Der Philosoph Volker Gerhardt klärt die Argumente der Wissenschaftler und Politiker: Was sollen und was dürfen sie verlangen? Diesmal: Philosophische Auskünfte zur späten Geburt
Die Natur ist auch nicht mehr das, was sie einmal war. Noch im vergangenen Jahrhundert hielt man sie für unwandelbar, und wer sich auf sie berief, galt als konservativ. Heute kann man beinahe täglich miterleben, wie die Natur sich ändert, obgleich uns die Physiker weiterhin versichern, dass es Naturkonstanten wie die Lichtgeschwindigkeit, den Isotopenzerfall und die Schwingung des Quarzkristalls gibt. Doch spätestens das Wissen von der Evolution des Lebens macht uns klar, dass auch die Natur eine Geschichte hat. Sie befindet sich in einem unablässigen Wandel. Der Klimawandel ist da nur ein prominentes Beispiel.
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In den Großstädten wächst der Prozentsatz der Frauen, die bei der Niederkunft älter als 35 Jahre sind, sprunghaft. (© Foto: iStockphoto)
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Die Veränderungen der Natur reichen aber nicht nur von außen an den Menschen heran. Als Naturwesen nimmt er mit seiner Verfassung an ihnen teil. Kultur und Technik setzen ihn zwar von mancher direkten Einwirkung frei, liefern ihn anderen Umwälzungen aber umso stärker aus. Denn die Zivilisation heizt den Umschwung an.
Das Höchstalter steigt und steigt
Die Rodung der Wälder ist dafür ein schon seit Jahrhunderten bekanntes Beispiel. Hinzu aber kommt, dass der Mensch auch mit dem Menschen experimentiert. Er wendet seine Techniken auf sich selbst an und wird so zum Produkt der eigenen Tätigkeit. Manche Veränderungen am Menschen wie das Größenwachstum oder das steigende Lebensalter können wir mit bloßem Auge erkennen.
Andere, wie die immer weiter hinausgeschobene soziale Reifung, müssen wir uns von Soziologen vorführen und erklären lassen. Wieder andere, die sich aus der frühen Anpassung an die neuen Medien ergeben, können wir derzeit nur erahnen.
Zu den dramatischen Veränderungen gehört die späte Schwangerschaft einer sprunghaft ansteigenden Zahl von Frauen. In den Großstädten wächst der Prozentsatz derer, die bei der Niederkunft älter als 35 Jahre sind. Waren es 1995 in Berlin noch etwa 3 000 Frauen, sind es heute weit mehr als doppelt so viele. Hinzu kommt, dass sich das früher für definitiv gehaltene Höchstalter immer weiter nach oben verschiebt.
Dass Frauen noch mit 45 schwanger werden, ist längst keine Seltenheit mehr, und jene Kuriosität der ersten Mutterschaft einer Spanierin mit 67 steht bestimmt schon im Guinessbuch der Rekorde. Die Gründe für diese Entwicklung liegen auf der Hand: Frauen legen größeren Wert nicht nur auf eine abgeschlossene Ausbildung, sondern auch auf ihren Erfolg im Beruf. Fühlen sie sich darin bestätigt, hat der Kinderwunsch ein ganz anderes Gewicht.
Und er kann sich gerade angesichts einer gefährdeten Partnerschaft steigern, weil man, wie eine jener späten Mütter sagte, nicht mit 50 allein frühstücken möchte. Die Begründung macht deutlich, dass der heute zur moralischen Selbstverständlichkeit gewordene Status der Alleinerziehenden zu den Gründen für diese Entwicklung gehört.
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Von verschobenen biologischen Grenzen kann bei auf natürliche Weise Spätgebärenden keine Rede sein. Natur ist und bleibt Natur: Schon immer haben Frauen auch jenseits der Jugendjahre Kinder bekommen - solange es keine Verhütungsmittel gab und sie die früheren Geburten überlebt haben.
Solange eine Frau noch nicht in den Wechseljahren war, bekam sie Kinder. In jeder großen Familie gab die berühmten Nachzügler oder Nesthäkchen, die die Mutter noch mit weit über 40 Jahren noch zur Welt brachten. Und so erklären sich auch die zu jedem Dorf gehörenden, zärtlich gehegten "Dorfdeppen" - denn bei späten Geburten stieg halt das Risiko, dass ein Kind mit Trisomie 21 oder anderen Behinderungen zur Welt kam. Das gehörte dazu, wurde als natürlich in Kauf genommen und kein Mensch hat sich gefragt, warum eine Frau mit über 40 noch ein Kind bekam. Ja, warum wohl? Weil sie Sex hatte. So einfach ist das.
Was heute etwas anders ist, ist die Zahl der Erstgebärenden in spätem Alter. Doch was soll`s - schon die Bibel weiß von Anna, Elisabeth oder Rachel zu berichten, die etwas länger beten mussten, bis Gott ihren Wunsch nach Nachwuchs erhörte. Dass die späten Geburten keineswegs eine Seltenheit, sondern eher die Regel als die Ausnahme waren, zeigt sich auch darin, dass Frauen in dieser Lage in der katholischen Kirche eine eigene Schutzheilige haben. Das ist die besagte Anna, Patronin der Spätgebärenden und Mutter der Gottesmutter Maria.
Übrigens: Auch Männer wurden früher, vor allem in den höheren Schichten, erst in spätem Alter Vater. Für einen Bürgerlichen galt erst das Alter von etwa 40 als gutes Alter, sich zu verheiraten, dann am besten mit einer sehr jungen Frau, die um die 20 war und zahlreichen Nachwuchs versprach. War diese Frau gestorben (im Kindbett), gab es auch bei Männern über 60 keine Skrupel, sich wieder mit einer sehr jungen Frau zu verheiraten, um im Opa-Alter noch weiteren Nachwuchs zu zeugen.
Merke: Was Natur ist, bleibt Natur, und In der Natur geht vieles. Welche Bewertungen man den natürlichen Vorgängen beilegt und welche Regeln für altersangemessenes Verhalten gelten, ist menschengemacht und ziemlich willkürlich.