Chemie der Ölgemälde Gelbfieber

Auf Bildern Vincent van Goghs und anderer Maler seiner Epoche wird das Gelb immer dunkler. Forscher haben die Ursache geklärt - und suchen jetzt nach Wegen, die Farbe zu retten.

Von Christian Weber

Wäre Vincent van Gogh besser bei Kasse gewesen, dann müsste man sich heute gar nicht mit dem Problem herumschlagen: Dass das Pigment Chromgelb auf der Leinwand zum Nachdunkeln neigt, war eigentlich schon im frühen 19. Jahrhundert bekannt; farbstabilere Alternativen wie das Cadmiumgelb standen zwar schon damals zur Verfügung. Doch Chromgelb war billig - und der Künstler war klamm.

So kommt es, dass Kuratoren heute mit Bestürzung beobachten, wie ihre mittlerweile unbezahlbaren Kunstwerke immer bräunlicher werden. Das ist bei van Gogh besonders schlimm, der mit dem Einsatz von Primärfarben die Kunstgeschichte revolutionierte. Ausgerechnet die Farbe Gelb dominiert viele seiner berühmtesten Werke: Die "Sonnenblumen" und die "Sternennacht" - leuchten sollen sie, nicht blässlich schimmern.

Hoffnung machen nun Analysen, die ein Forscherteam um Koen Janssens von der belgischen Universität Antwerpen in der an diesem Dienstag erscheinenden Ausgabe der Fachzeitschrift Analytical Chemistry veröffentlicht: Mit großem technischen Aufwand ist es den Wissenschaftlern erstmals gelungen, die komplexe chemische Reaktion zu verstehen, die für das Nachdunkeln der Bilder van Goghs und anderer Maler der Epoche verantwortlich ist.

Da sich bei Van-Gogh-Gemälden zerstörungsfreie Testmethoden empfehlen, mussten die Forscher behutsam vorgehen: Zuerst gelang es ihnen, drei jeweils 200 Jahre alte Farbtuben aufzutreiben, die Original-Chromgelb in einem verwendungsfähigen Zustand enthielten. Daraus fertigten sie Proben, die sie mit einer UV-Lampe 500 Stunden lang künstlich alterten. Die Farbe aus einer der Tuben zeigte ähnliche Nachdunklungen wie die Gemälde, hatte also wahrscheinlich die gleiche chemische Reaktion erfahren. Diese Probe wurde mit Röntgenstrahlen untersucht. Ergebnis: Vermutlich hat die UV-Strahlung eine Reaktion angestoßen, bei der sich die Chromverbindung gewandelt hat.

Erst dann entnahmen die Wissenschaftler winzige Proben aus zwei echten Van-Gogh-Gemälden . Wegen der geringen Größe der Proben waren die nachfolgenden Untersuchungen in verschiedenen europäischen Labors entsprechend mühsam. Der entscheidende Schritt gelang am ESRF-Synchroton in Grenoble, einem Elektronen-Speicherring von 845 Metern Umfang. Dieser ist in der Lage, einen ultrafeinen Röntgenstrahl zu erzeugen, der hundertmal so dünn ist wie ein menschliches Haar und extrem feine Analysen erlaubt. Diese bestätigten das Ergebnis aus dem Testlauf: Die Gemälde dunkeln auf die chemisch gleiche Weise.

"Ich glaube nicht, dass jemals zuvor ein ähnlicher Aufwand betrieben wurde, um die Chemie eine Ölgemäldes zu verstehen", resümiert Co-Autor Joris Dik von der Technischen Universität Delft. Jetzt muss es den Forschern allerdings noch gelingen, die beschriebene chemische Reaktion zu stoppen oder gar umzukehren. "Die nächsten Experimente sind bereits geplant", verspricht Hauptautor Koen Janssens. Wenn diese nicht zum Erfolg führen, bleibt langfristig nur eine, in jeder Hinsicht sichere Konservierungsmethode: die Gemälde in einen finsteren Tresor wegzuschließen.