Boykott eines Wissenschafts-Verlags Erkenntnis für alle

Tausende Forscher boykottieren den wichtigsten Wissenschaftsverlag Elsevier, weil sie dessen Preispolitik ablehnen. Sie veröffentlichen stattdessen in neu gegründeten Internet-Zeitschriften. Erleben wir also den Beginn einer Forschungsrevolution?

Von Carsten Janke

An einem Winterabend im Januar schrieb der britische Mathematiker Timothy Gowers in einem Blog-Eintrag, warum er nicht länger mit dem bedeutenden Wissenschaftsverlag Elsevier zusammenarbeiten werde. Es war kein flammender Boykott-Aufruf, eher ein nüchternes Plädoyer, mit einer Anspielung auf ein bekanntes Buch des britisches Komikers Spike Milligan, "Hitler - my part in its downfall". Der Titel lautete: "Elsevier - mein Beitrag zu seinem Untergang". Es war der berühmte Flügelschlag eines Schmetterlings, der einen Wirbelsturm auslöst.

Wissenschaftliche Verlage - wie eben Elsevier - verdienen ihr Geld damit, dass sie die Forschungsergebnisse von Wissenschaftlern sammeln, sie von anderen Wissenschaftlern überprüfen lassen und danach in Fachzeitschriften veröffentlichen. Für das Abonnement dieser Zeitschriften oder das Lesen einzelner Aufsätze muss man eine Gebühr zahlen. Ein sehr lukratives Geschäftsmodell, das dem Marktführer Elsevier im vergangenen Jahr einen Überschuss von 874 Millionen Euro bescherte. Über die Höhe dieser Gebühren und den Sinn des Bezahlmodells als solches, wird seit Gowers Blog-Eintrag heftig gestritten.

Die amerikanische Harvard-Universität forderte zum Beispiel ihre Wissenschaftler im April auf, nicht mehr in den kostenpflichtigen Fachzeitschriften zu veröffentlichen. Die Bibliothek der renommierten Universität könne sich die Abonnements nicht länger leisten. Die Wissenschaftler sollten stattdessen lieber "Open Access" publizieren, also frei zugänglich im Internet. Bisher ist diese Art der Veröffentlichung von Forschungsergebnissen eine Nische in der Wissenschaftswelt, 2009 machte sie gerade einmal 7,7 Prozent aller Publikationen aus.

Der schlichte Appell des Mathematikers Gowers hat die Debatte um Open Access weiter angeheizt. Mehr als 12.000 Wissenschaftler haben sich inzwischen dem Boykott im Internet angeschlossen. Im Juli kündigte Großbritannien an, es werde bis 2014 gänzlich auf Open Access umsteigen. Die EU möchte bis 2016 erreichen, dass 60 Prozent der in EU-Ländern veröffentlichten Forschungsergebnisse kostenlos zugänglich sind. Erleben wir also den Beginn einer Forschungsrevolution?

Einer, der gar nicht wie ein Revolutionär aussieht, ist Klaus Henle, Biologe am Umweltforschungszentrum der Helmholtz-Gemeinschaft in Leipzig. Zusammen mit Kollegen aus der ganzen Welt hat er im Juni die Open-Access-Zeitschrift Nature Conservation gegründet. Sie widmet sich dem Naturschutz und der Biodiversität und richtet sich genauso an Praktiker im Artenschutz wie an Wissenschaftler. "Obwohl es auch beim Thema Biodiversität zahlreiche Fachzeitschriften gibt, fehlte so eine Schnittmengen-Publikation bisher", sagt Henle. Die Neugründung richte sich nicht gegen Elsevier - auch wenn dieser Verlag einer der wichtigsten Akteure auf diesem Gebiet sei. Denn letztendlich hätten ganz praktische Gründe zur Entscheidung für Open Access geführt.

Eine Online-Zeitschrift unter Open-Access-Lizenz biete enorme Vorteile für Forschung und Lehre. In der ersten Ausgabe gibt es beispielsweise einen Text über den richtigen Schutz von Schmetterlingen. Der lässt sich als "Gebrauchsanleitung" lesen oder als wissenschaftlicher Fachaufsatz. Man kann von jedem Rechner oder Smartphone auf den Text zugreifen. Anstelle von Fußnoten kann man sich die entsprechenden Stellen in Referenztexten direkt anzeigen lassen, Datensammlungen und Landkarten, etwa zur Verbreitung der Schmetterlingsbestände, sind in den Text integriert. "Gerade zum Schmetterlings-Text gab es nach dem Erscheinen viele Anfragen von Radiosendern, Naturschutz-Verantwortlichen und sogar von EU-Beamten", so Henle. Offenbar erreicht die frei zugängliche Online-Zeitschrift also tatsächlich ein anderes Publikum und verschafft der Wissenschaft mehr Aufmerksamkeit.

Doch es gibt auch Nachteile: "Junge Wissenschaftler wollen lieber in etablierten Zeitschriften veröffentlichen, weil sie sich um ihren Impact-Faktor sorgen." Dieser Faktor misst, wie oft ein Text zitiert wurde, und gilt in der Forschungswelt als wichtige Visitenkarte. "Außerdem ist Open Access für die Wissenschaftler etwas teurer als konventionelle Zeitschriften", gesteht Henle zu. Die Veröffentlichungsgebühr, die jeder Forscher zahlen muss, liege bei Open-Access-Verlagen etwas höher, da es keine Einnahmen aus dem Vertrieb gebe.

Die Gründung einer Open-Access-Zeitschrift empfiehlt Henle dennoch, "wenn man etabliert ist im Wissenschaftsbetrieb und auf ein großes Netzwerk an Kontakten zurückgreifen kann, wenn man eine Marktlücke sieht und wenn man persönlich von Open Access überzeugt ist". Die Anerkennung der Fachwelt sei eben doch entscheidend fürs Überleben. Trotz dieser nüchternen Beurteilung - etwas Revolutionäres hat der Leipziger Biologe doch. Nach dem Interview schickte er eine E-Mail hinterher: Er habe die Forderungen gelesen und werde den Elsevier-Boykott jetzt auch unterschreiben.