Die Höhle von Lascaux Perfekte Kopie

An diesem Donnerstag öffnet eine weitere Replik der Steinzeithöhle von Lascaux ihre Pforten. Zu bestaunen sind makellose und eindrückliche Nachbildungen der Malereien in Originalgröße.

Von Joseph Hanimann

Ein halbes Jahrhundert Strapazen auf zwanzigtausend Jahre Existenz - das ist überwindbar, möchte man meinen. Doch wenn man für einen Kulturschatz wie die berühmten Höhlenzeichnungen von Lascaux zuständig ist, sagt die Chefkonservatorin des Orts, Muriel Mauriac, schläft man nie mehr ganz ruhig. Die Schäden durch Algen und Schimmel aufgrund des massiven Publikumsandrangs nach der Eröffnung der Höhle 1948 bis zu deren Schließung 1963 schienen zunächst unter Kontrolle gebracht zu sein. Der Zustand der Höhlenwände wird seither streng überwacht und war zufriedenstellend, bis 2006 in manchen Teilen aufs Neue schwarze Flecken durch Mikroorganismen auftauchten. Auch diese Entwicklung hat sich in den vergangenen Jahren verlangsamt, obwohl man in Lascaux heute auf chemische Behandlung verzichtet und neuerdings sogar die seit dreißig Jahren laufende Pumpe zur Kohlenstoffextraktion abgeschaltet hat. Man setzt jetzt auf die natürliche Regulierung. "Solche Werke sind in ihrer Materialität aber nicht unsterblich, Schäden gab es auch schon vor ihrer Entdeckung", sagt Frau Mauriac.

Dennoch muss man tun, was man kann. Zum Beispiel den Rummel um die Höhle herum reduzieren. An die dreihunderttausend Besucher wurden bisher jährlich den Berg von Lascaux hochgekarrt zu "Lascaux 2", der 1983 eröffneten Kopie der Höhle, in der die meisten der vierhundert prähistorischen Tierzeichnungen reproduziert wurden. Damit ist nun Schluss. Der Paläontologe Yves Coppens, emeritierter Professor am Collège de France und seit 2010 Vorsitzender des wissenschaftlichen Orientierungskomitees für Lascaux, drang darauf, dass die zu nah am Original gelegene Replik ebenfalls zu schließen. Ein paar Kilometer entfernt ist am Fuß des Hügels nun "Lascaux 4" entstanden, von dem die Wanderausstellung "Lascaux 3" seit 2012 schon einen Vorgeschmack gab. "Lascaux 4" ist ein Zentrum für Höhlenkunst mit einer neuen Kopie: eine Art begehbares Inventar mit fast allen Zeichnungen in einer Originaltreue, einschließlich Temperatur und Luftfeuchtigkeit, die verblüfft. Die wirkliche Höhle oben auf dem Berg kann derweil etwas von ihrer früheren Ruhe wiedererlangen. Selbst für die Waldarbeiten über ihrer Decke werden statt Traktoren nur noch Zugpferde eingesetzt.

Erstmals wurde die einzige und rätselhafte Darstellung eines Menschen nachgebildet

Nach der vor zwei Jahren eröffneten Kopie der "Grotte Chauvet" in der Ardèche ist die Kunst des Felswandkopierens in Frankreich zu einer Spezialität geworden. Sind wir ins Disney-Zeitalter der Höhlenmalerei getreten? Immerhin wird alles darangesetzt, Touristenattraktionen wissenschaftlich korrekt zu gestalten. Anders als die Chauvet-Höhle, die aufgrund ihrer enormen Ausmaße beim Nachbau auf die interessantesten Stellen verkürzt werden musste, konnte die 200 Meter lange Höhle von Lascaux mit ihren relativ bescheidenen Raumhöhen im Maßstab eins zu eins fast komplett nachgebaut werden. Auch in den Proportionen zueinander stimmen dort also die Bildmotive. Bestechend ist zudem die Wiedergabe der Gesteinsstruktur. Die durchgehende Kalzitschicht der originalen Deckenwand war nicht nur eine hervorragende Grundlage für die Konservierung der Zeichnungen, sondern lässt überdies die schwarzen Striche und bunten Farbflächen gegen das Weiß hervorragend zur Geltung kommen. In der Kopie glitzern die Mikrokristalle des Steins echter als echt. Das gilt auch für die Plastik der Wandreliefformen - etwas vom Spektakulärsten in Lascaux. Im "Saal der Stiere" wirken die den Bruchkanten der Felswand entlang gemalten Hirschgeweihe wie aus dem Stein geschnitten und an einem anderen Ort geht der rot gemalte Rumpf einer Kuh am Nacken längs einer Einbuchtungskante des Steins jäh in Schwarz über, als hätte das Tier den Kopf in den Schatten abgewandt.

Gelungen ist an diesem neuen Centre International d'Art Pariétal die Ausgewogenheit zwischen Nachempfindung und Sachwissen. Ein erster Teil lässt die Besucher nach einem Blick vom Dach aufs Vézère-Tal mit den zahlreichen denkmalgeschützten Höhlen durch eine Dunkelzone in die unterirdische Bilderwelt eintauchen und sich ohne viel Kommentar in die Betrachtung vertiefen. Ein anderer Saal, das "Atelier Lascaux", reproduziert dann einzelne Höhlenpartien fragmentarisch noch einmal und demonstriert durch Laserprojektion die komplizierten Motivüberlagerungen. "Die Qualität dieser Faksimiles ist so hervorragend, dass selbst Forscher für ihre Untersuchungen damit arbeiten können", schwärmt der Prähistoriker Jacques Jaubert. Abgesehen vom besinnlichen Parcours durch Halbdunkel und Stille im ersten Teil will der neue Museumskomplex ohne unnötige Echo- und Tropfgeräuscheffekte - Lascaux ist eine Trockenhöhle - vor allem Verständnishilfe leisten. In einem Nebensaal reflektiert er auch die bewegte Rezeptionsgeschichte der Höhlenmalerei seit dem 19. Jahrhundert.

Als der achtzehnjährige Marcel Ravidat mit Freunden im September 1940 seinen Kopf in die Höhle steckte, weil der Hund ins Erdloch eines entwurzelten Baums gefallen war, herrschte nicht mehr die Skepsis gegenüber Höhlenmalereien, die sechzig Jahre zuvor noch die Entdeckung der Wandbilder im spanischen Altamira begleitet hatte. Im Dezember 1940 stand Lascaux bereits unter Denkmalschutz, 1963 ließ der Kulturminister André Malraux die Höhle für die Öffentlichkeit schließen, 1979 wurde sie mit anderen in diesem Tal der Dordogne ins Weltkulturerbe der Unesco aufgenommen. Die Vielfalt der Maltechnik ist eindrücklich. Die Künstler zeichneten mit Manganoxidstiften, trugen die Farbpigmente bald flächig, bald gestrichelt oder gepunktet auf, bliesen auch Farbstaub übers Motiv und arbeiteten mit Schablonen. Kohle kam hingegen nicht zum Einsatz, was die genaue Datierung erschwert. Fest steht, dass Lascaux mit 20 000 Jahren viel jünger ist als die weit über 30 000 Jahre alte Chauvet-Höhle in Pont d'Arc.

Stilistisch weisen die Darstellungen eine durchgehende Einheit auf, mit Ausnahme eines Motivs in einem Nebenarm der Höhle, der als "Brunnenschacht" (le puits) bekannt ist. Zum ersten Mal ist auch dieses schwer zugängliche Motiv kopiert und für den Besucher begehbar gemacht worden. Es zeigt ein liegendes Strichmännchen - die einzige Menschendarstellung in Lascaux - mit Vogelkopf und erigiertem Glied, vor ihm ein Bison mit heraushängenden Eingeweiden und neben ihm ein Vogel auf einer Art Stange. Können die Darstellungen insgesamt, wie Yves Coppens anregt, als eine große Schöpfungsgeschichte der Welt angesehen werden, deren Deutungsschlüssel noch fehlt, so ist diese Szene eines der großen Rätsel der Höhle.

Der norwegische Architekt Kjetil Traedal Thorsen vom Büro Snøhetta hat für die Kopie hervorragende Arbeit geleistet, nachdem der Brite Frank Christiansen aus dem Projekt ausgestiegen war. Er hat den Waldhügel von Lascaux aufgeschlitzt und ein 150 Meter langes Spitzkantengebäude hineingeschoben. Mit seiner einzigen Seiten- und seiner verglasten Dachfassade lässt der helle Betonbau Licht herein, ohne unserer Vorstellung die Schattenecken zu rauben. 60 Millionen Euro ließen das Département Dordogne und die Region Nouvelle-Aquitaine sich, unterstützt von der EU, das Projekt kosten, in dem Täuschung die Wirklichkeit erfolgreich übertrumpft.