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Bioinvasion In Berlin krabbeln jetzt Krebse über den Asphalt

Die spanische Botschaft in Berlin übt auf den Roten Amerikanischen Sumpfkrebs offenkundig eine besondere Anziehung aus.

(Foto: Sven Meissner)
Von Kathrin Zinkant

Die spanische Botschaft in Berlin ist kein schlechter Ort für einen Ausflug. Sie liegt etwas weniger repräsentativ als die Botschaften Unter den Linden, dafür fast mittendrin im berühmten Großen Tiergarten der Hauptstadt. Sattes Grün, der Neue See gleich gegenüber, das zugehörige bekannte Café nur einen Steinwurf entfernt. Und neuerdings kann man vor der spanischen Botschaft auch noch wilde Tiere beobachten. Keine Füchse oder Wildschweine, die kennt man ja schon. Sondern wilde Krustentiere.

Seit Wochen häufen sich beim Berliner Naturschutzbund NABU groteske Meldungen über "Skorpione", "Garnelen" oder "Krebstiere", die auf den gepflasterten Wegen der Stadt herumirren, vorzugsweise in der Nähe der spanischen Botschaft. Auf Twitter verschicken Passanten Videos, in denen die skurril anmutenden Wesen ihre krebsroten Scheren in die Höhe strecken wie zu einer Umarmung, auf staksigen Beinen hin und her wackeln - oder im Halbdunkel übers Pflaster krebsen, hinein in den nächsten Busch. Dahinter rauscht der Verkehr auf der Tiergartenstraße. In den Tweets ist wahlweise von Begegnungen der dritten Art die Rede - oder davon, dass es sich hier doch nur um einen Scherz handeln könne.

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Tut es aber nicht. Die Aliens sind echt und gehören zur Spezies des Roten Amerikanischen Sumpfkrebses, lateinisch Procambarus clarkii. Eigentlich ist die Art im Südosten der USA und im Norden Mexikos heimisch, und dass die Tiere so appetitlich aussehen, ist keineswegs irreführend: Die Art ist der unangefochtene Hauptlieferant für jenes Flusskrebsfleisch aus Louisiana, das man auch in hiesigen Supermärkten und Discountern kaufen kann.

Nicht nur der Amerikanische Sumpfkrebs breitet sich in Europa aus

Dass die Zehnfüßigen Verwandten von Hummer und Languste jetzt so fern ihrer Heimat über deutsche Fuß- und Radwege krabbeln, hat mit ihrem kulinarischen Verwendungszweck allerdings nichts zu tun. Die bis zu 15 Zentimeter langen Tiere mit den auffälligen, leuchtend roten und von Dornen besetzten Scheren sind ja leider auch für die Augen ein Fest - und deshalb beliebte Aquarienbewohner.

Während der Sumpfkrebs in seiner Heimat aber nur zwei Jahre alt wird, kann er in Gefangenschaft mehr als fünf Jahre leben. Für manche Aquarianer ist das wohl etwas zu lang. Sie setzen die Tiere dann einfach aus. Oder halten sie gleich im Gartenteich, dessen Grassaum als natürliche Barriere nur bedingt geeignet ist.

Die Folgen sind nicht nur vom Sumpfkrebs bekannt. Immer mehr ortsfremde Arten, sogenannte Neozoen, breiten sich in Europa aus. Teils sind sie aus privater Tierhaltung ausgebrochen wie die Gelbbauch-Schmuckschildkröte, teils sind sie Gewinner der Globalisierung, wie die Wanderratte. 23 Tierarten, darunter auch der Rote Amerikanische Sumpfkrebs, dürfen deshalb in Europa nicht mehr gehandelt oder gehalten werden.

Die Tiere auszusetzen bezeichnen die Experten des Nabu zudem als "falsche Tierliebe". Vielleicht ist es aber auch nur Gedankenlosigkeit. Die Krux mit dem Sumpfkrebs ist nämlich seine enorme Fortpflanzungsbereitschaft. Mehrfach im Jahr können die Tiere sich paaren, und die Bedingungen sind in Europa offenbar noch viel besser als dort, wo der Sumpfkrebs eigentlich zu Hause ist.

Entsprechend hat sich das Tier mit den Scherenhänden schon vor Jahren häuslich in Berlin eingerichtet, und zwar nicht nur in der beliebten Grünanlage vor dem Brandenburger Tor. Die Viecher krabbeln längst auch durch den Britzer Garten im Süden der Stadt. Wobei man sie dabei bislang selten sah. Sumpfkrebse sind nachtaktiv und halten sich grundsätzlich lieber im Verborgenen auf, sprich in ihren Erdlöchern.

Von Pflanzenresten bis Fischlarven frisst er alles

Dass man sie nun häufiger sieht, hängt nach Aussage des Wildtierexperten in der Senatsverwaltung, Derk Ehlert, auch mit der Witterung zusammen. "Wir haben mehrere milde Winter hinter uns", sagt Ehlert. Dieser Umstand habe den Tieren einen enormen Reproduktionsschub ermöglicht. Und weil der Sumpfkrebs von Pflanzenresten über Fischlaich und Kaulquappen bis hin zu Insektenlarven einfach alles verwerten kann, was ihm unter die Mundöffnung kommt, muss er mit der Vermehrung auch nicht aufhören. Inzwischen gibt es deshalb wohl so viele Exemplare, dass einige von ihnen eine neue Heimat in benachbarten Teichen suchen.

Die Bioinvasion geht also weiter. Und das hält NABU nicht nur wegen der Krebspest für problematisch, einer Infektionskrankheit, die von den Tieren verbreitet wird. Wobei es in Berlin gar keine einheimischen Flusskrebse mehr gibt. Was aber tut man dagegen, dass die Krebse die Fischbestände dezimieren und anderen Arten verdrängen?

Während die Fachleute des NABU es für sinnvoll halten würden, die herumlaufenden Tiere einzusammeln und ihre Ausbreitung dadurch einzudämmen, sieht die Berliner Umweltbehörde wenig Sinn in diesem Schritt. "Bei Regen ließen sich zwar Reusen aufstellen", sagt Derk Ehlert. Auch Sauerstoffmangel in überspülten Erdlöchern kann die Tiere aus ihren Behausungen treiben. Doch der Wildtierexperte glaubt, dass auf diesem Weg nur die "Spitze des Eisbergs" abgetragen werde. Mit natürlichen Feinden ließe sich weit mehr erreichen.

Vom Krabbensnack to go wird abgeraten

Ein paar davon gibt es frei Haus, der Fuchs und auch der zugewanderte Waschbär lieben Flusskrebsfleisch. Im vergangenen Jahr wurden in den Berliner Gewässern außerdem Aale ausgesetzt. Die fressen die Krebse direkt nach einer der zehn Häutungen, die sie durchmachen, bevor sie erwachsen sind. Dann riechen die Krebse auch besonders intensiv.

Davon, die leckeren Tiere einfach auf dem Heimweg einzupacken und zu Hause zu grillen, ist allerdings dringend abzuraten. Sumpfkrebsfangen ist Fischen und gilt als Wilderei, sofern man keine Fischereischein besitzt. Das Abenteuer Krabbensnack kann deshalb zu einer Geldstrafe, laut Strafgesetzbuch sogar zu einer Haftstrafe von bis zu zwei Jahren führen. Ein Preis, der vermutlich doch etwas hoch ist. An so einem Sumpfkrebs ist nämlich nicht viel dran.

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