Chinesische Medizin Krebs durch Kräutermix

Viele Menschen hoffen auf sanfte Heilung durch fernöstliche Kräutermischungen. Doch einige der Pflanzen haben verheerende Wirkungen. Forscher fordern ein weltweites Verbot.

Von Werner Bartens

Kräuter sind gesund, weil sie natürlich sind und die Natur es gut mit uns meint. Nach diesem schlichten Glaubenssatz findet die Traditionelle Chinesische Medizin auch in Deutschland immer mehr Anhänger, die der fernöstlichen Heilkunde Wunderdinge nachsagen. So sollen Pflanzen, die Aristolochiasäuren enthalten - so etwa die Pfeifenblume -, gegen zahlreiche Gebrechen helfen. Sie werden daher gegen Leiden wie Asthma, Rheuma, Depressionen, Tetanus, Verstopfung, Menstruationsleiden und Syphilis eingesetzt.

Chinesische Kräutermedizin, Reuters

Forscher wollen chinesische Kräutermischungen stärker kontrolliert sehen.

(Foto: Foto: Reuters)

Wissenschaftlich bewiesen ist der Nutzen aber nicht. Dafür werden vermehrt Nebenwirkungen der Aristolochiasäuren bekannt, die nicht nur in Pfeifenblumen, sondern auch in Haselwurz und Osterluzeigewächsen vorkommen. Ärzte der National-Universität Taiwan beschreiben im Fachblatt Journal of the National Cancer Institute, dass Kräuter mit Aristolochiasäuren das Risiko für Tumore im Urogenitaltrakt erhöhen (Bd.102, S.1, 2009).

Die Forscher hatten anhand von Daten der Krankenkassen fast 4600 Patienten mit Unterleibskrebs - hauptsächlich Blasenkrebs - identifiziert, die innerhalb von fünf Jahren neu an dem Tumor erkrankten. Dann ermittelten sie, ob die Patienten Kräuterzubereitungen zu sich genommen hatten. Besonders die als Mu Tong und Fangchi bezeichneten Produkte enthalten Aristolochiasäuren. Je mehr dieser Kräuter die Patienten zu sich genommen hatten, desto höher war ihr Krebsrisiko. Es ließ sich eine klare Dosis-Wirkungsbeziehung nachweisen, bei hohem Konsum war die Tumorgefahr mehr als verdoppelt. Um andere Ursachen für Blasenkrebs nicht zu vernachlässigen, schlossen die Wissenschaftler aus, dass die Patienten vermehrt arsenhaltigen Stoffen ausgesetzt waren.

Dass Pflanzenpräparate und andere therapeutische Mischungen, die Aristolochiasäure enthalten, Krebs auslösen und zu akutem Nierenversagen führen können, wird in der Fachwelt schon länger diskutiert. 1993 setzte in Belgien bei mehreren Patienten die Niere aus, was nach genauen Analysen auf chinesische Kräuter zurückzuführen war.

Im Jahr 2008 hatten Nephrologen der Universität Brüssel von noch dramatischen Folgen nach Einnahme einer Kräutermixtur berichtet. Sie hatten 38 Patienten betreut, die viele Jahre nach einer Nierentransplantation erneut an Niere oder Blase erkrankt waren und einen Krebs an diesen Organen entwickelt hatten. Die Tumore ließen sich auf den länger zurückliegenden Gebrauch von Kräutermischungen mit Aristolochiasäuren zurückführen. Die Forscher aus Taipeh haben ermittelt, dass im Untersuchungszeitraum 118 neue Fälle von Urogenitalkrebs auf den Genuss von Kräutermischungen zurückgingen, was immerhin etwa drei Prozent der neuen Tumore von Blase und Niere entspricht.

Kräutermischungen mit Aristolochiasäuren sind zwar in einigen Ländern mittlerweile verboten. "Man muss die Produkte mit Aristolochiasäuren weltweit verbieten, aber auch chinesische Kräutermischungen kontrollieren, da sie mit solchen Pflanzen verunreinigt sein können", sagt Jung-Der Wang, der Leiter der taiwanesischen Arbeitsgruppe. "Außerdem sollten Patienten, die Mu Tong und Fangchi zu sich genommen haben oder schon mal ein Nierenversagen wegen dieser Kräuter hatten, regelmäßig auf Urogenitalkrebs untersucht werden."