, wenn sie sich mehr auf die Öffentlichkeit einließen?

Oberhummer: Es gibt durchaus wirtschaftliche Gründe. Die Öffentlichkeit muss erfahren, wie spannend und wichtig Wissenschaft ist. In Europa steht uns ein Mangel an Forschern und Technikern bevor, schon heute entscheiden sich immer weniger Abiturienten für ein naturwissenschaftliches Studium.

Und im Forschungsbetrieb wird es immer schwieriger, Drittmittel einzuwerben, wenn sich die Öffentlichkeit nicht mehr für Forschung interessiert. Politiker geben nur Geld für Dinge aus, die öffentliche Resonanz finden.

SZ: Also sollten gerade die Universitäten an einer guten Wissenschaftskommunikation interessiert sein?

Oberhummer: Das sind sie auch. Fast jede Universität hat inzwischen eine Public-Relations-Abteilung. Aber das Einzige, was die in den meisten Fällen tut, ist, Anfragen von außen an die Forscher weiterzuleiten. Das ist zu wenig.

Die Hochschulen müssten ihre Forscher gezielt in Öffentlichkeitsarbeit schulen. Und wenn es um die Entscheidung geht, ob jemand Professor wird, sollte sein populärwissenschaftliches Engagement eine ebenso große Rolle spielen wie die Anzahl seiner Fachpublikationen.

SZ: Wie muss ein Wissenschaftler seine Forschung erklären, damit Ihre Friseurin Margarethe nicht enttäuscht wird?

Oberhummer: Schluss mit der persönlichen Eitelkeit und möglichst vereinfachen! Man muss sich an die Zielgruppe anpassen. Im Forschungsalltag tun wir das ja auch: Spreche ich auf einem Fachkongress vor anderen Theoretischen Physikern, kann ich den Fachjargon benutzen. Unterhalte ich mich aber mit Medizinern oder Biologen, muss ich schon anders reden.

Das Gleiche gilt, wenn man mit Laien spricht. Dann versuche ich mich in die Lage eines 15-Jährigen zu versetzen. Die meisten Kollegen denken immer nur daran, möglichst korrekt zu formulieren, aber nie, ob die Zielgruppe das so verstehen kann. Alles lässt sich in wenigen Sätzen erklären und auf eine knackige Essenz, eine Schlagzeile zusammenfassen.

SZ: Besteht dann nicht die Gefahr, dass wichtige Inhalte verlorengehen?

Oberhummer: Ich erzähle immer die Wahrheit, aber angepasst an die jeweilige Zielgruppe. Es gibt eine komplexe Wahrheit und eine vereinfachte Wahrheit. Etwas muss nicht falsch sein, nur, weil man es vereinfacht. Schon gar nicht, wenn man im Kabarett auftritt.

SZ: Warum tun Sie sich das eigentlich an - bei all der Kritik, die von Ihren Kollegen kommt?

Oberhummer: Mein Ruf in Wissenschaftskreisen leidet, meine Arbeit ist in den Augen der Fachkollegen weniger wert, ich werde scheel angesehen. Aber das ist mir egal. Auf der Bühne gelten andere Kriterien. Sie können sich gar nicht vorstellen, wie beglückend es ist, als Theoretischer Physiker vor einem Theatersaal voller Menschen zu stehen, die aus Begeisterung für Ihre Wissenschaft applaudieren.