Biologie Forscher lassen menschliche Eizellen im Labor reifen

Künstlich herangereifte Zellen könnten einst krebskranken Frauen mit Kinderwunsch helfen.

(Foto: picture alliance / Rainer Jensen)
  • Biologen haben erstmals menschliche Eizellen im Labor zur Reife gebracht.
  • Noch ist nicht sicher, ob die Zellen befruchtet werden können.
  • Andere Forscher warnen daher vor zu hohen Erwartungen.
Von Hanno Charisius

In nur vier Arbeitsschritten haben Biologen Gewebe aus Eierstöcken in reife Eizellen verwandelt. Mit dem Experiment ist es den Wissenschaftlern erstmals gelungen, menschliche Eizellen im Labor zur Reife zu bringen. Das war zuvor nur mit Zellen aus Mäusen gelungen, nicht jedoch mit menschlichem Gewebe.

Sollten sich die so gewonnenen Eizellen auch bei genauerer Untersuchung nicht von jenen unterscheiden, die der weibliche Körper etwa einmal im Monat produziert, wäre die neue Methode vor allem für jene Frauen mit Kinderwunsch eine gute Nachricht, die an Krebs erkranken. Mitunter wird das Eierstockgewebe durch die Tumorbehandlung zerstört. In dem Fall könnten Mediziner unreife Zellen einfrieren und zu einem späteren Zeitpunkt wieder auftauen und zu Eizellen heranzüchten.

Die aus Eierstöcken entnommenen Zellen hätten sich so weit entwickelt, dass sie befruchtet werden könnten, schreibt das Team um die Reproduktionbsbiologin Evelyn Telfer von der University of Edinburgh in der Fachzeitschrift Molecular Human Reproduction. Der Beleg dafür steht aber noch aus, was Forscher, die nicht an der Studie beteiligt waren, kritisch anmerken. Es sei noch sehr viel Arbeit nötig, bevor sicher ist, dass man die Methode tatsächlich in der Klinik anwenden könne, sagt etwa der Entwicklungsbiologe Azim Surani von der University of Cambridge. Die künstlich herangereiften Eizellen sind kleiner als natürliche Zellen. Surani hält es für notwendig, diese Zellen im Labor zu befruchten. Nur durch eine solche In-vitro-Fertilisation wäre es möglich herauszufinden, ob diese Eier das Potenzial haben, sich zu normalen Embryonen zu entwickeln. Solche Versuche möchten Telfer und ihre Kollegen starten, sobald sie die Erlaubnis der Ethikkommission dafür haben.

Bei Mäusen hat ein entsprechendes Experiment bereits zu lebensfähigem Nachwuchs geführt. Doch bei Menschen ist allein die Reifung der Eizellen im Labor deutlich komplizierter, wie die Gruppe aus Edinburgh gezeigt hat. Deswegen finden viele Experten die neue Studie zwar interessant, warnen aber vor zu hohen Erwartungen. Es würde noch Jahre dauern, um aus den Forschungsergebnissen eine neue Therapieform zu entwickeln, sagt Channa Jayasena vom Londoner Imperial College. Wenn es denn überhaupt klappt. Im Labor brauchten die Zellen nur 20 Tage, um in den Nährlösungen in Telfers Labor heranzureifen. Im Körper der Frau benötigte dieser Prozess drei Monate. Das könnte bedeuten, dass Telfers Team gar kein komplett unreifes Gewebe benutzt hat oder bereits ein paar herangereifte Eizellen darin enthalten waren. In jedem Fall ist die schnelle Verwandlung für Entwicklungsbiologen eine Warnung, dass hier etwas anders lief als natürlicherweise.

Doch selbst wenn sich die Zellen nicht wie erhofft für therapeutische Zwecke eignen sollten, könnten Wissenschaftler sie benutzen, um die Entwicklung von Eizellen eingehender zu erforschen. Das betonen auch Telfer und Kollegen im letzten Satz ihres Fachartikels. Dann klappt es vielleicht irgendwann wirklich mit den im Labor gereiften Zellen.

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