Alles weit weg von Schlumpf und Kälte und Dannemora. Richard Timmons findet das albern, das mit dem Kopf und dem Bösen und dem Menschen als Sklaven des Hirns.

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Er hält sich für unbesiegbar, unangreifbar, er schreibt gerade an einem Buch, in dem ein moslemischer Gefangener aus dem Gefängnis entlassen wird und Rache übt. Es ist klar, dass viel Blut fließen wird.

Sie suchen das Böse? Han Brunner schweigt. Er ist ein stiller Mann. Als der Molekularbiologe aus Nijmegen doch anfängt zu reden, wiegelt er erst einmal ab. Nein, nein, man könne das, was er da entdeckt habe, nicht Aggressions-Gen nennen, das sei wieder so eine typische Überinterpretation.

"Wenn ein Gen unser Handeln beeinflusst, heißt das noch nicht, dass all unser Handeln genetisch ist", sagt er, dann ist wieder Ruhe.

Berühmt geworden ist er trotzdem, weil sie eines Tages einfach in sein Büro spazierte: die Familie mit dem kaputten Gen. 1987 war das, als eine Frau kam und um Hilfe bat. Man habe, sagte sie, Probleme mit den Männern der Familie, seit Generationen schon.

Han Brunner sah sich die betroffenen Männer an, sie waren nicht auffällig. Doch die Frauen waren hartnäckig, erzählten von Aggressionsschüben, Brandstiftung, Exhibitionismus, Vergewaltigung. Also machte sich Brunner an ihre Gene und entdeckte bei allen die gleiche Mutation am gleichen Gen: der Monoaminoxidase A (MAO-A), zuständig für den Abtransport von Neurotransmittern.

Da war es also, ein fehlerhaftes Gen, das das Benehmen der Menschen verändert. 1993 wurden die Ergebnisse publiziert.

Dann war in Nijmegen die Hölle los. Die Welt verkündete die Entdeckung des Aggressions-Gens und Han Brunner war erst einmal damit beschäftigt, die Sache wieder richtig zu stellen.

Da ging es ihm nicht besser als einer Kollegin, die in den sechziger Jahren in Schottland herausfand, dass bei Insassen von Hochsicherheitsgefängnissen eine bestimmte Chromosomen-Anomalie überrepräsentiert war.

Die Medien feierten die Entdeckung des "kriminellen" Chromosoms, dann stellte man fest, dass es auch "normale" Menschen mit der gleichen Anomalie gab, dann schrien wieder alle, dass das überhaupt nichts miteinander zu tun habe.

"Sie wanken von einem Extrem ins andere. Jede neue wissenschaftliche Errungenschaft kreiert ein moralisches Dilemma", sagt Han Brunner, dann schweigt er, dann spricht er: "Wenn wir etwas in der Genetik lernen, dann, dass alle kategorischen Statements falsch sind."

Die Sache sei nun mal kompliziert. Von einem gewaltigen Mosaik spricht Brunner und von winzigen Teilchen, die man jetzt in den Händen halte. Kleinste Bauteile, Winzigkeiten, ein Anfang. Aber ein Richter sollte wissen, wenn ein Mensch genetische Fehler hat. Das schon.

"Stop, Daddy, stop"

Bezirksstaatsanwalt Daniel Saunders kennt nur die Fakten. Er konnte Richard Timmons vier Minuten und siebzehn Sekunden lang zuhören, beim Morden.

Eines der Kinder hatte den Notruf gewählt: 911. Das Band wurde vor Gericht vorgespielt. Erst hört man den Fernseher, Jim Carrey kräht: "Time to go to jail." Dann die Schreie des kleinen Aaron: "Stop, Daddy, stop." Dann Stille. Und Hackgeräusche, minutenlang.

Der Bezirksstaatsanwalt sagt: "Es war eine kleine Axt, das dauert ewig, bis man damit einen Kopf abhackt. Es ist eine verdammte Arbeit." Erst war Sharrone dran, dann die Ehefrau, der siebenjährige Aaron versteckte sich unterm Bett, der Vater zog ihn raus, erst traf er nicht, hackte auf das noch lebende Kind ein, bis auch das erledigt war.

Saunders sagt: "So viel Zeit, um aufzuhören, aber er macht einfach weiter. Zieht den Sohn unter dem Bett vor, nur um keine Zeugen zu haben. Dann geht er ins Bad, duscht sich, wischt mit dem Mob das Blut weg, bis die Polizei die Tür aufbricht. Nennen Sie es, wie Sie wollen."

Timmons knüllt die Chipstüte zusammen, will nichts hören von alten Geschichten. Er will raus hier, berühmt werden, so ist der Plan. Zum Teufel mit dem Bösen.

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(SZ Wissen 06/2005)