Craig Venter Der Extrem-Genetiker

Der US-Genetiker Craig Venter ist eine der umstrittensten Persönlichkeiten unter den Wissenschaftlern - aber ohne Zweifel auch eine der erfolgreichsten.

Von Markus C. Schulte von Drach

Es ist ihm wieder einmal gelungen, der Erste zu sein. J. Craig Venter hat mit seinem Team eine Zelle geschaffen, die von einem künstlich hergestellten Genom kontrolliert wird.

Es war nur eine Frage der Zeit, bis der umstrittene US-Wissenschaftler seinen nächsten Durchbruch verkünden würde - einen mehr in einer langen Reihe von Erfolgen, die ihm den Ruf eingebracht haben, er wolle Gott spielen. Aber auch wenn Bescheidenheit keine Eigenschaft ist, die man Venter nachsagen würde: Als Herrscher über das Leben sieht er sich eigenen Angaben zufolge nicht.

Der Genetiker, der bereits zweimal auf der Time-Liste der hundert einflussreichsten Persönlichkeiten der Welt stand, gilt vielen als Wissenschaftler ohne Moral, dem es weniger um Erkenntnis als um Ruhm und Geld geht.

Dem Nobelpreisträger und Pionier der DNS-Forschung James Watson wird nachgesagt, er hätte Venter sogar als "Hitler" bezeichnet. Trotzdem gilt er als Kandidat für den Nobelpreis. Im vergangenen Jahr erhielt er von US-Präsidenten Barack Obama die höchste Wissenschaftsauszeichnung der USA, die National Medal of Science.

Auf die Idee, Medizin zu studieren, war Venter eigenen Angaben zufolge während seiner Erfahrungen als Sanitäter im Vietnamkrieg gekommen. Doch dann war es die Biochemie und schließlich die Genetik gewesen, die ihn stärker gefesselt hatte.

Berühmt geworden war Venter 2001, als er ein fast vollständig entschlüsseltes menschliches Genom veröffentlichte - zeitgleich mit der konkurrierenden internationalen Human-Genom-Organisation Hugo.

Ein gravierender Unterschied zwischen den Daten von Venters Unternehmen Celera und Hugo: Venter, dessen Arbeit von der Industrie gefördert wurde, hatte erst 1999 mit der Entschlüsselung begonnen, während seine Konkurrenz bereits seit 1990 an dem Projekt arbeitete.

Seine Methode ist demnach erheblich schneller, gilt aber auch als ungenauer als die Technik der Konkurrenz. Mit seiner Technik war es ihm bereits 1995 gelungen, als Erster das vollständige Genom eines Organismus, der Bakterie Haemophilus influenzae, zu sequenzieren.

Während das Konsortium Hugo aus einer Reihe staatlich geförderter internationaler Forschungszentren bestand und die Daten im Internet veröffentlichte, war Venters Ziel, seine Ergebnisse Interessenten nur gegen Gebühren zur Verfügung zu stellen. Auch ließ er sich die Sequenzierung etlicher Gene patentieren, in der Hoffnung auf die Entwicklung neuer Medikamente. Und nur äußerst ungern verkündeten die Hugo-Wissenschaftler ihren Erfolg gemeinsam mit Venter.

2003 war es dem Genetiker mit seinem Team am Institut für Biologische Alternative Energien (IBEA) in Rockville, Maryland, gelungen, nur innerhalb von vierzehn Tagen ein Virus nachzubauen, Phi-X174. Seine Methode war genauer und wieder erheblich schneller als alle vorherigen Versuche. Bereits damals hatte der Ex-Marine verkündet, das Ergebnis sei "ein wichtiger Schritt auf das Ziel hin, das Erbgut eines (komplexen) Zellorganismus zu erstellen."

2006 gründete Venter, der ursprünglich an eine Karriere als Surfer gedacht hatte, das nach ihm benannte Institut in Rockville. Hier konzentriert er sich vor allem darauf, künstliches Leben zu erschaffen. Für sein "Minimal-Genom-Projekt" nahm er sich Mycoplasma genitalium zum Vorbild, ein Bakterium mit einem winzigen Genom von 500 Genen. Sein Ziel: das noch zu schaffende Wesen Mycoplasma laboratorium, das er auch gleich zum Patent anmeldete.

Sofort protestierten forschungskritische Organisationen, ein künstlicher Organismus dürfte nicht in der Hand eines einzelnen Unternehmens bleiben. Auch bestünde die Gefahr, dass solche Lebensformen nicht nur, wie von Venter geplant, Umweltgifte abbauen, sondern auch zu neuen biologischen Waffen führen könnten.

Bereits ein Jahr später gelang Venters Team, zu dem auch der Nobelpreisträger Hamilton Smith gehört, der nächste bedeutende Schritt: Sie übertrugen das natürliche Genom eines Bakteriums in die Zelle einer verwandten Mikrobe. Das war der Beweis dafür, dass die Genom-Transplantation im Prinzip funktioniert. Parallel zu seiner Arbeit im Labor schickte Venter sein Schiff Sorcerer II los, um die Ökosysteme der Mikroben in den Meeren zu erforschen und neue Gene zu entdecken.

2007 stellte Venter als zweiter Mensch nach dem Erbgut-Pionier James D. Watson sein vollständiges Genom ins Internet. Mehr als 300 Krankheitsgene spürten die Wissenschaftler in Venters DNS auf. Venter nimmt seitdem cholesterinsenkende Mittel, denn in seinen Genen steckt offenbar auch die Anlage für schwere Herzprobleme. Dass Venter dies ernst nehmen sollte, dafür spricht auch der frühe Herztod seines Vaters.

Der nächste wichtige Erfolg auf dem Weg zum synthetischen Lebewesen stellten Venter und Hamilton Smith 2008 vor: ein chemisch hergestelltes komplettes Genom. Eine erste Version des Bauplans für ihr Mycoplasma laboratorium war fertig. Wieder kritisierten besorgte Beobachter seine Arbeit - schließlich ließen sich am Ende mit seiner Technik Biowaffen herstellen. Venter aber betont seine ehrenwerte Ziele: Er möchte künstlichen Bakterien einsetzen, um Ethanol oder Wasserstoff zur Energieerzeugung herzustellen.

Darüber hinaus arbeitet Venter mit den Ölkonzernen BP und Exxon zusammen, um mit Hilfe von Mikroben Kohle bereits unter der Erde in Methan zu verwandeln und Biotreibstoffe aus Algen herzustellen.

Mit dem Erfolg, den Venter einmal mehr im Fachmagazin Science verkünden durfte, wird er sich wieder massenhaft Lob, aber auch jede Menge kritische Fragen einhandeln.