Das Virus Schweinischer Erreger

Das H1N1-Virus ist hinterlistiger als Killerviren - weil es die Infizierten lang genug leben lässt, um möglichst viele weitere Menschen anzustecken.

Von Patrick Illinger

Es ist schon vertrackt: Da blickt die Welt seit Jahren besorgt auf die in Asien grassierende Vogelgrippe, und nun kommt aus einem völlig anderen Teil der Erde eine infektionsbiologische Hiobsbotschaft. Ein offenbar in Schweinen herangereiftes Grippevirus ist in Mexiko auf Menschen übergesprungen.

1300 Infizierte und mehrere Dutzend Tote meldet der mittelamerikanische Staat. Internationalen Behörden zufolge hat der Erreger, ein Influenza-Virus vom Typs H1N1, sogar eine Fähigkeit erlangt, die dem Vogelgrippe-Virus H5N1 bislang verwehrt blieb: das Überspringen von Mensch zu Mensch. Genau das macht den neuen Erreger zu einer ernsten Gefahr.

Schauderhafte Assoziationen

Die Paarung der Begriffe H1N1 und Pandemie löst auch bei abgebrühten Virologen schauderhafte Assoziationen aus. Schließlich war es auch in den Jahren 1918 und 1919 ein Influenza-Virus vom Typ H1N1, das weltweit zwischen 25 und 50 Millionen Menschen tötete und als Spanische Grippe in die Geschichte einging.

Die Virulenz der damals auf dem gesamten Erdball wütenden Erregers gilt heute als Schreckensbild dessen, was ein kleiner Batzen Eiweiß in einer medizinisch und technisch hochgerüsteten Zivilisation anrichten kann.

Unter Mikrobiologen gilt das Influenza-Virus längst als die perfekte Waffe, um eine weltweite Seuche zu kreieren. Anders als der vom Volksmund schnell als Grippe bezeichnete "grippale Infekt", ist eine Influenza-Infektion eine handfeste Krankheit. Allein die saisonal wiederkehrende menschliche Variante des Grippe-Erregers tötet jedes Jahr in Deutschland mehrere tausend Menschen.

Gefährlicher als Killerviren

Dem Virus kommt dabei zugute, dass er über die sogenannte Tröpfcheninfektion von Mensch zu Mensch überspringt. Das Husten eines Infizierten füllt den umgebenden Luftraum mehrere Meter weit mit winzigen, unsichtbaren Tröpfchen, die das Influenza-Virus in sich tragen. Die Ansteckungsraten sind daher ungleich höher als bei anderen, spektakulärer klingenden Erregern wie dem Ebola-Virus. Dieses kann nur durch eine Schmierinfektion übertragen werden, also im direkten Kontakt mit Blut oder Sekreten eines Erkrankten.

Hinzu kommt ein weiterer Nachteil von Killerviren wie Ebola, Lassa oder Hanta: Sie töten zu schnell und zu viele ihrer Opfer. Das ist der Grund, warum Ebola in Dörfern Afrikas immer wieder grauenhaft wütet, aber die Ausbrüche lokal begrenzt bleiben. Das Virus ist schlicht zu aggressiv und beraubt sich seines eigenen Lebensraums.

Perfekter Horrordarsteller

All das ist anders beim Grippe-Erreger. Man steckt sich extrem leicht an und Infizierte können die Krankheit auf andere Menschen übertragen, noch bevor sie selbst die ersten Symptome zeigen. Hinzu kommt eine nicht allzu hohe Todesrate, die ihres dazu beiträgt, dass die Seuche sich unaufhaltsam über den Globus ausbreiten kann. Suchte man einen Hauptdarsteller für ein Horrorszenario, das Grippe-Virus wäre die erste Wahl.

Dem Erreger kommt dabei zugute, dass er ein verblüffend simples biologisches Gebilde ist. Sein Erbgut ist knapp und äußerst flexibel, es kann sich selbst neu mischen wie ein Stapel Spielkarten. Neue Eigenschaften gewinnt es hinzu, indem es Teile seines Erbguts mit dem anderer Erreger seines Typs mischt.

Dazu kommt es, wenn ein Tier sich gleichzeitig mit zwei verschiedenen Influenza-Erregern ansteckt. In diesem Fall wirkt der Organismus des Tiers wie ein lebender Schmelztiegel, in dem das Virus alle möglichen Ausdrucksformen seiner selbst kombiniert und ausprobiert.

Dieses aus der Evolution bekannte und auch unter Viren übliche Wechselspiel von Mutation und Selektion erzeugt gelegentlich einen aggressiven Erreger, der den obersten Zweck der Biologie erschreckend gut beherrscht - sich selbst zu mehren und zu verbreiten.

Das aktuell in Mexiko und auch in den USA aktive Virus hat sogar ein Erbgutgemisch, das sowohl auf Schweine- als auch Vogelerreger zurückgeht, gepaart mit menschlichen Viruskomponenten. Es ist eine Kombination, welche die oberste US-Seuchenbehörde CDC "äußerst ungewöhnlich" nennt.

Verbreitungspotenzial noch unklar

Die CDC-Expertin Anne Schuchat erklärte zudem, ein wichtiges Protein auf der Oberfläche des Virus sei bisher nur von Schweineerregern bekannt und dem menschlichen Immunsystem entsprechend unbekannt. Dennoch ist noch nicht klar, ob die neue Form des Influenza-Erregers das Zeug für eine Pandemie hat.

Die Tatsache, dass die Weltgesundheitsbehörde die Gefahrenstufe drei auf einer sechsstufigen Skala bislang beibehält, zeigt, dass auch die Fachleute der internationalen Seuchenbehörden noch abwarten.

Besorgnis erregt jedoch, dass das Virus junge und gesunde Menschen nicht verschont. Nun muss geklärt werden, wie hoch die Todesrate unter den Infizierten tatsächlich ist. Experten halten es für möglich, dass sich in Mexiko weit mehr Menschen angesteckt haben als bisher bekannt ist, was die bislang gemeldeten Todesfälle statistisch relativieren würde.