Bioethik Proteste gegen Preis

Behindertengruppen rügen die Auszeichnung Peter Singers. Der Philosoph sollte für das Engagement im Tierschutz geehrt werden. Seine Gegner werfen ihm vor, behinderten Säuglingen das Lebensrecht zu bestreiten.

Von Christopher Schrader

Die Vergabe eines Tierschutz-Preises für den australischen Philosophen Peter Singer hat in Berlin zu heftigen Protesten von Behindertenvertretern geführt. Mehrere Teilnehmer der Zeremonie haben ihre Teilnahme unter Protest kurzfristig abgesagt. Singer sollte für sein 40-jähriges Engagement gegen das Leid geehrt werden, das Menschen Tieren zufügen. Kritiker werfen dem Preisträger vor, Euthanasie für Behinderte zu billigen; er fordere seit Jahrzehnten, die Tötung behinderter Säuglinge unter strengen Bedingungen zu legalisieren. Bereits am Pfingstmontag hatte der vorgesehene Laudator, der deutsche Publizist Michael Schmidt-Salomon, seine Lobrede abgesagt. Er begründete dies mit "verstörenden Passagen" eines Interviews, das Singer der Neuen Zürcher Zeitung am Sonntag gegeben hatte. Die Geburt eines Kindes "markiert keine scharfe Grenze", hatte der Australier gesagt, entscheidend für das Lebensrecht eines Neugeborenen sei, "ob das Kind Schmerz empfindet oder Selbstbewusstsein entwickelt". Dieses Interview war auch für Wolf-Michael Catenhusen, den stellvertretenden Vorsitzenden des Deutschen Ethikrats, Anlass, sich zurückzuziehen. Er hatte bei der Verleihung über Rücksichtnahme und Toleranz sprechen wollen und empfand Singers Provokationen als weit übertrieben. "Besonders empört hat mich der Satz Singers, dass man das Martern eines Babys gutheißen müsse, wenn es der ganzen Menschheit nutzt." Die Auseinandersetzung um Singer hat in Deutschland eine lange Geschichte. Er wird einerseits für seine konsequente Kritik an Tierquälerei und -nutzung verehrt. Ein Verein hatte den an der Princeton University lehrenden Bioethiker darum nach Berlin eingeladen, um einen mit 10 000 Euro dotierten "Preis für Strategien der Tierleidminderung" nach ihm zu benennen und ihm zu überreichen. Der Denker mahnt Würde für alle "Wesen" an, wie er das nennt, die Schmerz empfinden.

Behindertenvertreter kritisieren, dass Singer das Recht auf Leben zum Beispiel für Säuglinge mit gravierenden Geburtsschäden infrage stelle. "Bei allen Verdiensten um Tierschutz: Wer vorschlägt, die Tötung schwerbehinderter Neugeborener zu legalisieren, verdient keine Preise, sondern Proteste", erklärt die behindertenpolitische Sprecherin der Grünen im Bundestag, Corinna Rüffer. Und Ulla Schmidt, Bundesvorsitzende der Lebenshilfe, kritisiert: Peter Singer mit einem Preis zu ehren, "lässt jede Sensibilität für die Gleichwertigkeit menschlichen Lebens vermissen".

Die Preisstifter um den Tierschützer Walter Neussel sprechen von einer "Hexenjagd" gegen Singer. Bei der Veranstaltung in Berlin wolle man sich auf Strategien gegen das Leid von Tieren konzentrieren. Diese Trennung zwischen Tier- und Menschenrechten finden Kritiker wenig überzeugend: Singer nutzt dieselben Kriterien, um Menschenaffen Schutz zu- und schwerstbehinderten Neugeborenen abzusprechen. Man kann in dieser Logik also kaum das erste begrüßen, ohne das zweite zu akzeptieren. Im NZZ-Interview wählt Singer das Beispiel eines "extrem Frühgeborenen mit einer so massiven Hirnblutung, dass das Kind seine Mutter nie erkennen und anlächeln wird". Es sei moralisch betrachtet einerlei, ob man die Beatmungsmaschinen abstellt oder eine tödliche Spritze gibt. Die Entscheidung müsse bei den Eltern liegen. Dafür hatte er in früheren Schriften eine 28-Tage-Frist nach Geburt vorgeschlagen. Die Schärfe der deutschen Debatte um Singer hat auch historische Gründe. Seit der Nazizeit ist der Begriff "Euthanasie" hier mit staatlichem Mord an Behinderten verknüpft. Andere Länder, besonders englischsprachige, verstehen das Wort neutraler. Der Bioethiker betont aber stets, dass es ihm um individuelle Entscheidungen gehe, Leben bei Leiden zu beenden. Dass der Staat mit Zwang agiere und vermeintlich lebensunwerte Menschen töte, lehnt Singer vehement ab. Seine Familie war 1938 aus Wien nach Australien geflohen, drei seiner Großeltern verloren im Holocaust ihr Leben.