Unsere Weltdeutungsbedürftigkeit ist Ursache aller Religion und Wissenschaft. Doch unser Gehirn verzerrt die Wirklichkeit zu Weltbildern. Deshalb gibt es natürliche Grenzen sinnvollen Fragens.
Ein Schmetterling sieht, was er sieht, der Mensch glaubt, was er zu hören oder zu sehen meint. Um uns zurechtzufinden, müssen wir uns Bilder von der Welt machen, die aber nur Deutungen sind. Diese Weltdeutungsbedürftigkeit ist Ursache aller Religion und aller Wissenschaft - trotz mancher Unterschiede. Beide suchen und geben letztlich Antworten auf die Frage nach dem Wie und dem Warum.
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Arp 273, eine Gruppe von Galaxien, zeigt diese Aufnahme des Hubble-Teleskops. "Die Welt ist unendlich viel komplizierter, als sie uns erscheint." (© AP)
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Viele Märchen der Brüder Grimm enden mit dem Satz: "Und wenn sie nicht gestorben sind, dann leben sie noch heute." Dahinter verbirgt sich der Grundgedanke der aristotelischen Logik, wonach entweder eine Aussage selbst oder deren Negation richtig sein muss. Ein Mensch zum Beispiel lebt oder er lebt nicht - ein Drittes gibt es nicht, tertium non datur. Die moderne Physik lehrt uns im Gegensatz dazu, dass sehr wohl unentschieden sein kann, ob eine Aussage falsch oder richtig ist. Es ist dies dann tatsächlich unentschieden, nicht etwa, dass wir die Wahrheit nur nicht wüssten.
Je nach Ansichtsweise erscheint uns zum Beispiel ein Photon als ein Licht-Teilchen oder als eine Welle. Beide Existenzformen schließen sich gegenseitig aus. Der Wiener Physiker Anton Zeilinger sagt: "Es ist ganz offenkundig sinnlos, nach der Natur der Dinge zu fragen, da eine solche Natur, selbst wenn sie existieren sollte, immer jenseits jeder Erfahrung ist." 1927 schrieb Werner Heisenberg in Konsequenz der aus der Quantenmechanik gewonnenen Naturerkenntnis über die Bahn eines Elektrons: "Die Bahn entsteht erst dadurch, dass wir sie beobachten." Die Beobachtung bestimmt, welches Bild der Natur wir bekommen.
Wie wirklich ist die Wirklichkeit? fragte der Psychoanalytiker Paul Watzlawick bereits vor 35 Jahren. Er beobachtete, "dass die sogenannte Wirklichkeit das Ergebnis von Kommunikation ist".
Auch Zeilinger kommt zu dem Schluss, es mache offenkundig "keinen Sinn, über eine Wirklichkeit ohne die Information darüber zu sprechen". Wir können die Natur nicht ermessen, womit zugleich jede Aussage, etwas sei übernatürlich, unsinnig ist. Anscheinend gibt es natürliche Grenzen sinnvollen Fragens. Die Welt ist unendlich viel komplizierter, als sie uns erscheint.
Die Erkenntnisse der Naturwissenschaftler über das Universum ebenso wie über dessen Bausteine sind mittlerweile so abstrakt geworden, dass man sie sich nicht mehr vorstellen kann. Der Mensch hat zwar gelernt, dass man mit Hilfe der Mathematik die Welt in vielen Aspekten gut beschreiben kann. So weiß er etwa, dass alles, was passieren kann, auch irgendwann einmal passiert.
Aber er glaubt es nicht; nicht nur in Fukushima. Denn er hat keinen Sinn für den Zufall. Gerade kreative Menschen mit der Begabung, durch Assoziation Zusammenhänge aufzuspüren, sind besonders anfällig dafür, Zusammenhänge zu sehen, wo es keine gibt. Sie neigen dazu, auch den blinden Zufall als bedeutungsschwer wahrzunehmen.
Der Zürcher Neurowissenschaftler Peter Brugger folgert, dass aus einer überdurchschnittlichen Ausprägung des Mustersehens auch der Glaube an den Unsinn quasi als Nebeneffekt entstanden ist: "Glaube an Unsinn ist der Preis, den wir für Kreativität zahlen müssen."
Offensichtlich fällt es dem Menschen leichter, an Unsinn zu glauben, als mit Hilfe seines klugen Kopfes zu erkennen: Dies ist Quatsch. Das bewusste Ich ist eben nicht der Herr im Haus, unbewusste Kräfte sind mächtiger. Der Aberglaube bietet dem Menschen ein Mindestmaß an Gewissheit an, wo keine letzte Gewissheit zu haben ist. So lässt sich erklären, warum der Mensch seit Urzeiten Götter nach seinem Bilde schuf.
Forschungsergebnisse belegen, dass der Hang zur Spiritualität sich in der Evolution durchsetzte, weil er für den Menschen nützlich ist. Daraus lässt sich jedoch nicht der Schluss ziehen, es gebe keinen Gott.
"Einen Gott, den es gibt, gibt es nicht", schrieb 1930 der protestantische Theologe Dietrich Bonhoeffer. Der Physiker Werner Heisenberg ergänzte 1942, "dass wir ja gar nicht genau wissen, was das Wort 'Gott' und insbesondere, was das Wort ,es gibt' bedeutet.
Das Wort 'es gibt' ist ja ein Wort der menschlichen Sprache und bezieht sich auf die Wirklichkeit, wie sie sich in der menschlichen Seele spiegelt; über eine andere Wirklichkeit kann man nicht sprechen." Das sehen die Kirchen anders. Und so verwechseln sie ihre Gottesbilder mit Gott.
Viele Menschen leben unbeirrbar mit Weltbildern, die dem Weltverständnis vor zweitausend Jahren und früher entsprechen: Da wird zum Beispiel das Blut des seit dem 1. Mai seligen Papstes Johannes Paul II. als Reliquie verehrt. Oder als Spätfolge einer 1864 von Papst Pius IX. kodifizierten Vorstellung lehnen fromme Bundestagsabgeordnete die Präimplantationsdiagnostik ab. Denn: mit der Verschmelzung von Ei- und Samenzelle werde der Keim mit einer "unsterblichen Seele" begabt. Dabei ist die Vorstellung einer "unsterbliche Seele" ein steinzeitliches Bild.
Warum hält der Mensch an solchen alten Bildern fest? Verständlich ist das, wenn der Anschein dafür spricht, die Sonne scheint ja tatsächlich "aufzugehen". Aber wieso glaubt man an das unverständliche Bild von der Trinität Gottes - des Vaters, des Sohnes, und des Heiligen Geistes? Oder an die Vorstellung einer Wandlung von Brot und Wein in Leib und Blut Jesu bei jeder Messe? Offensichtlich gewöhnt man sich daran, dass es unendlich viel gibt, das man zwar nicht durchschaut, ohne es aber hinterfragen zu wollen.
Bereits das kindliche Weltbild entwickelt sich so: Wahr ist, was Mama und Papa sagen. Es ist freilich Aufgabe des Erwachsen-Werdens, die Wahrheiten der Eltern in Frage stellen zu können. Das muss auch mit den überlieferten Weltbildern geschehen, fällt aber schwer wie jegliche Emanzipation.
Es wäre hilfreich, wenn man sich auf ein Prinzip einigen würde, das der englische Philosoph und Theologe Wilhelm von Ockham im 14. Jahrhundert entwickelt hat: Wenn man einen Sachverhalt auf komplizierte oder auf einfache Weise erklären kann, solle man es zuerst mit der einfachen Erklärung versuchen und diese so lange beibehalten, wie sie den Fakten standhält. Für die Naturwissenschaftler ist dieser Gedanke selbstverständlich geworden.
Doch mit ihm ließen sich auch kirchliche Dogmen anders verstehen. Das Christentum etwa sieht sich in seinen Fundamenten als von Gott offenbart. Bereits in der Steinzeit vermittelten die Schamanen
zwischen Mensch und Gottheit. Sie konnten sich durch Musik, Tanz oder Drogen gezielt in einen von den Psychologen heute gut erklärbaren Ausnahmezustand versetzen, den sie als Gottesnähe verstanden. Im Sinne von Ockham kann man "Offenbarung" allerdings auch einfacher als "kreativen Akt" erklären, wie dies der Schweizer Theologe Othmar Keel tut: also nichts, das von oben kommt, sondern etwas, das im Kopf entsteht - so wie alle unsere Weltbilder.
Der Autor leitete von 1968 bis 2002 das Wissenschaftsressort der Süddeutschen Zeitung. Mit den Themen Religion, Glaube und Wissenschaft hat er sich in mehreren Büchern auseinandergesetzt - zuletzt in "Die Bibel. Eine Biographie" Verlag Galiani Berlin.
- SZ Wissen "Der Kosmos schweigt uns an" 17.10.2008
- Kosmologie "Der Urknall war nicht der Anfang" 09.04.2009
- Wissenschaft und Glaube Forschen für den spirituellen Fortschritt 07.04.2011
- Glaube und Religion Der Gott der kleinen grünen Männchen 25.03.2011
- Studie: Religion in den USA Wissend sind die Ungläubigen 30.09.2010
- Nach Anschlag auf "Charlie Hebdo" Zierfische der Pressefreiheit 04.11.2011
- Proteste gegen "Persepolis" Tunesische Islamisten verurteilen Randale 16.10.2011
(SZ vom 24.05.2011/mcs)
Schlosshotels in Polen
Es gibt Gott und Jesus ist sein Sohn. Meine Argumente sind nicht weniger Wert als dieser konstruierte Schmarrn.
Religion und Wissenschaft so gleichberechtigt in der "Weltdeutung" darzustellen.
Religion betreibt ja keine offene Weltdeutung, sondern Weltdeutung im Hinblick darauf, Menschen zu kontrollieren, manipulieren und unmündig zu halten. Ewige Wahrheiten von alten, machtausübenden Männern in verstaubten Büchern zeugen nicht von Weltanschauung, weil Weltanschauung bedeutet, die Welt anzuschauen. Und so sagte schon Alexander von Humboldt: "Die gefährlichste Weltanschauung ist die Weltanschauung derjenigen, die die Welt NICHT angeschaut haben."
Was soll darüber hinaus denn die Beschäftigung mit dem Begriff "es gibt"? Klar, aus dem philosophischen Standpunkt heraus mag es nett sein, dem Konstruktivismus zu fröhnen, aber erkenntnistheoretisch bringt uns das überhaupt nicht weiter. Überdies ist es doch müßig darüber zu spekulieren, was die Grenzen der Erkenntnis denn sein mögen. Leute vor 2000 Jahren hätten diese Linie doch schon viel eher gezogen. Denkleistungen wie die Relativitätstheorie von Einstein und seine Erkenntnisse über Raum und Zeit wären doch gar nicht möglich gewesen, wenn der Mensch in seinen Alltagserfahrungen gefangen wäre und sich mit "natürlichen" Erkenntisgrenzen zufrieden gegeben hätte. Und heute basiert sämtliche moderne Technik auf diesen Denkleistungen.
Zudem: Gott gibt es, und der heißt Mensch. Der Mensch hat Gott erschaffen...
Warum eigentlich heißt Gott "Gott" und nicht beispielsweise Hermann Meyer oder Isidora Krummnagel...!? Auf Englisch heißt Gott "God" - nur die Schreibweise ist marginal anders als die deutsche. Wir ahnen es schon: God heißt good - der oder das Gute. Für antike Analphabeten musste es die Personenversion sein - DER Gute; sie konnten sich den Begriff GUT nicht anders vorstellen. Der Begriff GUT aber ist einer der beiden Zentralbegriffe der Moral: gut und böse.
Die Frage nach Gott lässt sich nun ganz einfach beantworten: gibt es den oder das Gute, oder gibt es den oder das Gute nicht?
"Das Gute" gibt es als abstrakten Begriff, und der ist Teil unserer Vorstellungswelt.
"Den Guten" stellen sich manche von uns vielleicht als Person vor - ergo ist auch er Teil unserer Vorstellungswelt.
Als ein Teil unserer Vorstellungswelt ist beides real vorhanden, wenngleich nichtgegenständlich: abhängig vom und innerhalb des Menschen.
Wenn nun aber "Gott" bereits auf diese Weise als menschliche Vorstellung existiert, kann er nicht gleichzeitig eine Art Überwesen sein, außerhalb und unabhängig von uns Menschen existierend.
Daher steht auch in der Bibel:
"Niemand hat Gott je gesehen" - (1. Johannes 4, 12)
Eine menschliche Vorstellung pflegt halt unsichtbar zu sein und es auch zu bleiben.
"Einen Gott, den es gibt, gibt es nicht" sagt Dietrich Bonhoeffer zu demselben Sachverhalt.
Ergo gibt es Gott nur als menschliche Vorstellung, aber nicht als "Überwesen" außerhalb und unabhängig von den Menschen.
Theorie, Versuch, Beweis. Das ist Wissenschaft. Zu Gott gibt es nur eine Theorie, viele Versuche aber keinen Beweis. Wer also sagt "ich glaube nicht an Gott" ist selbst auf dem falschen Dampfer weil er wieder glaubt. Ein wissenschaftlicher Mensch wird also sagen das ihm seine Fakten theoretisch darauf hinweisen das es keinen Gott gibt. Da er es aber nicht beweisen kann wird er desen existens nicht voll und ganz anzweifeln. Den ohne Beweis besteht die Möglichkeit.
Freilich hat diese "vielleicht Existens" keinerlei Relevanz für einen solchen Menschen. Im 19 und Anfang des 20 Jahrhunderts waren die Menschen sehr viel weiter als wir heute. Die Zeit der Aufklärung hatte unsere neuen besseren Menschlichen Werte hervorgebracht. Heut zu Tage spricht man wieder von der "Christlich-Jüdischer" Wertegemeinschaft oder sogar vom positiven einfluß zum Fortschritt durch den Islam.
Ein Holzweg der schon oft beschritten wurde und niemals etwas gutes brachte. Geschichte wiederholt sich, der Mensch will in großer Mehrheit eben dumm bleiben. Diese Dummheit resultiert freilich aus der Aroganz des einzelnen. Jeder "Gläubige" hält sich selbst für so wichtig das er keinen Platz für neues Leben machen möchte. Nein er glaubt es wäre wichtig das er im Irgendwo irgendwie weiter existiert.
Aber zu kommen und zu gehen ist der natürliche, wissenschaftliche und auch logische Weg der Natur. Und dafür brauch es keinen Gott, keine Hölle, keinen Himmel.
"Daraus lässt sich jedoch nicht der Schluss ziehen, es gebe keinen Gott."
aus einem wie auch immer konstatierbaren "Hang zur Spiritualität" mag man alle möglichen Schlüsse ziehen, sicher aber nicht den, etwas außerhalb dieser Spiritualität komme eine bestimmte Eigenschaft zu, existiere etwa oder existiere nicht. Solche Dinge passieren, wenn man einen bescheidenen Artikel mit allzu großem Anspruch schreibt ..