Borreliose Das umkämpfte Leiden

Zeckenstich mit Folgen: Patienten mit Borreliose fühlen sich oft zu Recht vernachlässigt - doch viele bilden sich die Krankheit auch nur ein. Und im Borreliose-Streit geht es auch um Geld.

Von Christina Berndt

Manchmal weiß Ute Fischer nicht mehr, ob Zecken oder Ärzte ihre größeren Feinde sind. Die Zecken beißen die Menschen, und manchmal übertragen sie dabei eine schwere und tückische Krankheit namens Borreliose.

Die Ärzte aber übersehen allzu oft das Leid. "Jedes Jahr setzen einige Borreliose-Kranke ihrem Leben ein Ende, weil sie keine Zuversicht finden außer durch den Tod", sagt Fischer, die der Patientenorganisation Borreliose- und FSME-Bund Deutschland vorsteht.

Die Kranken fühlten sich missverstanden und verhöhnt. Oft konsultierten sie einen Arzt nach dem anderen, ohne dass jemand den Grund für ihre Beschwerden erkennt. Und am Ende werde ihnen oft attestiert, sie seien psychisch krank.

In den Augen der engagierten Patientenvertreterin gibt es sie, die guten Ärzte, die eine Borreliose erkennen, wenn eindeutige Symptome wie der rote Fleck um den Zeckenbiss längst abgeklungen sind. "Aber es sind viel zu wenige", sagt Fischer.

Zu den wenigen Ärzten, die auf Fischers Seite kämpfen, gehört Walter Berghoff, der sich in seiner Praxis in Rheinsberg und häufig auch vor Gericht für Borreliose-Patienten einsetzt. Die Ignozanz sei groß, klagt er, manche seiner Kollegen würden die Krankheit nicht einmal erkennen, wenn nach dem Zeckenbiss noch eindeutige Spuren zu sehen seien.

Wildwuchs bei der Behandlung

Und fast alle Ärzte wollten eine Borreliose nicht mehr wahrhaben, wenn sie chronisch geworden sei und die typischen Anzeichen fehlten. "Sie vernachlässigen schwerkranke Patienten", sagt Berghoff, der davon überzeugt ist, dass sich die Krankheit anders äußern kann, als es in den Lehrbüchern steht.

Doch die große Mehrheit der Ärzte kontert: Sie werfen Medizinern wie Berghoff vor, eine Borreliose-Hysterie anzufachen und Kranke, die gar nicht an den Folgen eines Zeckenbisses leiden, unbegründet mit Antibiotika vollzupumpen.

Bei der Behandlung der Krankheit sei ein "Wildwuchs" zu beobachten, resümierten die Teilnehmer des jüngsten Expertentreffens am Robert-Koch-Institut. Eine Borreliose sei im Allgemeinen gut zu behandeln, so die 19 Fachleute aus Klinik und Forschung. Chronische Fälle mit untypischen Symptomen seien möglich, aber sehr selten.

Doch genau diese Frage führt zu immer heftigerem Streit. In den USA wird bereits vom "Borreliose-Krieg" gesprochen. Dort hat die Auseinandersetzung krimihafte Züge angenommen. Experten trauen sich kaum noch, auch nur Verständnis für die Meinung der Gegenseite zu äußern.

"Wir müssen aufpassen, dass in Europa nicht das Gleiche passiert", sagt Markus Simon vom Max-Planck-Institut für Immunbiologie. Als Grundlagenforscher steht er zwischen den Fronten der niedergelassenen Ärzte, die Berghoffs Ansicht von der Borreliose teilen, und den skeptischen Spezialisten an Universitäten und Lehrkrankenhäusern.

Es fehlt vor allem an einem: an ergebnisoffenem wissenschaftlichen Erkenntnisgewinn. "Die Borreliose-Forschung in Deutschland ist am Boden", sagt der Immunologe Reinhard Wallich von der Universität Heidelberg. Es gebe so gut wie keine Unterstützung dafür. "Weil die Krankheit keine Todesfälle verursacht, hat sie keine Brisanz, und die chronisch Kranken haben eben Pech gehabt."

Krank durch Zecken

mehr...