Debatte über Spritzmitteleinsatz "Ein sparsamer Umgang mit Glyphosat wäre klug"

Ein Teil des heute ausgebrachten Glyphosats könnte eingespart werden.

(Foto: Patrick Pleul/dpa)

Umweltverbänden ist Glyphosat ein Graus, die Bauern wollen aber keinesfalls auf das Spritzmittel verzichten. Jetzt muss die EU entscheiden.

Von Marlene Weiß

Seit Jahren wird über das Unkrautvernichtungsmittel Glyphosat gestritten. Eigentlich wäre jetzt eine Entscheidung auf europäischer Ebene angestanden, ob das Pestizid weiter angewendet werden darf. Doch am Wochenende mehrten sich Hinweise, dass der Beschluss womöglich verschoben wird. An diesem Montag treffen sich die Vertreter der EU-Mitgliedstaaten, um über eine Verlängerung der Zulassung für die kommenden 15 Jahre zu verhandeln. Die EU-Kommission hat vorgeschlagen, das Mittel weiter zu erlauben - nur ein besonders umstrittener Zusatzstoff namens POE-Tallowamin soll künftig verboten sein.

Noch vergangene Woche galt es als sehr wahrscheinlich, dass die Staaten für eine weitere Zulassung votieren. Doch nachdem Frankreich, die Niederlande und Schweden offen ihren Widerstand formuliert haben, wachsen offenbar die Bedenken in Brüssel. "Wenn es keine qualifizierte Mehrheit gibt, dann bezweifle ich, dass abgestimmt wird", sagte ein EU-Beamter der britischen Tageszeitung The Guardian.

So könnte es sein, dass die Glyphosat-Debatte weitergeht. Sie ist seit Längerem durch schrille Töne geprägt. Umweltverbänden ist der Stoff ein Graus, und die Tatsache, dass er sich in vielen Lebensmitteln und in Urinproben nachweisen lässt, hat viele Menschen nervös gemacht. Der Bauernverband dagegen will auf keinen Fall auf Glyphosat verzichten.

Tatsächlich wäre es für viele Landwirte nicht einfach, ganz ohne Glyphosat auszukommen. Seit das Mittel im Jahr 2002 erstmals in der EU zugelassen wurde, ist die Verwendung deutlich gestiegen. Auf etwa 40 Prozent der Ackerbaufläche wird es verteilt. Zum Teil steckt sogar guter Wille dahinter: Seit Jahren werden Bauern vor der Bodenerosion gewarnt, vor allem auf Hanglagen sollen sie mit dem Pflügen vorsichtig sein. Auch kann beim Pflügen Nitrat frei werden, das in die ohnehin schon überdüngten Gewässer gelangt.

Man müsste 1000 Maß Bier trinken

Umweltgift trotz Reinheitsgebot? Die Warnung eines Umweltinstituts findet bei vielen Experten keinen Anklang. Die Industrie spricht von "Panikmache". Von Tina Baier und Berit Uhlmann mehr ...

Ein erheblicher Teil der Glyphosat-Menge könnte relativ leicht eingespart werden

Aber wer nicht pflügt, muss Unkräuter anders loswerden. "Landwirte werden immer versuchen, Unkräuter zu bekämpfen, sie kosten nun einmal Ertrag", sagt Horst-Henning Steinmann, Projektleiter am Zentrum für Biodiversität und nachhaltige Landnutzung der Universität Göttingen. Also kommt Glyphosat zum Einsatz, denn es hat durchaus Vorteile: Es ist spottbillig, wirkt gegen fast jedes unerwünschte Kraut, und im Vergleich zu anderen Mitteln gelangt eher wenig davon ins Grundwasser.

Das macht es freilich verlockend, die Substanz auch dort einzusetzen, wo es anders ginge. Das Umweltbundesamt hält es für möglich, einen erheblichen Teil der jährlich etwa 5000 bis 6000 verwendeten Tonnen Glyphosat einzusparen. Etwa, indem man darauf verzichtet, kurz vor der Ernte noch schnell die störenden Unkräuter wegzuspritzen, was in Ausnahmefällen erlaubt ist.

Abgeerntete Stoppelfelder, auf denen der größte Teil des Pestizids verteilt wird, ließen sich oft schon mit dem sogenannten Grubbern vom Unkraut befreien, eine Art Bodenlockerung. Das ist schonender und billiger als Pflügen. Aber Spritzen bleibt für Bauern oft das Einfachste. Für die Umwelt ist das keine ideale Situation. Allerdings fragt sich, wie viel ein Glyphosat-Verbot daran ändern würde. In den vergangenen Jahrzehnten ist die Artenvielfalt zwar dramatisch zurückgegangen. Aber das liegt auch an Überdüngung, immer dichter stehenden Pflanzen und weniger Natur am Rand der Äcker. Glyphosat ist zwar noch ein Faktor, aber andere Breitband-Herbizide sind nicht unbedingt umweltfreundlicher.

"Ein sparsamer, gezielter Umgang mit Glyphosat wäre klug", sagt Steinmann. Schon im eigenen Interesse der Landwirte: Weltweit sind bereits Dutzende Unkrautarten gegen das Mittel resistent. In Europa sind erst wenige Resistenzen aufgetreten. Aber das kann sich ändern, wenn man es weiter so verschwenderisch verteilt.

Ein vorsorgliches Glyphosat-Verbot ist riskant

Um wenig wird so verbittert diskutiert wie um den Unkrautvernichter Glyphosat. Das ist gut so - und sinnvoller als das Pestizid vom Markt zu verbannen. Ein Kommentar von Hanno Charisius mehr ... Kommentar