Chemie-Nobelpreisträger Ertl "Ich kann nicht verstehen, warum gejammert wird"

Der frischgekürte Chemie-Nobelpreisträger Gerhard Ertl hat die Ehrung mit einem Lob des Forschungsstandortes Deutschland beantwortet. Er könne gar nicht verstehen, warum sich die deutsche Wissenschaft beklage.

Ein besonderes Geschenk zum Wiegenfest: Am heutigen Mittwoch, seinem 71.Geburtstag, erfuhr Gerhard Ertl, dass er im Dezember den Nobelpreis für Chemie in Stockholm entgegennehmen wird. Ausgezeichnet wird er für seine Studien von chemischen Verfahren auf festen Oberflächen.

Gerhard Ertl

Der Anruf aus Stockholm kam am Geburtstag Gerhard Ertls

(Foto: Foto: dpa)

Ertl, der einen Großteil seiner Forschertätigkeit in Hannover, München und Berlin ausübte, hob bereits in einer ersten Reaktion die Qualität des Forschungsstandorts Deutschlands hervor. "Ich habe hier nie Probleme gehabt. Ich kann auch nicht verstehen, was alles so gejammert wird über mangelndes Geld." Deutschen Forschern gehe es vielfach besser als in den USA.

Der Physiker, der mit der höchsten Auszeichnung im Fach Chemie geehrt wird, hat sich seit den sechziger Jahren einen Namen im Gebiet der Oberflächenforschung gemacht. Mit weit mehr als 500 international renomierten wissenschaftliche Arbeiten gilt er heute als Pionier des Fachgebietes.

"Wir haben es hier mit einem Mann zu tun, der einfach in einer Klasse für sich gearbeitet hat", sagte das Mitglied des Nobelpreiskommitees Håkan Wennerström. Bei Ertls Arbeit sei der "systematische deutsche Ansatz" zu seinem Recht gekommen. Kein Wunder: Ertls Karriere vollzog sich großteils in Deutschland.

Geboren am 10. Oktober 1936 in Stuttgart-Bad Cannstatt, begann Ertl 1955 das Studium der Physik, das ihn von Stuttgart nach Paris und München führte. Danach ging er an die Technische Universität München, wo er 1965 mit einer Arbeit "Über die Kinetik der katalytischen Oxidation von Wasserstoff an Germanium-Einkristallen" promovierte. Dort habilitierte er sich auch mit der "Untersuchung von Oberflächenstrukturen und -reaktionen mittels Beugung langsamer Elektronen".

Seine erste Professur trat er an der Universität Hannover an, bevor er 1973 als Leiter des Instituts für Physikalische Chemie und Elektrochemie an die Ludwig-Maximilians-Universität München wechselte. Er war in dieser Zeit dreimal Gastprofessor in den Vereinigten Staaten: 1976/77 am renommierten California Institute of Technology (Caltech) in Pasadena, 1979 an der Universität von Wisconsin in Milwaukee und 1981/82 an der University of California in Berkeley.

Von 1986 bis 2004 war er Leiter der Abteilung für Physikalische Chemie am Fritz-Haber-Institut der Max-Planck-Gesellschaft in Berlin. 1986 erhielt er die Ehrenprofessur der Freien und der Technischen Universität Berlin und 1996 auch die der Humboldt-Universität. Ertl hat zusätzlich fünf Ehrendoktorwürden erhalten. Er ist verheiratet und hat eine Tochter.