Von Markus C. Schulte v. Drach

Die Tour des Braunbären durch die Alpen und die Versuche, das Tier lebend zu fangen, kann man auch als Kampagne für Natur- und Artenschutz auslegen. Und das darf ruhig was kosten.

Menschen haben offensichtlich ein Bedürfnis nach Symbolen, Zeichen, die für etwas stehen, an das sie ihr Herz hängen.

Finnischer Bärenjäger auf der Suche nach Bruno

Ein finnischer Bärenjäger mit seinem Suchhund auf der Spur von JJ1. (© Foto: dpa)

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Auch Naturschützer bedienen sich vieler Symbole, die für die Umwelt, das Leben und Überleben von Tieren und Pflanzen stehen: Die Wal-Fluke, das süße Robbenbaby, der Pandabär. Die reale ökologische Bedeutung, die diesen Tieren tatsächlich zukommt, ist dabei sekundär - Wale sind überwältigende Titanen der Meere, Robbenbabys und Pandas einfach süß.

Weit schwieriger wird es da mit unbekannten, unspektakulären Arten wie etwa dem "Wachtelkönig" - einer Vogelart, die in Hamburg zu heftigem Streit zwischen Stadtplanern und Naturschützern geführt hatte.

Dem Braunbären JJ1, der derzeit zwischen Deutschland und Österreich pendelt, kommt vor diesem Hintergrund eine doppelte Bedeutung zu. Zum einen sind Braunbären eine schützenswerte Art, die einen von Menschen ausgerotteten Teil der ursprünglichen heimischen Natur darstellt.

Riesiger Erfolg für den Artenschutz

Die Bäreneinwanderung in die Alpen - ausgehend von einer Restpopulation, die sich in Slowenien erhalten hatte - gilt deshalb als riesiger Erfolg des Artenschutzes.

Im italienischen Trentino und in Zentral-Österreich existieren bereits wieder kleine Bärenpopulationen. Doch auch in Deutschland gibt es Gebiete, wo Braunbären leben könnten - zum einen, weil die richtigen Bedingungen herrschen, zum anderen, weil sich Populationen der großen Säugetiere managen lassen würden, wie das Beispiel Österreich eindrucksvoll zeigt.

Als Vorhut einer kleinen Bären-Invasion nach Deutschland wäre der von manchen Medien Bruno getaufte Bär also zu begrüßen.

Außerdem gehört Braunbär JJ1 zu den "symbolfähigen" Arten: Diese Tiere sind imposant und jeder kennt sie - aus dem Zoo, aus Büchern, aus Märchen.

Es ist bitter für Naturschützer, dass sie ihre Mitmenschen leichter zu Spenden für den Schutz von Großsäugern bringen können, als sie von der Bedeutung des "Wachtelkönigs" oder der "Schöngesichtigen Zwergdeckelschnecke" zu überzeugen. Trotzdem ist die vielstimmige Forderung aus der Bevölkerung, Bär Bruno solle leben, Grund zur Freude.

Denn: Es mag ja zynisch oder heuchlerisch wirken, wenn Menschen, die sich kaum Gedanken über Legebatterien und andere Massentierhaltung machen, angesichts eines einzelnen Bären ihre Tierliebe entdecken. Doch immerhin ... sie tun es.

Und für Tier- und Naturschützer bietet Medienbär Bruno eine günstige Gelegenheit, die Aufmerksamkeit auf ihre Themen zu lenken.

Das Geld, dass in die Versuche gesteckt wird, den Bären lebend zu fangen, kann so als Finanzierung einer originellen Medienkampagne pro Arten- und Naturschutz betrachtet werden.

Ein Problem gibt es natürlich: Leider ist JJ1 kein vorbildlicher Vertreter seiner Art: Der Bär ist verhaltensauffällig und kann für Menschen eine Gefahr darstellen.

Für Naturschützer wie die Fachleute vom WWF ist der Besuch aus Italien eine Gelegenheit, zu zeigen, dass es sich bei ihnen nicht um naive Tierliebhaber handelt. Sie unterstützen deshalb zu Recht die Entscheidung des bayerischen Umweltministers Werner Schnappauf, dass der Bär als letzte Maßnahme erschossen werden darf.

Bleibt zu hoffen, dass es nicht so weit kommt. Dann soll Bruno ruhig noch eine Weile die finnischen Elchhunde foppen, als Sympathieträger durch die Alpen und die Medien wandern - und Deutschland darauf vorbereiten, in Zukunft weitere Bären willkommen zu heißen.

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(sueddeutsche.de)