Von Petra Peschel

Mediziner fordern Vorsorgeuntersuchungen für Angehörige von Darmkrebspatienten mit 40 Jahren - und sehen die Krankenkassen in der Pflicht.

Die Diagnose Darmkrebs ist nicht nur für die unmittelbar Betroffenen schlimm. Wenn es soweit ist, sollten sich nach Einschätzung deutscher Mediziner auch ihre nahen Verwandten stärker mit dem Leiden auseinandersetzen.

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"Die effizienteste Darmkrebsfrüherkennung ist die Koloskopie." (© Foto: vinzenzgruppe.at)

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Denn in vorbelasteten Familien ist das Risiko relativ hoch, besonders früh daran zu erkranken. Das belegt eine Studie des Deutschen Krebsforschungszentrums (DKFZ) in Heidelberg.

Die Wissenschaftler um Hermann Brenner haben Hunderttausende Daten aus zahlreichen Krebsregistern ausgewertet. Dabei konnten sie feststellen, dass 0,4 Prozent der Männer aus unbelasteten Familien bereits im Alter von durchschnittlich 45 Jahren an Darmkrebs erkrankten.

Von ihren Geschlechtsgenossen mit einem Betroffenen in der nahen Verwandtschaft waren allerdings bereits im Alter von bis zu 36 Jahren genauso viele erkrankt - im Schnitt also neun Jahre früher. Und bei Frauen mit familiärer Vorbelastung wurde ein Kolonkarzinom sogar durchschnittlich bis zu elf Jahre früher diagnostiziert.

Insgesamt erkranken in Deutschland Jahr für Jahr schätzungsweise 37.000 Männer und 36.000 Frauen an Dick-, Mast- oder Enddarmkrebs. Darmkrebs ist damit die zweithäufigste Krebsart - nach Brustkrebs bei Frauen und Prostatakrebs bei Männern - und nimmt den zweiten Platz der Krebstodesursachen ein. Nur am Lungenkrebs sterben mehr Männer, bei Frauen fordert Brustkrebs mehr Todesopfer.

Die Angebote der gesetzlichen Vorsorgeprogramme wie das Abtasten des Darms oder ein sogenannter Hämokkulttest auf verborgenes Blut gelten erst für Menschen im Alter von 50 bis 54 Jahren. Von 55 Jahren an besteht Anspruch auf eine Koloskopie. Allerdings erkrankten 2004 allein in Bayern 787 Personen im Alter zwischen 40 und 55 Jahren an einem bösartigen Darmkrebs.

"Alle Angebote zehn Jahre früher"

Hermann Brenner und seine Kollegen vom Krebsforschungszentrum schlagen nun vor, Personen mit familiärer Vorbelastung bereits mit 40 statt wie bisher 50 Jahren in die gesetzlichen Vorsorgeprogramme aufzunehmen: "Es sollte auf jeden Fall gefordert werden, dass für diese Betroffenen auf alle Angebote, die sonst in der Zeitschiene ab 50 beziehungsweise 55 Jahren gemacht werden, zehn Jahre früher Anspruch besteht." Zur Beurteilung einer bestehenden Vorbelastung sei dabei mindestens ein erkrankter Verwandter ersten Grades entscheidend.

Zwar ist eine frühere Vorsorge in den meisten Fällen familiärer Vorbelastung bereits heute Praxis. Doch "es sollte auch als offizielles Angebot verfügbar sein", erklärt Brenner.

Eine vorgezogene Darmkrebsvorsorge ist für Udo Barske vom AOK-Bundesverband "nicht nur Sache der einzelnen Krankenkasse". Nach Überprüfung der Forschungslage "muss darüber der Gemeinsame Bundesausschuss der Ärzte und Krankenkassen entscheiden."

Aus Sicht des Verbandes der Angestellten-Krankenkassen VdAK und der Arbeiter-Ersatzkassen sollten für zeitlich vorgezogene Früherkennungsprogramme die epidemiologischen Daten um weitere Screeningstudien ergänzt werden. Auch sei offen, welche Tests in welcher Kombination zur Anwendung kommen sollten.

Das sieht Brenner anders. "Die mit großem Abstand effizienteste Darmkrebsfrüherkennung ist die Koloskopie." Bei unauffälligem Befund zum Beispiel mit 40 Jahren sei ein Darmkrebsrisiko sehr niedrig. Alle vorliegenden Daten sprechen laut Brenner dafür, dass man dann für die nächsten zehn oder sogar zwanzig Jahre von einem so geringen Risiko ausgehen kann, dass in dieser Zeit kein weiterer Test gemacht werden muss. Wird jedoch frühzeitig Krebs diagnostiziert, lassen sich häufig noch Krebsvorstufen wie etwa Polypen entfernen.

Claudia Widmaier vom Ersatzkassenverband ist skeptisch. Schließlich sind auch Vorsorgeuntersuchungen nicht ohne Risiko. So könne es bei einer Koloskopie zu Blutungen bis hin zu einer Verletzung der Darmwand kommen. "Wir würden eine entsprechenden Ausweitung des Früherkennungsprogramms unterstützen, wenn der gemeinsame Bundesausschuss im Rahmen einer Nutzenbewertung feststellen sollte, dass der Nutzen einer Vorverlagerung der Darmkrebsvorsorge gegeben ist", erklärt Widmaier.

Für Hermann Brenner ist die Frage nach dem Nutzen der frühen Vorsorge jedoch eindeutig geklärt: "Es ist völlig richtig, dass man auch an mögliche Risiken denken muss. Aber man kann hochrechnen, wie viele Darmkrebserkrankungsfälle und wie viele Darmkrebssterbefälle man mit einem solchen Programm verhindern kann." Dem könne man die zu erwartenden Komplikationen gegenüberstellen. "Und da ist die Antwort ganz eindeutig: Der Nutzen ist sehr viel höher als der mögliche Schaden."

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(sueddeutsche.de/mcs/als)