Von Andreas Grote

Wenn die Bäume im Herbst ihr Laub verlieren, dann ist das meist ein harmloser Vorgang. Nicht so beim Ahorn. Seine Blätter besitzen eine giftige Chemikalie, mit der die Bäume ihr Revier vor Eindringlingen schützen.

Die Blätter der meisten Laubbäume färben sich im Herbst, weil die Pflanzen kein grünes Chlorophyll mehr produzieren. Dadurch wird der Blick auf gelbe und orangefarbene Pigmente frei.

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Giftiges Rot beim Ahorn. (© Foto: dpa)

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Der Ahorn aber ist eine Ausnahme. Seine scharlachrote Farbe entsteht nicht durch Pigmente, sondern durch eine giftige Chemikalie. Damit schützen diese Bäume ihr Revier vor Eindringlingen, die ihnen im nächsten Frühjahr Nährstoffe und Wasser streitig machen könnten, haben Biologen um Frank Frey von der Colgate-Universität in New York herausgefunden.

Frey extrahierte die Farbstoffe aus roten und grünen Ahornblättern sowie aus gelben und grünen Buchenblättern und schüttete sie über Salatsamen. Dabei stellte sich heraus, dass der Extrakt der roten Ahornblätter die Keimfähigkeit und das Wachstum des Salats stark beeinträchtigten.

"Wenn die scharlachroten Laubblätter im Herbst auf den Boden fallen, gelangen die roten Moleküle ins Erdreich und töten etwaige Konkurrenz rund um den Baum ab", sagt Frey.

Auch andere Bäume schalten Konkurrenten mit Hilfe von Giftstoffen aus, allerdings ohne die optische Auffälligkeit des Ahorns. Der Walnussbaum beispielsweise bildet in seinen Blättern ein für ihn selbst ungiftiges Vorprodukt, das Glykosid Hydrojuglon. Es gelangt über die Wurzeln, die Nussschalen oder die Blätter in den Boden und wird dort in das giftige Juglon umgewandelt.

Eine ähnliche Methode fand der Ökologe Barry Clinton von der Southern Research Station des US-Forstamtes beim Kastanienbaum. Lange Zeit waren Wissenschaftler davon ausgegangen, dass die Kastanienbäume in den Wäldern der Appalachen ihr Umfeld dominieren, indem sie schnell wachsen und anderen Pflanzen die Sonne wegnehmen.

Clinton aber stellte einen Extrakt aus abgefallenen Herbstblättern des Kastanienbaums her und goss damit Keimlinge von fünf Baumarten, die mit der Kastanie konkurrieren. Dabei stellte er fest, dass der Extrakt das Keimen der anderen Baumarten unterdrückte. Apfelbäume verhindern sogar das Keimen arteigener Samen in ihrem direkten Umfeld. Sie geben Phlorizin über die Wurzeln in den Boden ab, wo es in Gifte umgewandelt wird.

Die chemische Kriegsführung ist keineswegs auf Laubbäume beschränkt: Kiefernnadeln zum Beispiel setzen beim Verrotten eine Säure frei, die in die Erde übergeht. Dadurch werden alle in der Nähe der Wurzeln sprießenden Konkurrenten unterdrückt. Und auch Broccoli, Gurken, Sellerie sowie Waldmeister und Wermut scheiden Giftstoffe über die Wurzeln aus, die es anderen Pflanzen schwer machen, sich in ihrer Nähe niederzulassen.

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(SZ vom 17.10.2006)