Diabetes Zu viel des Guten

Wie eine US-Studie zeigt, schadet eine strenge Diabetes-Therapie den Patienten mehr als sie nutzt. Sie führt offenbar zu mehr Todesfällen und Herzinfarkten.

Von Werner Bartens

Viel hilft nicht immer viel. Dies gilt in der Medizin für etliche Untersuchungen und Therapien. Im Fall der Diabetes-Behandlung kann viel sogar äußerst schädlich sein - etwa wenn Ärzte versuchen, den erhöhten Blutzucker von Diabetikern besonders stark zu senken.

Die Spätfolgen von Diabtes werden durch eine intensive Therapie offenbar nicht verzögert.

(Foto: dpa)

Eine große Untersuchung im Fachblatt Lancet, die am heutigen Mittwoch vorab online erscheint, zeigt, dass durch eine intensivierte Therapie Spätfolgen der Zuckerkrankheit wie Gefäßschäden nicht verzögert werden.

Gegenüber der mäßigen Blutzuckersenkung gibt es keine Vorteile. Auch weitere typische Komplikationen wie Nierenschäden, Nervenstörungen und Einschränkungen der Sehstärke treten bei aggressiver Blutzuckersenkung keineswegs später auf.

"Spätfolgen entwickeln sich in beiden Gruppen ähnlich schnell", sagt Faramarz Ismail-Beigi von der Universität Cleveland, der die Studie geleitet hat.

Im Februar 2008 musste die Accord-Studie mit mehr als 10.000 Diabetikern, in der die moderate mit der strengen Blutzuckersenkung verglichen wurde, nach nicht mal vier Jahren Dauer überraschend abgebrochen werden. Unter Patienten mit intensivierter Diabetes-Therapie war es zu mehr Todesfällen und Herzinfarkten gekommen, so dass alle Teilnehmer auf die mildere Therapie umgestellt wurden.

Für viele Ärzte war das ein Schock, denn sie hatten vermutet, dass der niedriger eingestellte Blutzucker Leben rettet und nebenbei dazu beiträgt, dass Netzhaut, Nervenbahnen und Nierenkanälchen der Diabetiker länger von negativen Folgen des derangierten Zuckerstoffwechsels verschont bleiben.

Ärzte sollten sich in der Diabetes-Behandlung vom "glukozentrischen Weltbild" lösen, forderten unabhängige Mediziner damals. "Nur auf den Blutzucker zu starren, bringt nichts", sagte der Münchner Diabetes-Experte Martin Reincke seinerzeit.

Intensivtheraphie bringt mehrere Nachteile

In der Untersuchung war eine strenge Blutzuckersenkung mit einer Konzentration des glykolsylierten Hämoglobins (HbA1c) von unter sechs Prozent angestrebt worden. Der Wert zeigt den Anteil des roten Blutfarbstoffs an, der an Glukose gebunden ist und gibt Aufschluss darüber, wie gut der Blutzucker zuletzt eingestellt war. Als moderate Blutzuckersenkung in der Studie galten HbA1c-Werte von 7 bis 7,9 Prozent zum Vergleich.

Dass die Intensivtherapie mehrere Nachteile mit sich bringt, ergibt die genaue Auswertung der Accord-Studie, die nun vorliegt. Demnach nehmen Patienten deutlich stärker an Gewicht zu. Zudem ist das Risiko für gefährliche Unterzuckerung um das Dreifache erhöht. Offenbar wollen die Studienautoren um Faramarz Ismail-Beigi aber nicht in aller Deutlichkeit sagen, wie riskant die intensive Blutzuckersenkung sein kann.

Sie führen ein paar diskrete Hinweise für positive Folgen auf. So werden beispielsweise Messwerte durch die strenge Blutzuckersenkung günstig beeinflusst, die normalerweise dafür sprechen, dass Spätfolgen verzögert auftreten. In der klinischen Praxis und für Patienten relevant wirkte sich dies aber nicht aus. Weder Nierenversagen noch verminderte Sehschärfe oder eingeschränktes Berührungsempfinden kamen bei Patienten unter rigider Therapie später vor.

Wahrscheinlich sind die Forscher in Sorge, dass Ärzte wie Patienten aus den ernüchternden Ergebnissen der Accord-Studie den Schluss ziehen, dass es nicht mehr wichtig sei, den Blutzucker zu senken und Diabetiker gut einzustellen. "Das Schema in der Accord-Studie war wahrscheinlich zu aggressiv", sagt Diabetes-Experte Ronald Klein von der Universität Wisconsin.

"Da sich die Zahl der Diabetiker in den nächsten 20, 30 Jahren verdoppeln oder verdreifachen wird, sollte man die aktuellen Ergebnisse aber nicht fehlinterpretieren und zurückfallen in die Zeit der miserablen Blutzuckerkontrollen."