Was macht einen Menschen zum Massenmörder? Hirnforscher, Genetiker und Psychologen sind dem Grauen auf der Spur.
Plötzlich ist er da, Häftling 97A5810, setzt sich, legt seine Unterarme auf den Besuchertisch, rechts in der Ecke stehen Aufseher, links hält ein Gefangener Händchen mit seiner Freundin.
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Der Russe Andrej Chikatlio war 42 Jahre alt, als er das erste Mal einen Menschen tötete. Insgesamt soll er mehr als 50 Menschen getötet haben, nachdem er ihnen Lippen, Penisse und Brüste abgebissen hatte. (© Foto: Reuters)
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Richard Timmons lächelt. Er hat einen weißen Pulli an, weiße Turnschuhe, eine weiße Kappe. So viel Weiß. Wie auf seinem Hochzeitsfoto, das bei der Mutter im Album klebt.
An der Gefängniswand hinter ihm hängt ein großer Schlumpf mit Fackel. Es ist, als hätte jemand die falschen Requisiten mitgebracht.
Der Schlumpf lächelt, Richard Timmons lächelt, dann legt er seinen Kopf auf seinen Arm, wie ein kleines Kind.
"Ein Monster, verschlagen, kaltblütig und krankhaft egozentrisch"
Richard Timmons, den seine Mutter noch heute "Big Richy" nennt. "Big Richy", von dem der Bezirksstaatsanwalt in Queens, Daniel Saunders, sagt: "Ein Monster, verschlagen, kaltblütig und krankhaft egozentrisch. Ich habe schon vieles gesehen. Typen, die bei Wendy's sieben Kinder abgeknallt haben, aber keiner war so böse wie dieser Mensch."
Da ist es, das Wort, das sie normalerweise alle meiden, Staatsanwälte und Psychologen, Gehirnforscher und Genforscher. Das Böse - undefinierbar, ungreifbar. Wo sitzt es? Wo beginnt es? Woher kommt es? Wo bekämpft man es? Wann benennt man es?
Es ist kein Zufall, dass man auf der Suche nach dem Bösen in dieser gottverlassenen Gegend landet, im Norden der USA, kurz vor der kanadischen Grenze, in dunkelgrün überzogenem Hügelland. Sie haben hier in Dannemora nichts anderes. Sie leben vom Übel dieser Welt.
Die Gemeinde hat sich um die helle, hohe Mauer der Clinton Correctional Facility herumgelegt wie eine Decke. Tankstelle und Hochsicherheitsgefängnis. Mehr gibt es nicht. Manche nennen diese Gegend "New Yorks Sibirien", weil man hier im Staat New York selbst im Sommer fröstelt.
In diese Kälte hinein spricht Richard Timmons. Redet von seinem neuen Glauben und wie sie ihn, den Moslem, schikanieren; redet von seinem Hass auf Anwälte und wie sie ihn, den Unschuldigen, betrogen hätten; redet von seinen Büchern und wie sie ihn, den Unfehlbaren, berühmt machen werden.
Redet so vieles, doch nur über sich. Redet stundenlang, doch nicht einmal über seine Familie.
Diese Familie, die es nicht mehr gibt. Seine Frau Annita Stewart, seinen Stiefsohn Sharrone, seinen Sohn Aaron, dessen Bild bei der Großmutter an der Wand hängt, in einen weißen Matrosenanzug gepackt. Verhuschtes Kind, dem der Kopf abgehackt wurde an jenem Abend, für den der Vater dreimal lebenslänglich sitzt und an den er sich nicht erinnern mag: den 8. Juni 1997. Ein Sonntag.
"Es war abscheulich"
Richard Timmons sagt, es gebe nichts zu sagen. Frisch geduscht wartete er auf die Polizei, der Kopf seiner Frau war auf dem Ehebett aufgebahrt, darüber Schmierereien von seinem Blut, aus sich selbst zugefügten Wunden: "The Lost Boys is your man."
Nie wird Bezirksstaatsanwalt Saunders den Fall vergessen: "Erst hat er seine Familie abgeschlachtet, dann hat er alles so hingedreht, dass er davonkommt. Es war abscheulich."
Richard Timmons sagt, es gebe nichts zu bedauern. Dann redet er von Drogen, von Liebhabern und von seinem 35-inch-Mitsubishi-Fernseher. Von Schuld kein Wort, auch nicht von Reue. Michael Stone kennt das. Die meisten Menschen, mit denen er sich beschäftigt, benutzen dieses Wort nicht. Sie kennen das nicht: Mitgefühl.
Skala des Bösen
Wer dem Bösen auf der Spur ist, landet zwangsläufig bei Michael Stone, Professor der Psychiatrie an der Columbia Universität, eine Koryphäe auf dem Gebiet der Persönlichkeitsstörungen. Er hat sich umgeben mit Grausamkeiten, hat seine New Yorker Wohnung voll gestopft mit Mörderbiografien.
Er hat den Begriff "evil" wieder gesellschaftsfähig gemacht, hat den schlimmsten Verbrechern Nummern zugeordnet, hat ihnen einen Platz gegeben in seiner Skala des Bösen: "The Gradiations of Evil".
"Kommen Sie", sagt er, "gehen wir das schnell mal durch." Es werden Stunden. Stunden mit Massenmördern, Leichenschändern, Kannibalen. Ian Brady, Charles Manson, Ted Bundy, Marc Dutroux, er hat sie alle eingeordnet in die Kategorien 1 bis 22.
"Wir reden hier von Menschen, die Unvorstellbares machen, immer und immer wieder, Menschen, die wissen, was sie tun und die es ohne Zwang in Friedenszeiten tun", sagt Stone.
Es sei an der Zeit, das Böse zu benennen, weil es wichtig sei zu verstehen, dass es Taten gebe, bei denen keine psychologischen oder sozialen Erklärungen mehr greifen; Täter, bei denen keine Behandlungen mehr nutzen. Kein Plädoyer für die Todesstrafe soll das sein, aber eines dafür, dass es Menschen gibt, die man für immer aus der Gesellschaft entfernen müsse. Unheilbar böse Menschen.
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genau! Und die ganzen Bestien dort wären im römischen Reich oder auf Tonga oder im China der Tang-Zeit ganz liebe brave Menschen ;)
"DAS" " Böse" existiert nicht personifiziert freischwebend im luftleeren Raum, sondern bezieht sich jeweils auf konkrete soziale Situationen, welche von der Rechtsprechung zu klären sind. Leider erwähnt der Artikel nicht die Bewertungskriterien für diese "Skala des Bösen" von 1 bis 22. Vielmehr fokussiert der Text die offensichtliche Faszination an einer dämonisierten öffentlich-sozialen Regelübertretung, statt dem ethischen Aspekt in Hinblick auf die konkret Geschädigten mehr Raum zu geben.
@ Venus Vivat: ich kann Ihre Argumentation verstehen, aber kennen Sie irgendwelche Moerder, die in Freiheit rumlaufen? Ich denke doch, dass das Recht-System bei solchen Faellen ganz gut funktioniert und solche Individuen unschaedlich macht. @ Gerhard Karben: mir ist ebenfalls kein Fall bekannt, bei dem ein einfacher Moerder wieder laufengelassen worden ist, und dann erst nach wiederholtem Mord in's Gefaengnis musste. Hysterie ist doch kein Weg und mir scheint hier wird sich ueber etwas aufgeregt, das mit der Realitaet (von Ausnahmen abgesehen) nicht viel gemein hat.
Ich schließe mich meinem Vorredner an. Auch mir ist es unbegreiflich wieso Kinderschänder, Vergewaltiger und Mörder immer und immer wieder auf die normale Bevölkerung losgelassen werden.
Schon der Begriff "lebenslänglich" ist ein böser Witz, da damit eben nicht "ein Leben lang" gemeint ist, was aber in solchen Fällen dringend nötig wäre.
Ich sah und sehe nicht ein, daß man immer nur von den armen Tätern spricht, die eine schlimme Kindheit hatten (jaja, das kaut ihnen ja schon ihr Verteidiger so vor) und daß man die Opfer dann sogar noch vor Gericht fertig macht, ihnen sogar noch eine Schuld zuweisen will und daß man die Toten schnell vergißt, die nun wegen so einem Monster ihr Leben verloren haben. Für das schwere Leben der Überlebenden interessiert sich dann auch keiner mehr und daß sie trotz Therapien für immer Angst haben und den Alptraum nie wieder los werden, etc.
Die Opfer haben keine weitere Chance. Sie sind entweder lebenslänglich tot oder lebenslänglich von massiven Ängsten gequält. Für sie heißt es aber im Gegensatz zu den Tätern wirklich "ein Leben lang".
Eine notwendige Konsequenz aus diesen Erkenntnissen ist die stärkere Gewichtung der Sicherheit der Gesellschaft gegenüber der Wiedereingliederung der Gewalttäter. Es muß nicht erst zur Wiederholung oder Serie kommen.
Mit freundlichen Grüßen
Gerhard Becker