Forschungsinstitut für Tiergesundheit Die Insel der Viren

Es ist ein Verbannungsort für Wissenschaftler mit unangenehmen Arbeitsgebiet: Auf Riems in der Ostsee werden seit 100 Jahren Seuchen erforscht. Jeder Fall von Rotz, Afrikanischer Pferdepest oder Vogelgrippe wird penibel dokumentiert.

Von Christina Berndt

Dies ist nicht einfach eine Insel. Man muss keine Krimis über Biowaffen oder unbeherrschbare Seuchenzüge lesen, um das Besondere dieses Ortes zu spüren. Man muss nur an den ersten von vielen, vielen Zäunen gelangen, dann wird unweigerlich klar: Wenn hier jeder hindürfte, könnte es gefährlich werden.

Eine Insel als Labor: Seit 100 Jahren wird auf Riems geforscht.

(Foto: dpa)

Dennoch öffnen sich an diesem Sonntag auf der Ostseeinsel Riems ausnahmsweise die Stahlgittertore für die Öffentlichkeit. Dann feiert eines der am stärksten abgeschotteten Forschungsinstitute der Republik seinen 100.Geburtstag, das Friedrich-Loeffler-Institut, auch Bundesforschungsinstitut für Tiergesundheit genannt.

Hier kümmert man sich um jede Tierkrankheit, die gemein genug ist, dass sie als anzeigepflichtig gilt. Jeder Fall von Rotz, Afrikanischer Pferdepest, Weißpünktchenkrankheit der Krebse, Ansteckender Blutarmut der Lachse oder auch Vogelgrippe wird dokumentiert. Zugleich wird an neuen Wegen geforscht, solche Krankheiten zu verstehen und zu bekämpfen.

Im Grunde ist das 20 Hektar große Eiland eine Art Verbannungsort für Wissenschaftler mit unangenehmem Arbeitsgebiet. Es war genau am 10.10.1910, als der Greifswalder Professor Friedrich Loeffler auf Riems an der Maul- und Klauenseuche zu forschen begann.

Auf dem Festland nämlich wollte ihn keiner mehr haben. Weil immer wieder Schweine und Rinder auf den Höfen rund um Loefflers klapprigen Forschungsstall an der verheerenden Seuche starben, zog er den Hass der Bauern auf sich. Schließlich befahl ihn der Staat Preußen nach Riems. Immerhin hatte Loeffler selbst von einem Neubau in sicherer Lage geträumt: "Am besten würde sich ohne Zweifel eine Insel eignen", notierte er 1906.

Da war Loeffler längst eine Berühmtheit. Schon 1898 hatte er gemeinsam mit Paul Frosch den Erreger der Maul- und Klauenseuche ausfindig gemacht. Und weil er erkannte, dass dieser kleiner war als ein Bakterium und einer "neuen Gruppe" von "allerkleinsten Organismen" angehörte, gilt er als Mitbegründer der Virologie.

Riems war als Forschungsstandort sicher, aber mühsam: Zunächst mussten die Wissenschaftler per Fähre anreisen, später wurde eine Seilbahn gebaut - mit Kabinen für fünf Forscher oder eine Kuh. Seit 1971 verbindet ein 600 Meter langer Damm die Insel mit dem Festland.

Bis heute lässt sich die 100-jährige Geschichte im wahrsten Sinne des Wortes erschnuppern. Ein muffiger Geruch hängt noch in den Sicherheitsschleusen aus DDR-Zeiten, als ganz Riems Sperrgebiet war. Wandmalereien des Sozialistischen Realismus sind ebenso erhalten wie das Hauptgebäude aus der Nazi-Zeit und die herrschaftliche Villa, die einst Casino und Kegelbahn beherbergte.

Derzeit breitet sich die Moderne unübersehbar aus: In Kürze werden zwei mehr als 200 Meter lange Gebäude fertiggestellt - ein Hightech-Tierstall und ein Labortrakt, in dem auch ein Labor der höchsten Sicherheitsstufe L4 für Großtiere entsteht, das dritte weltweit. Arbeiten mit Nipah- oder Hendra-Viren sollen dort möglich sein. Diese Erreger können Schweinen oder Pferden sehr gefährlich werden, aber auch dem Menschen.

Eine einsame Insel scheint da genau der richtige Ort zu sein.