Ein SZ-Wissen-Gespräch mit dem Philosophen Eckart Voland über das Rauchen in einer sittenstrengen Gegenwart.
SZ Wissen: Stört es Sie, wenn ich rauche?
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Narrenfreiheit mit historischem Hintergrund: Raucher Helmut Schmidt. (© Foto: Reuters)
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Eckart Voland: Ja, ich war Raucher und mag mich dem nicht mehr aussetzen - aus psychischen und physischen Gründen. Stört es Sie selbst nicht, wenn Sie rauchen?
SZ Wissen: Nein, sonst würde ich versuchen, es zu lassen.
Voland: Aber Sie wissen, dass es meistens tödlich ist.
SZ Wissen: So wie das Leben, der Straßenverkehr, der Bürostress ...
Voland: Was Sie tun, nennen Psychologen die Diskontierung der Zukunft: Ihnen ist das Risiko, an den Folgen zu sterben, im Moment unwichtig. Die Zukunft hat offenbar keinen so großen Wert für Sie wie die Gegenwart, deshalb werten Sie die Risiken ab.
SZ Wissen: Das Rauchen verschafft mir glückliche Momente, und die gehören nach Ansicht der Forscher ebenso zum Lebensglück wie die allgemeine Zufriedenheit, die dem Einklang mit Werten und Lebenszielen entspringt. Ich will nicht verzichten.
Voland: Wer will das schon? Die Frage ist aber nicht: Verzicht oder nicht? Die Frage lautet: kleiner Verzicht heute oder morgen ein großer?
Menschen unterscheiden sich in der Gewichtung von Gegenwart und Zukunft: Die einen denken bei ihrer Lebensbilanzierung möglichst weit voraus, setzen auf Sicherheit, Kontinuität und kontrollieren die Gegenwart. Andere sind risikobereiter, ihnen ist die sofortige Belohnung wichtiger.
Für beides gibt es evolutionäre Hintergründe, denn das Leben ist ja in der Tat prinzipiell unsicher, und der Abwägungsprozess ist ganz ökonomisch: Soll man für die Zukunft sparen, wenn unklar ist, ob man morgen noch lebt?
SZ Wissen: Stimmt, gespart habe ich auch noch nicht viel.
Voland: Wird die Welt als zuverlässig betrachtet, entsteht Vertrauen in die Zukunft. Macht man hingegen die Erfahrung, dass alles zufällig, unberechenbar ist, und man nicht weiß, ob man morgen beispielsweise noch Arbeit oder eine Partnerschaft hat, wächst die Risikobereitschaft.
SZ Wissen: Das würde Befunde untermauern, nach denen Einkommensschwache, Arbeitslose und Geschiedene stärkere Raucher sind. Raucher zu stigmatisieren, auch die rücksichtsvollen, ist ja momentan sehr en vogue.
Voland: Das finde ich gar nicht gut, denn beide Verhaltenstendenzen, die risikofreudige und die risikoscheue, können mit evolutionär entstandenen, psychologischen Regelmäßigkeiten beschrieben werden. Man sollte sie nicht normativ interpretieren und in moralische Gebote umsetzen. Raucher wissen heute, was sie tun. Man kann den Paternalismus getrost zurückfahren.
SZ Wissen: Andererseits macht der soziale Druck das Qualmen auch interessant: Wer kann es sich noch leisten, trotzdem zu rauchen? Helmut Schmidt zum Beispiel.
Voland: Ich glaube nicht, dass das sein Image verbessert. Aber seine Narrenfreiheit hat tatsächlich diesen historischen Hintergrund: Das Rauchen war früher an Privilegien gebunden, wie man auch an der Frauenbewegung sehen kann. Dass Frauen rauchen, war so verpönt, dass die Frau mit Zigarette später als modern galt. Heute ist Rauchen weniger ein Indikator für Macht und Unabhängigkeit als für Abhängigkeit.
SZ Wissen: Barack Obama übt Verzicht im Weißen Haus, und sogar Jopie Heesters hat mit 103 aufgehört - ist das Rauchen so gestrig?
Voland: Ja, aber für Herrn Heesters ist das möglicherweise nicht gut, denn der Körper muss den Verlust kompensieren. Wer bewiesen hat, dass der Rauch sein Leben nicht verkürzt, sollte weiterrauchen.
SZ Wissen: Dann mache ich mich mal an den Beweis.
Voland: Das würde ich lieber lassen.
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(SZ Wissen, Ausgabe 4/2009/mcs)
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Der Mann - obwohl selber mal Raucher - hat das Problem einfach nicht erkannt.
Das fängt damit an, daß Rauchen ein Genuß ist, Endorphine ausgeschüttet werden und so etwas wie ein Glücksgefühl produzieren. Auf das wollen viele nicht verzichten (wenn niemand sonst nett zu einem ist, dann soillte man wenigstens nett zu sich selbst - ab und zu einmal). Durch genügend Wiederholungen schafft man eine psychische Abhängigkeit.
Das nächste ist die physische Abhängigkeit vom Nikotin. Wenn der Nikotinspiegel eines Rauchers abrutscht, dann wird´s oft kritisch bei ihm ( kribbeliges Gefühl, leichtes Zittern, Schweißausbrüche, usw.)
Beide Arten von Abhängigkeit reichen aus um Raucher zu bleiben. Augenblicklichen Genuß - der auch auf kurze Sicht kein Genuß ohne Reue ist - mit einem früheren Tod abgezinst auf heute in Verbindung zu bringen, ist schlichtweg Quatsch.
Erstens, weil der Mensch interpersonell zu keinen intertemporären Zustandsvergleichen fähig ist, zumindest nicht für solche, die in der Zukunft liegen Niemand weiß wie er auf dem Todesbett als Lungenkrebskranker sich "fühlen" wird oder wie er sich fühlen wird, wenn er 5 Jahre später -vielleicht - normal als Nichtraucher dahinsiehen wird.?
Zweitens, weil die menschliche "time-perspective" total "defective" ist. Wir leben immer im Jetzt und nur bedingt in der Zukunft. (Schlimmer ist nur das Tier; ein Hund kann sich keinen Wurstvorrat zulegen).
Drittens, weil die Verdrängungsleistung des Todes die größte Leistung des Menschen an sich ist (lt. Freud), so nach dem Motto, Krebs kriegen nur die anderen, ich nicht, oder was juckt mich mein Tod heute, sterben muß ich sowieso
Wobei natürlich noch in Rechnung zu stellen ist, daß die Zukunft mit all ihren möglichen Varianten ja gar nicht vorhersehbar ist. Nicht nur die Stunde des Todes ist uns ungewiß, auch die Art, wie wir sterben entzieht sich der Vorhersehbarkeit.
Aufregende Zeiten stehen uns bevor! (Bulgakow-Leser wissen Bescheid.)
Rauchen ist nicht gestrig, Rauchen (von gutem Tabak wohlgemerkt) ist in erster Linie Genuss. Wenn man es denn kann und beherrscht. Das Suchtpotential ist zweifellos deutlich vorhanden, aber dies gilt auch für Zucker und Alkohol. Zu Beginn des Lebens übrigens auch und vor allem für Muttermilch...
;-)
Das viel zu oft fast geifernd oberlehrerhaft-missionarische raus aus dem Grundtenor - und man könnte wenigstens darüber reden. Mit ehemaligen Rauchern ist es am schlimmsten. Kommen sie dann auch noch im Gewand des Wissenschaftlichen daher, wird es meist unerträglich. Wie beim Herrn Filosofen.