Erst als Charles Darwin 1858 erfuhr, dass Alfred Russel Wallace ebenfalls die Evolutionstheorie entdeckt hatte, machte er seine Idee bekannt. Einflussreiche Freunde sicherten ihm den Ruhm als Entdecker.
Der 1. Juli 1858 ist einer der traurigsten Tage in Charles Darwins Leben. Auf dem Friedhof von Down in der Grafschaft Kent tragen seine Frau Emma und er den jüngsten Sohn, Charles Waring, zu Grabe.
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Charles Darwin stellte als erster die Theorie von der Evolution auf. (© Foto: Getty Images)
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Zur gleichen Zeit trauert auf der Insel Ternate im heutigen Indonesien ein zweiter britischer Naturforscher. Der Insekten- und Vogelexperte Alfred Russel Wallace hat soeben seinen treuen einheimischen Begleiter, den 18-jährigen Jumaat, an Malaria sterben sehen.
Darwin interessiert sich in seinem Schmerz kaum dafür, was am gleichen Tag in London passiert, Wallace weiß nicht einmal davon. Am Abend jenes Tages werden vor der Linnean Society, einem altehrwürdigen Club von Naturforschern, drei Schriften verlesen, zwei von Darwin, eine von Wallace. Es ist die erste öffentliche Darlegung der Theorie der Evolution durch natürliche Selektion.
Die beiden Forscher lösen damit an jenem 1. Juli eine wissenschaftliche Revolution aus, wie es sie seit Kopernikus nicht gegeben hat. Darwin und Wallace behaupten, es sei keine übernatürliche Macht nötig, um die Vielfalt biologischer Lebensformen zu erklären. Sie zeigen die natürlichen Mechanismen, nach denen sich Pflanzen- und Tierarten verändern, aussterben oder entstehen.
Obwohl die beiden Forscher bei diesem Ereignis gemeinsam als Entdecker vor der Öffentlichkeit stehen, sollte nur Darwin zur Ikone der Naturforschung werden, Wallace hingegen zur Fußnote. Dabei hätte, formal gesehen, Alfred Russel Wallace der Ruhm als Vater der Evolutionstheorie zugestanden: Er hatte als Erster ein fertiges Manuskript vorgelegt.
Etwa zwei Wochen vor jenem 1. Juli 1858 öffnete Darwin einen Brief, der von der Insel Ternate kam. Absender war Wallace. Darwin vermutete darin Informationen über malaiische Vogelarten, um die gebeten er hatte. Stattdessen fand er ein wissenschaftliches Manuskript, das komplett mit seinen Erkenntnissen übereinstimmt.
Das versetzte ihm einen Schock. Der aus ärmlichen Verhältnissen stammende Waliser Wallace, der Geld mit dem Sammeln von exotischen Käfern und Vogelbälgen verdiente, hatte weitgehend dieselbe Theorie über die Evolution entwickelt wie er selbst.
Darwin hatte sein Gedankengebäude entwickelt, seit er 1836 von einer langen Forschungsreise mit der HMSBeagle zurückgekehrt war. Immer wieder hatte er mit seinen engsten Freunden diskutiert, und bereits 1842 und 1844 Manuskripte aufgesetzt. Doch veröffentlicht hatte er nichts davon. Stattdessen sammelte er über Jahrzehnte Daten, machte Experimente mit Pflanzen und Tauben und erforschte Rankenfußkrebse bis ins letzte Detail.
All das tat er mit dem Ziel, seine Theorie, von der er sicher war, sie würde eine "beträchtliche Revolution in der Naturforschung" auslösen, mit Fakten zu untermauern. Und er tat es in der trügerischen Sicherheit, niemand anders könnte auf derselben Spur sein.
Bruch mit der Lehrmeinung
"All meine Originalität wird zertrümmert", schreibt er unter dem Eindruck des Briefs von Wallace am selben Tag an den Geologen Charles Lyell. "Wenn Wallace meine handschriftliche Skizze vom Jahre 1842 hätte, hätte er keine bessere Zusammenfassung machen können." Als Gentleman kommt es für Darwin nicht infrage, sich jetzt mit einer eigenen Publikation den Vorrang zu sichern.
Es ist jener Charles Lyell, der in den nächsten Tagen die entscheidende Rolle spielt. Für Darwin und Wallace ist Lyell seit langem eine zentrale Figur. In seinem Hauptwerk "Principles of Geology" hatte er den Nachweis geführt, dass Veränderungen auf der Erde über extrem lange Zeiträume und meist graduell voranschreiten.
Das war ein Bruch mit der Lehrmeinung seiner Zeit, wonach allein katastrophale Einschnitte wie die Sintflut das Bild der Erde prägen. Ohne diese geologische Grundlage war die biologische Theorie einer graduellen Entwicklung der Arten, die Wallace und Darwin postulierten, kaum denkbar.
Eigentlich hatte Wallace sein Manuskript für Lyell geschrieben. Er wandte sich nur an Darwin, weil beide bereits miteinander korrespondiert hatten; die Etikette verbot es, den großen Lyell direkt anzuschreiben. So ersucht er Darwin, das Manuskript weiterzuleiten. Um eine Veröffentlichung bat er nicht explizit, so sagt es jedenfalls Darwin später.
Darwin muss die Situation absurd vorgekommen sein. Er hatte mit Forschern in aller Welt korrespondiert, was ihn so viel kostet wie das Jahresgehalt seines Butlers, und ein Netz von Helfern gewoben. Nun war es einer dieser dienstbaren Geister, der ihn um einen Gefallen bat - einen Gefallen, der bedeutete, den Ruhm für das eigene Lebenswerk einem Anderen zu überlassen. Doch Darwin entsprach der Bitte und schickte Wallace' Manuskript an Lyell.
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Vor der EM in Polen und der Ukraine
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Darwin hat erstens in seinen beruehmten Notizbuechern (Ende der 1830er Jahre) mit einer ungeheuren Intensitaet ueber alle moeglichen Aspekte des Evolutions-Gedankens und der Einordnung des Menschen als durch Evolution entstandenes Tier nachgedacht, hat zweitens ueber viele Jahre vielerlei Experimente unternommen (wie lange ueberleben Samenkoerner in Salzwasser?), hat sich, um die Veraenderbarkeit von Arten zu studieren, intensiv mit Taubenzucht beschaeftigt, usw. Die experimentelle wie intellektuelle Akribie von Darwins Befassung mit dem Thema ueber einen langen Zeitraum schon VOR Veroeffentlichung des Opus Magnum Ende 1859 sucht ihresgleichen. Und drittens hatte natuerlich Darwin seine Theorie schon lange vor 1859 in seinem wissenschaftlichen Freundeskreis bekanntgemacht und diskutiert.
Viertens wurden die kurzen Veroeffentlichungen von Darwin und Wallace zunaechst gar nicht beachtet. Erst das grosse Buch On the Origin of Species schlug ein wie eine Bombe.
Wallace hat voellig zu Recht Darwin als den eigentlichen Schoepfer der Evolutionstheorie anerkannt. Dass er es tat, ist ein Beweis fuer sein Format und seine wissenschaftliche Redlichkeit. Es sichert ihm ein ehrendes Andenken.
Letztendlich zählt nur der Inhalt einer Erkenntnis und nicht, wer als erster ein Buch dazu schreibt.