Das H1N1-Virus ist hinterlistiger als Killerviren - weil es die Infizierten lang genug leben lässt, um möglichst viele weitere Menschen anzustecken.
Es ist schon vertrackt: Da blickt die Welt seit Jahren besorgt auf die in Asien grassierende Vogelgrippe, und nun kommt aus einem völlig anderen Teil der Erde eine infektionsbiologische Hiobsbotschaft. Ein offenbar in Schweinen herangereiftes Grippevirus ist in Mexiko auf Menschen übergesprungen.
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Das Virus unter dem Elektronenmikroskop. (© Foto: Reuters)
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1300 Infizierte und mehrere Dutzend Tote meldet der mittelamerikanische Staat. Internationalen Behörden zufolge hat der Erreger, ein Influenza-Virus vom Typs H1N1, sogar eine Fähigkeit erlangt, die dem Vogelgrippe-Virus H5N1 bislang verwehrt blieb: das Überspringen von Mensch zu Mensch. Genau das macht den neuen Erreger zu einer ernsten Gefahr.
Schauderhafte Assoziationen
Die Paarung der Begriffe H1N1 und Pandemie löst auch bei abgebrühten Virologen schauderhafte Assoziationen aus. Schließlich war es auch in den Jahren 1918 und 1919 ein Influenza-Virus vom Typ H1N1, das weltweit zwischen 25 und 50 Millionen Menschen tötete und als Spanische Grippe in die Geschichte einging.
Die Virulenz der damals auf dem gesamten Erdball wütenden Erregers gilt heute als Schreckensbild dessen, was ein kleiner Batzen Eiweiß in einer medizinisch und technisch hochgerüsteten Zivilisation anrichten kann.
Unter Mikrobiologen gilt das Influenza-Virus längst als die perfekte Waffe, um eine weltweite Seuche zu kreieren. Anders als der vom Volksmund schnell als Grippe bezeichnete "grippale Infekt", ist eine Influenza-Infektion eine handfeste Krankheit. Allein die saisonal wiederkehrende menschliche Variante des Grippe-Erregers tötet jedes Jahr in Deutschland mehrere tausend Menschen.
Gefährlicher als Killerviren
Dem Virus kommt dabei zugute, dass er über die sogenannte Tröpfcheninfektion von Mensch zu Mensch überspringt. Das Husten eines Infizierten füllt den umgebenden Luftraum mehrere Meter weit mit winzigen, unsichtbaren Tröpfchen, die das Influenza-Virus in sich tragen. Die Ansteckungsraten sind daher ungleich höher als bei anderen, spektakulärer klingenden Erregern wie dem Ebola-Virus. Dieses kann nur durch eine Schmierinfektion übertragen werden, also im direkten Kontakt mit Blut oder Sekreten eines Erkrankten.
Hinzu kommt ein weiterer Nachteil von Killerviren wie Ebola, Lassa oder Hanta: Sie töten zu schnell und zu viele ihrer Opfer. Das ist der Grund, warum Ebola in Dörfern Afrikas immer wieder grauenhaft wütet, aber die Ausbrüche lokal begrenzt bleiben. Das Virus ist schlicht zu aggressiv und beraubt sich seines eigenen Lebensraums.
Perfekter Horrordarsteller
All das ist anders beim Grippe-Erreger. Man steckt sich extrem leicht an und Infizierte können die Krankheit auf andere Menschen übertragen, noch bevor sie selbst die ersten Symptome zeigen. Hinzu kommt eine nicht allzu hohe Todesrate, die ihres dazu beiträgt, dass die Seuche sich unaufhaltsam über den Globus ausbreiten kann. Suchte man einen Hauptdarsteller für ein Horrorszenario, das Grippe-Virus wäre die erste Wahl.
Dem Erreger kommt dabei zugute, dass er ein verblüffend simples biologisches Gebilde ist. Sein Erbgut ist knapp und äußerst flexibel, es kann sich selbst neu mischen wie ein Stapel Spielkarten. Neue Eigenschaften gewinnt es hinzu, indem es Teile seines Erbguts mit dem anderer Erreger seines Typs mischt.
Dazu kommt es, wenn ein Tier sich gleichzeitig mit zwei verschiedenen Influenza-Erregern ansteckt. In diesem Fall wirkt der Organismus des Tiers wie ein lebender Schmelztiegel, in dem das Virus alle möglichen Ausdrucksformen seiner selbst kombiniert und ausprobiert.
Dieses aus der Evolution bekannte und auch unter Viren übliche Wechselspiel von Mutation und Selektion erzeugt gelegentlich einen aggressiven Erreger, der den obersten Zweck der Biologie erschreckend gut beherrscht - sich selbst zu mehren und zu verbreiten.
Das aktuell in Mexiko und auch in den USA aktive Virus hat sogar ein Erbgutgemisch, das sowohl auf Schweine- als auch Vogelerreger zurückgeht, gepaart mit menschlichen Viruskomponenten. Es ist eine Kombination, welche die oberste US-Seuchenbehörde CDC "äußerst ungewöhnlich" nennt.
Verbreitungspotenzial noch unklar
Die CDC-Expertin Anne Schuchat erklärte zudem, ein wichtiges Protein auf der Oberfläche des Virus sei bisher nur von Schweineerregern bekannt und dem menschlichen Immunsystem entsprechend unbekannt. Dennoch ist noch nicht klar, ob die neue Form des Influenza-Erregers das Zeug für eine Pandemie hat.
Die Tatsache, dass die Weltgesundheitsbehörde die Gefahrenstufe drei auf einer sechsstufigen Skala bislang beibehält, zeigt, dass auch die Fachleute der internationalen Seuchenbehörden noch abwarten.
Besorgnis erregt jedoch, dass das Virus junge und gesunde Menschen nicht verschont. Nun muss geklärt werden, wie hoch die Todesrate unter den Infizierten tatsächlich ist. Experten halten es für möglich, dass sich in Mexiko weit mehr Menschen angesteckt haben als bisher bekannt ist, was die bislang gemeldeten Todesfälle statistisch relativieren würde.
(SZ vom 27.04.2009/bilu)
Linke-Vize-Chefin Wawzyniak
Ich BEFINDE mich derzeit in Südkalifornien.
Laut dem, was die von der BBC konsultierten Experten im Radio so von sich geben, kann man davon ausgehen, dass der Virus längst nicht nur die Grenze zu den USA übersprungen hat, sondern seine Verbreitung hierzulande sich auch nicht mehr durch simple Maßnahmen wie Grenzschließung, Quarantäne etc eingrenzen lässt.
Trotzdem hält sich meine Panik in engen Grenzen angesichts der Tatsache, dass die Krankheit hierzulande allenfalls bei Kindern unter zehn Jahren ausbricht und bei denen ziemlich harmlos zu verlaufen scheint.
Dass Mexikaner anfälliger sind und die Krankheit dort schwerer verläuft, braucht einen angesichts der dortigen Gesundheitsvorsorge, Ernährungslage etc doch nicht im Geringsten zu wundern!
Keine Panik. astra1971 hat in in einer Beziehung recht (dafür gab es "grün" von mir) und das ist die Gefahr der grenzüberschreitentenden Tiertransporte als Übertragungsweg. Ähnliche Probleme haben wir in Europa auch immer wieder mit der Schweinepest. Aber astra1971 hat in einer anderen Beziehung unrecht. Und das ist der Bezug zur Massentierhaltung. Nein, ich bin auch kein Freund davon aber unter Hygienegesichtspunkten gibt es kaum etwas besseres (Sofern die Regeln eingehalten werden). In Mexico gibt es noch sehr viel kleinbäuerliche Landwirtschaft. Mensch und Tier leben dort viel enger zusammen, als das hier der Fall ist. Das ist auch der Grund warum die Vogelgrippe in Asien immer wieder ausbricht. Viele Menschen, die auf engem Raum mit ihren Tieren zusammenleben und damit eine Übertragung begünstigen. Je größer die Ballungszentren werden, und je mehr Menschen gezwungen sind auf engstem Raum unter unhygienischen Bedingungen mit einander zu leben, desto größer wird die Gefahr, das aus einer Erkrankung eine Epidemie wird. Auch in diesem Fall ist z.B. China viel stärker gefährdet als Deutschland. Deshalb gilt für diesen Fall was auch in anderen Fällen vernünftige Seuchenpolitik ist. Die Isolation der betroffenen Gebiete, Isolation der Erkrankten und Einschränkung des Reise- und Warenverkehrs.
Von einer Pandemie als Gefahr für die Menschheit zu reden ist ohnehin reine Panikmache. Auf diesem Planeten leben etwa 9 Milliarden Menschen . Selbst Hunderttausend Grippeopfer sind keine Gefahr für die Menschheit als solche (Man möchte natürlich nicht zu den Opfern gehören).
Deutschland mit seiner sinkenden Bevölkerungszahl ist auf dem richtigen Weg. Und das ganz ohne Geburtenkontrolle und andere Zwangsmassnahmen. Wohlstand und funktionierende soziale Netze haben das erreicht. Umso mehr bedrohen lasche Lebensmittelkontrollen, Armut und soziale Verwahrlosung das Erreichte wieder. Der Anstieg der Tbc-Fälle (aus Russland eingeschleppt) sollte uns allen genug Warnung sein.
Ist doch wohl nur natürlich, daß bei dem Ausbruch einer neuen, potentiell gefährlichen Krankheit erstmal eine verstärkte berichterstattung erfolgt. Sobald ein gewisser Kenntnisstand vermittelt wurde, reduziert sich das wieder, wie schon seinerzeit bei der Vogelgrippe. Es sei denn, daß sich die Schweinegrippe tatsächlich wesentlich stärker verbreitet und zu hohen Todeszahlen führt. In diesem Fall werden wir wohl alle über alle neuen Entwicklungen informiert sein wollen.
Also, das Gerede über "Panikmache" finde ich angesichts der auf Fakten zentrierten Berichterstattung für überzogen. Und wer gar äußert, dies wäre eine gezielte Aktion um von anderen Problemen abzulenken, macht sich in meinen Augen lächerlich. Nichts gegen eine "vernünftige" Verschwörungstheorie, die auf nachprüfbaren Indizien beruht (schließlich gibt es ja echte Verschwörungen), aber mit nix in der Hand gleich eine globale Manipulation der Medien zu vermuten wirkt doch paranoid.
@ s.kraut:
Meine Anmerkung bezog sich auf den Kommentar von Kunibert Hurtig "Influenza A II". Wenn man schon mit Fachbegriffen um sich haut, dann sollte man sie selbst verstehen und erklären können.
Gruß
Hier ein bisschen Futter für die Verschwörungstheoretiker: Vielleicht ist das Killervirus eine Maßnahme zur Reduktion der Arbeitslosenquote in Zeiten der Wirtschaftskrise.
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