"Choosing Wisely" Wenn Medizin schädlich wird

Viele Ärzte halten technische Neuerungen automatisch für die bessere Lösung - unabhängig davon, ob Patienten einen zusätzlichen Nutzen davon haben.

(Foto: Martin Schutt/dpa)

Unnötige Bluttests und falsche Medikamente: Ärzte haben längst unzählige Maßnahmen identifiziert, die mehr schaden als nützen. Doch für Patienten ändert sich bislang kaum etwas.

Von Werner Bartens

Unbeirrt zieht die moderne Medizin ihre Kreise und nur wenig kann das System erschüttern. Fortschrittsglaube, technische Innovationen und finanzielle Fehlanreize führen dazu, dass Patienten häufig die neuesten und teuersten Therapien angeboten bekommen, aber nicht immer die besten. Die Begeisterung über ein besonders avanciertes Gerät oder ein neues Medikament ist größer als die beharrliche Suche nach dem zusätzlichen Nutzen für die Kranken. Nicht immer bekommt das den Patienten gut.

Dabei haben Ärzte von 2011 an zum Innehalten aufgerufen. Längst ist zu viel und vor allem zu viel falsche Medizin zu einer der größten Bedrohungen für Patienten in den wohlhabenden Ländern geworden. Unter dem Schlagwort "Choosing Wisely" stellten Mediziner Listen auf und gaben Empfehlungen, welche Tests und Therapien besser unterlassen werden sollten, weil sie keine Vorteile haben, jedenfalls nicht für Patienten. Eine ungewöhnliche Aktion: Erstmals wollten Ärzte ihre Patienten in großem Umfang vor unnötiger Behandlung schützen und Überdiagnosen und Übertherapien vermeiden. Jede Kann-wegfallen-Empfehlung ist durch sorgfältige Studien begründet und belegt.

Mittlerweile haben mehr als 60 medizinische Fachgesellschaften 500 Verfahren aufgelistet, die unterbleiben sollten - darunter unnötige Bluttests, Bestimmungen von "Biomarkern", Hirn-Scans nach banalen Stürzen, Antibiotika bei viralen Infekten und Nebenhöhlenentzündungen, Gelenkspiegelungen "zur Orientierung" und vieles mehr. Doch die Bewegung ist nach fulminantem Start ins Stocken geraten, beklagen Autoren um Eve Kerr im Fachmagazin Health Affairs. "Wir müssen strenger sein und uns neue Strategien überlegen", sagt die Internistin, die Gründe für Mängel in der Versorgung erforscht. "Wir haben mit unseren Listen überflüssiger Medizin zwar die Grundlage bereitet, aber jetzt müssen wir jene Tests und Therapien benennen, die wirkliche Qualitätssprünge in der Versorgung ausmachen und die ärztliche Praxis tatsächlich verändern."

Vor 20 Jahren lautete das Ziel: So viel Medizin wie möglich, für möglichst viele Patienten

In Washington diskutieren Fachleute gerade, wie sie einer besseren Medizin zum Durchbruch verhelfen. Denn an die Choosing-Wisely-Empfehlungen halten sich immer weniger Ärzte. Gewohnheiten lassen sich nur langsam verändern, manche Doktoren halten daran fest, obwohl sie Patienten damit mehr schaden als nützen. Kerr und ihre Mitstreiter wollen in Empfehlungen zukünftig vor allem jene Praktiken anprangern, die Patienten besonders häufig unnötig belasten. In Deutschland zählen Röntgenaufnahmen vom Rücken, Kniespiegelungen, Antibiotika bei grippalem Infekt und Herzkatheter dazu. Zudem widersprechen sich die Empfehlungen der Fachgesellschaften häufig, etwa in der Medikamentengabe für ältere Leute oder der Therapie von Rückenschmerzen. Hier tut Vereinheitlichung not. Auch werden zu selten die Wünsche der Patienten berücksichtigt. Manch 60-Jähriger ist nach einer Hüftoperation froh, noch die Treppen in den zweiten Stock seiner Wohnung zu bezwingen - ein anderer will mit dem neuen Gelenk wieder Marathon laufen.

"Durch Choosing Wisely sind manche Leute erst darauf aufmerksam geworden, dass zu viel Medizin Menschen schaden kann", sagt Jeff Kullgren, der ebenfalls an der Diskussion beteiligt ist. "Wir haben so viele Belege dafür. Jetzt müssen wir unser Medizinsystem auch besser und effizienter machen." Immerhin habe sich das Bewusstsein verändert. Vor 20 Jahren sei es noch das Ziel der Medizin gewesen, möglichst vielen Patienten möglichst viel Medizin zukommen zu lassen. In der gegenwärtigen Praxis weist allerdings vieles darauf hin, dass dieses Dogma noch immer dominiert - so wie auch andere veraltete Denkmuster unverrückbar erscheinen.

Viele Ärzte halten beispielsweise technische Neuerungen automatisch für die bessere und elegantere Lösung - unabhängig davon, ob Patienten einen zusätzlichen Nutzen davon haben. Erst in jüngster Zeit, von 2008 bis 2016 etwa, wurden Menschen mit Bluthochdruck Nervengeflechte um die Nierenarterien mittels einer neuartigen Kathetertechnik verödet. Tausende Patienten ließen die Behandlung über sich ergehen, bis vor Kurzem eine sorgfältige Analyse zu dem Schluss kam, dass die Kranken keinerlei Vorteil davon hatten.

Die Maschine überstreckte die Hüfte vieler Patienten derart, dass Nerven beschädigt wurden

Ähnlich ausgeprägt ist der Glaube an automatisierte Verfahren im OP-Saal. Eine aktuelle Untersuchung im Fachmagazin JAMA zeigt eindrucksvoll, dass Operationsroboter kaum Vorteile bieten. Zur Entfernung der Niere erwies sich die Technik gegenüber herkömmlichen Verfahren nicht als überlegen. Der Eingriff war aber kostspieliger und dauerte länger, was für Patienten von Nachteil ist. Weniger Nebenwirkungen traten hingegen nicht auf. "Trotzdem ist der Anteil der Roboter-assistierten Eingriffe ständig gestiegen und übertrifft seit 2015 den der konventionellen Operation", sagt der Urologe Benjamin Chung, der an der Studie beteiligt war. "Natürlich gibt es auch Anreize von Seiten der Kliniken, teure Ausrüstung zu benutzen."

Ärzte sind offenbar dennoch überzeugt, dass Roboter oder andere ausgefeilte Techniken delikate Eingriffe genauer vollziehen als erfahrene Operateure. Das kann im Einzelfall zutreffen. Hartwig Bauer, langjähriger Generalsekretär der Deutschen Gesellschaft für Chirurgie, erinnert sich an die Begeisterung für den "Robo-Doc" vor ein paar Jahren, der Hüftoperationen exakter ausführen sollte. "Die Operation hat Kollege Roboter gut hinbekommen, aber für den Eingriff musste die Hüfte der Patienten so überstreckt werden, dass sie Nervenschäden davontrugen. Roboter-Hinken hieß das, wenn wir jemanden damit durch die Klinik humpeln sahen", sagt der ehemalige Chefarzt. "Inzwischen stehen die Roboter in den Kliniken im Keller."