Biodiversität Schleichender Tod

Die Roten Listen gefährdeter Arten werden immer länger. Doch Tiere und Pflanzen, deren Lebensraum wir zerstören, verschwinden nicht von heute auf morgen. Ingolf Kühn vom Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung erklärt, warum gerade dies besondere Gefahren birgt.

Von Dirk Liesemer

Dr. Ingolf Kühn ist Leiter der Arbeitsgruppe Makroökologie und stellvertretender Leiter des Departments Biozönoseforschung am Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung (UFZ) in Halle. Seit mehr als 30 Jahren beschäftigt er sich mit Fragen des Natur- und Umweltschutzes und seit knapp 20 Jahren ist er in diesem Bereich wissenschaftlich tätig (seit 2001 am UFZ). Er erforscht, wie sich Klimawandel, nicht-heimische Arten und Industrie auf Ökosystme auswirken.

natur: Herr Kühn, die wirtschaftliche Entwicklung wirkt sich auf die Artenvielfalt aus. Diese Erkenntnis klingt banal. Trotzdem gibt es bisher kaum Studien zu dieser These. Zusammen mit Ihrem Team haben Sie nun eine Studie vorgelegt. Worum ging es Ihnen?

Kühn: Wir wollten wissen, warum die Roten Listen immer länger werden - ein Trend, der sich in 40 Ländern in Europa beobachten lässt. Warum gelten also immer mehr Tiere und Pflanzen als bedroht? Das Ergebnis hat uns überrascht und erschreckt. Wir hatten angenommen, dass sich der Artenschwund aus aktuellen Wirtschaftsdaten ersehen lässt. Wir dachten: Wenn man weiß, wie groß die heutige Bevölkerungsdichte ist, wenn man sich das Brutto-Inlandsprodukt pro Kopf anschaut und die Landnutzung in Augenschein nimmt, dann wird klar, unter welchem Druck die Artenvielfalt steht.

Aber das war ein Trugschluss ...

Ja, denn die aktuellen Roten Listen lassen sich viel besser aus den Wirtschaftsdaten von 1950 oder sogar von 1900 erklären. Wir haben für die Studie ein gängiges statistisches Verfahren verwendet: Dabei kann man die Zahl der Rote-Liste-Arten eines Landes mit den Daten in Beziehung setzen. Am Ende war klar: Die Modelle mit den früheren Zahlen haben zum Teil weitaus mehr erklärt als die aktuellen.

Wie kommt das?

Es gibt etliche langlebige Arten, die noch überleben, selbst wenn ihr Lebensraum schon weiträumig zerstört ist, etwa weil häufiger gemäht wird. Ich denke an Arten wie den Großen Brachvogel, der auch auf Maisäckern lebt, die mit Pestiziden gedüngt werden. Er kann dort leben, aber seine Nachkommen schaffen es nicht mehr. Oder mehrjährige Pflanzen wie das Frühlings-Adonisröschen oder viele Orchideenarten, die auf den verbliebenen Resten früherer Grünländer gedeihen; sie blühen noch, werden auch noch bestäubt, aber produzieren irgendwann keine Samen mehr.

Aber warum zieht sich das Aussterben über Jahrzehnte hin?

Weil die Lebensräume nur sehr langsam kleiner werden. Man knapst mal hier was ab, mal dort. Viele Arten gelangen auf eine Rote Liste, weil Böden trockengelegt werden - zum Beispiel Blumen wie Arnika oder Herbstzeitlose. Andere, weil immer mehr Saatgut von unerwünschten Unkrautsamen gereinigt wird, wie die Kornrade, die zur Familie der Nelken gehört. Für die Artenvielfalt ist die Landwirtschaft das große Problem, denn die macht den größten Teil der Flächennutzung aus; in Deutschland ungefähr zwei Drittel der Flächen.

Das macht es vermutlich schwierig, die Zukunft einer Art richtig einzuschätzen?

Voraussagen sind alles andere als trivial. Ein Beispiel: Um den Rotmilan steht es hierzulande zwar sehr gut. Er erfreut sich vieler Nachkommen. Die Hälfte des weltweiten Bestandes brütet derzeit in Deutschland. Das heißt aber noch lange nicht, dass er uns noch lange erhalten bleibt. Für solche Aussagen braucht man Daten, die über mindestens zehn Jahre erhoben werden und zwar jährlich auf dem immer selben Gebiet.

Aus natur 7/2013

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  • natur 7/2013

    Der Text stammt aus der Juli-Ausgabe von natur, dem Magazin für Natur, Umwelt und nachhaltiges Leben. Er erscheint hier in einer Kooperation - mehr aktuelle Themen aus dem Heft 7/2013 auf natur.de...

Solche Daten gibt es in Deutschland bislang nur für Brutvögel und Schmetterlinge - nicht zuletzt dank der Arbeit von ehrenamtlichen Naturschützern. Wenn sich die Naturschutzgruppen besser koordinieren würden, dann könnte man auch sehen, wie sich die Populationen von Libellen, Laufkäfern und Heuschrecken hierzulande entwickeln.

In Europa sind vor allem Länder vom Artenschwund betroffen, in denen eine intensive Landwirtschaft betrieben wird - eine Landwirtschaft, die auf Pestizide und sogenannte Hochertragssorten setzt.

Die Artenvielfalt leidet sicher in Westeuropa am stärksten. Aber nicht nur. Wenn Rumänien, Bulgarien, die Baltischen Staaten und Polen ihre Landwirtschaft weiter intensivieren, leidet auch dort die Vielfalt. Wir haben in unserer Studie aber nur bestimmte Klassen untersucht. Wir wissen: Was Gefäßpflanzen, Säugetiere, Moose und Heuschrecken angeht, sieht es besser aus. Schlechter ist es um Reptilien, Fische und Libellen bestellt. Das ist die allgemeine Tendenz.

Lässt sich aus den heutigen Wirtschaftsdaten absehen, wie sich die Artenvielfalt künftig in Europa entwickeln wird?

Fest steht: Die Roten Listen werden länger. Alles andere würde mich sehr überraschen. In der Wissenschaft sprechen wir von einer Aussterbe-Schuld. Anders gesagt: Es gibt heute noch Tiere und Pflanzen, die es nicht mehr geben dürfte, weil die Lebensräume schon jetzt nicht mehr groß genug sind; welche Arten das sind, darüber möchte ich jetzt nicht spekulieren. Bislang konnte man eine solche Aussterbe-Schuld für begrenzte Waldbereiche und Grünländer - also Wiesen beispielsweise - nachweisen.

Wir konnten nun zeigen, dass unser Kontinent als solcher eine Aussterbe-Schuld auf sich geladen hat. Diese Erkenntnis ist neu und überraschend. Und auch dass sich die Folgen des wirtschaftlichen Fortschritts nicht nach 20 oder 30 Jahren zeigen, sondern oft erst nach 100 Jahren - auch das ist erschreckend. Selbst wenn wir jetzt Gegenmaßnahmen einleiten, zeigen sich positive Entwicklungen vermutlich erst in ein paar Jahrzehnten.

Seit Langem wird in Naturschutz investiert, und es werden Nationalparks ausgerufen. Warum konnte dies nicht den Artenschwund aufhalten?

Das Bewusstsein für die Umwelt ist heute europaweit ausgeprägter als zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Und damit auch der Wille zum Handeln. Das ist gut. Natürlich sind da auch ermutigende Beispiele: Im Harz vermehren sich Luchse, andernorts leben wieder Wölfe, Fischadler oder Seeadler. Gleichwohl wird ein Großteil der Böden immer intensiver beackert - und geht damit für lange Zeit verloren. Insgesamt gleichen die Maßnahmen im Naturschutz eher einem Tropfen auf dem heißen Stein.