Dabei ist das Gehirn nicht daran interessiert, das Geschehene möglichst exakt zu konservieren. Das Gedächtnis ist primär kein Archiv des vergangenen Lebens, sondern ein willfähriges Instrument zur Bewältigung der Gegenwart. Es versucht, das Selbstbild zu stärken und den Zufälligkeiten der eigenen Lebensgeschichte im Rückblick Sinn und Form zu geben: Das ist der Grund, wieso der Sommerurlaub mit jedem Erzählen schöner wird und die geangelten Fische in der Erinnerung selbst nach dem Verzehr weiter wachsen.

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Dieser automatische Selbstschutzprozess könnte auch erklären, wieso etwa der allzu passive Zeuge einer Gewalttat das beobachtete Geschehen im Nachhinein subjektiv aufrichtig als nicht so dramatisch schildert - nämlich um unbewusst sein Nichtstun zu rechtfertigen.

Die Psychologin Elizabeth Loftus von der University of California in Irvine formuliert diesen für die Einschätzung von Zeugenaussagen entscheidenden Sachverhalt so: "Eines sollten wir uns klarmachen - unser Gedächtnis wird jeden Tag neu geboren."

Dabei hat Loftus nachgewiesen, dass es nicht nur um retrospektiven Selbstbetrug geht, sondern dass sich das Gedächtnis auch von außen relativ leicht manipulieren lässt: So gelang es ihr etwa, einem 14-jährigen Jugendlichen namens Chris weiszumachen, er habe sich als Fünfjähriger in der University City Shopping Mall der Stadt Spokane im US-Bundesstaat Washington verirrt und sei dann von einem Mann aufgegriffen worden.

Es genügte, dass sie diese Lügengeschichte in einen ansonsten wahren Bericht aus seiner Kindheit schummelte und ihm dann zu lesen gab. Als sie ihn in den folgenden Wochen und Tagen wieder befragte, erzählte Chris immer mehr Einzelheiten über diese von Loftus erfundene Begegnung: Er sei in einem Spielzeugladen verlorengegangen; der Mann, der ihn fand, habe ein blaues Flanellhemd getragen, er war eher älter, kahl am Kopf, und er trug eine Brille.

Noch skurriler klingen Studien, bei denen es Loftus mit Hilfe manipulierter Fotos gelang, gut einem Drittel der Versuchspersonen einzureden, sie seien als Kind bei einem Besuch in Disneyland Bugs Bunny begegnet.

Ein Student berichtete sogar, der graue Plüschhase habe ihm die Hand geschüttelt und eine Karotte gezeigt. Das aber konnte mit Sicherheit gar nicht gewesen sein, weil dieser Trickfilm-Hase schon immer ein Geschöpf des konkurrierenden Unternehmens Warner Brothers ist.

Solche Studien sind mehr als kuriose Fingerübungen. Sie haben vielmehr entscheidend dazu beigetragen, dass etwa die Zeugenaussagen von Kindern in Missbrauchsprozessen heute sehr viel skeptischer betrachtet werden als früher.

Und dank ihnen ahnt man auch, welch schwierige Aufgabe das Landgericht I in München zu bewältigen hat. Solange die Erkenntnisse der Neurowissenschaften nicht systematisch im Strafprozess berücksichtigt werden, bleibt daher nur eine ernüchternde Einsicht: Manchmal lügt nicht der Zeuge, sondern sein Gedächtnis.

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  1. Das Gedächtnis lügt
  2. Sie lesen jetzt Ein automatischer Selbstschutzprozess
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(SZ vom 24.07.2010/cosa)