Sein Außeneinsatz auf der ISS stand auf der Kippe, doch dann durfte er die Erde aus einer ganz besonderen Perspektive betrachten. Der deutsche Astronaut Hans Schlegel über Glück und Unwohlsein im All.
Seit sechs Wochen hat er wieder festen Boden unter den Füßen. Im Februar war der Aachener Astronaut Hans Schlegel im Auftrag der europäischen Weltraumagentur Esa elf Tage lang auf der Internationalen Raumstation ISS, um dort Europas Weltraumlabor Columbus anzudocken und in Betrieb zu nehmen.
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Hans Schlegel: (© Foto: Reuters)
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Am Donnerstag hatte Schlegel im Europäischen Astronauten-Zentrum (EAC) in Köln-Porz seinen ersten öffentlichen Auftritt seit der Mission.
SZ: Seit sechs Wochen sind Sie zurück auf der Erde. Was war Ihr wichtigstes Erlebnis auf der ISS?
Schlegel: Es dürfen bei weitem nicht alle Astronauten aussteigen in den offenen Weltraum. Folglich war das Erlebnis für mich persönlich auch das herausragende. Wenn Sie im Spaceshuttle sind oder an Bord der Raumstation, können Sie nur durch kleine Fenster schauen.
Und dann auf einmal sind Sie draußen in der Schwerelosigkeit, außerhalb der Station, und haben praktisch einen Motorradhelm auf. So kommt Ihnen die Sicht dann vor.
Sie erkennen die Krümmung der Erde, nicht mehr nur in einem begrenzten Teil, sondern über etwa ein Fünftel der Erdoberfläche. In dem Moment wird Ihnen bewusst, dass Sie auf Ihr Mutterraumschiff hinunterblicken. Das war ein phantastisches Erlebnis, das ich um nichts in der Welt missen möchte.
SZ: Sie machten Ihren Weltraumspaziergang mit einigen Tagen Verspätung. Zuvor gab es ein Gesundheitsproblem.
Schlegel: Am dritten Flugtag hatte sich bei mir eine medizinische Bedingung eingestellt, die nicht so ganz unüblich ist, die schon mal passiert, aber von der man nicht weiß, wohin sie sich entwickeln wird. In der Mehrzahl der Fälle ist nach zwei Tagen wieder alles stinknormal - aber das weiß man im Vorfeld eben nicht. Und um sicherzustellen, dass wir kein Risiko eingehen, das zu einem vorzeitigen Abbruch des Ausstiegs hätte führen können, hat das Mission Management Team auf dem Boden entschieden, dass ich nicht aussteigen soll.
SZ: War das schwer zu akzeptieren?
Schlegel: Für mich persönlich war es natürlich eine riesige Enttäuschung, als der Commander mir sagte: ,,Hans, es ist entschieden worden, dass du es nicht machst.'' Dann wird einem aber bewusst, dass es keinen Sinn hat zu argumentieren und die Entscheidung gefallen ist.
SZ: Unwohlsein im All zu verspüren, ist doch normalerweise ein Problem, mit dem Erstflieger zu kämpfen haben. Für Sie war es aber schon die zweite Mission.
Schlegel: Es handelte sich bei meinem Problem nicht um die Weltraumkrankheit. Es war nichts, was irgendwie typisch ist für die Schwerelosigkeit. Zwei Tage später hatte sich meine medizinische Kondition normalisiert, sprich das Problem war weg. Es bestand kein Risiko mehr, und es war keine Frage, dass ich den Ausstieg würde machen können.
SZ: Ist es möglich sich in zwei Tagen so sehr zu erholen, dass man in den offenen Weltraum aussteigen kann?
Schlegel: Da es kein Schwerelosigkeitsproblem war - ja. Es war eine ganz alltägliche Sache, die auch hier unten passieren kann, auf der Erde. Es dauert ein, zwei Tage, und es war weg - fertig.
SZ: Warum ist es so eine Ehre, einen Spaziergang im All machen zu dürfen?
Schlegel: Weil Sie eine hohe Verantwortung tragen, für sich selbst und für das Programm. Sie sind in einem autarken Raumschiff, Ihrem Raumanzug.
Alles was Sie machen, muss richtig sein. Sie haben keinen zweiten, der mit Ihnen in diesem Raumschiff sitzt und Ihre Fehler erkennt. Natürlich, es gibt die Bodenkontrolle in Houston, die auch kontrolliert, ob der Anzug funktioniert. Aber letztlich sind Sie alleine verantwortlich. Sie fliegen Ihr eigenes Raumschiff.
SZ: Ihren ersten Einsatz im All hatten Sie vor 15 Jahren während der zweiten deutschen Spacelab-Mission D2 an Bord der US-Raumfähre Columbia. Nun waren Sie mit der Atlantis zum zweiten Mal im All - welche der beiden Missionen war aufregender, schöner, spannender?
Schlegel: Das ist ganz schwer zu beantworten. Es fällt mir auch deshalb schwer, weil ich keine Prioritäten setzen will, also nicht beurteilen möchte, welcher Missions-Inhalt nun wichtiger war. Das Entscheidende bei solchen Weltraummissionen ist, das sie aufeinander aufbauen und alle ineinander greifen. Der spätere Flug wäre ohne den ersten nicht möglich gewesen.
SZ: Der Atlantis-Flug war die logische Fortsetzung der Columbia-Mission?
Schlegel: Ja, mit dem Unterschied, dass ich 1993 Wissenschaftler im Weltraum war. Ich war im All als der verlängerte Arm des großen Wissenschaftlerteams am Boden. 2008 bin ich geflogen als verlängerter Arm des Ingenieursteams, da wir das Columbus-Modul installieren sollten.
SZ: Werden Sie Astronaut bleiben? Oder werden Sie auch in die Bürokratie wechseln, wie Ihr Kollege Thomas Reiter, und Aufgaben auf dem Boden wahrnehmen? Wie sieht Ihre persönliche Zukunft aus?
Schlegel: Naja, als Astronaut nimmt man immer Aufgaben am Boden wahr. Ich bin seit 20 Jahren Astronaut und habe in der Zeit zwei Missionen geflogen. Ja, ich werde in Houston bleiben, zunächst bis zum Ende des Raumfähren-Programms im Jahr 2010. Wenn bis dahin noch ein europäischer Astronaut gebraucht wird, stehe ich zur Verfügung. Ich glaube aber, die Wahrscheinlichkeit ist eher gering.
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(SZ vom 5.4.2008/mcs)
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