Brunner-Prozess: Verwirrung um Zeugenaussagen Das Gedächtnis lügt

Das Landgericht I in München steht vor einer schwierigen Aufgabe: Die Zeugenaussagen im Fall Dominik Brunner widersprechen sich. Doch Psychologen wissen: Keiner Erinnerung ist zu trauen.

Von Christian Weber

Als der Sozialpsychologe Harald Welzer für eine Studie einen Zeitzeugen des Zweiten Weltkrieges befragte, wunderte er sich. Dabei erzählte der ehemalige Wehrmachtssoldat detailliert und plastisch über eine Begebenheit, die er als Flakhelfer gemeinsam mit ein paar Kameraden erlebt hätte: Sie hätten sich in einem Schützengraben verborgen, als plötzlich ein US-Panzer auf sie zugesteuert sei.

Ein amerikanischer Soldat habe jenseits der Bahnschienen gestanden und den Jugendlichen etwas zugerufen; daraufhin hätte er wie panisch auf den Panzer eingeschossen. Klingt eigentlich plausibel, auch nach den üblichen Kriterien der kriminologischen Glaubwürdigkeitsforschung.

Die Sache hat nur einen Haken: In dem berühmten und damals viel gesehenen Kriegsfilm "Die Brücke" des Regisseurs Bernhard Wicki findet sich eine fast identische Szene. Zufall?

Für die moderne Gedächtnisforschung ist diese Anekdote eher ein Beispiel für sogenannte Quellenamnesie: Historische Zeitzeugen neigen dazu, ihre eigenen Erinnerungen mit später rezipierten Medienberichten und fiktiven Darstellungen in Romanen und Kinofilmen zu vermengen - und die so erzeugte Mischung für einen eigenen Gedächtnisinhalt zu halten.

Man soll solche Erzählungen deshalb auch nicht als Lügen werten, kommentiert Welzer. "Die Erzähler verbinden hier ihre Autobiographie mit spektakulären und akzeptierten Erzählmustern und peppen so ihre Lebensgeschichte auf, ohne das selbst zu bemerken."

Es gibt mittlerweile Historiker wie den Mediävisten Johannes Fried von der Universität Frankfurt, die wegen solcher Phänomene sogar eine neurobiologisch fundierte Quellenkritik in den Geschichtswissenschaften fordern.

Wichtiger aber sind diese verzerrenden Prozesse der Gedächtnisbildung für strafrechtlich relevante Erinnerungen. So zeigt sich derzeit wieder, welchen Schaden fahrlässige Metaphern über das Geschehen im Kopf in der öffentlichen Wahrnehmung anrichten können: Da möchte das Landgericht München I klären, was denn nun wirklich am 12. September 2009 auf dem Bahnsteig des S-Bahnhofs Solln geschehen ist, als der 50-jährige Dominik Brunner starb.

Die Zeugen widersprechen sich aufs heftigste und sind doch womöglich ganz aufrichtig dabei. Wundern kann sich darüber nur, wer das menschliche Gedächtnis für eine Art biologische Computer-Festplatte hält, die halt speichert, was Augen und Ohren an Informationen heranschaffen.

Dieses Bild ist eine falsche Analogie. Zahlreiche Studien und Experimente der letzten Jahre belegen, dass gerade das autobiografische Gedächtnis eben nicht in Stein gemeißelt ist. Vielmehr scheint es so zu sein, dass sich die Gedächtnisinhalte bei jedem Abruf verflüssigen. Sie stehen dann bereit, auf dass ihr Besitzer sie redigiert, filtert, teilweise löscht oder erweitert und umschreibt, um sie dann in der veränderten Form neu abzuspeichern, so wie einen Text, an dem man arbeitet.