Bienensterben Fataler Pflanzenschutz

Jeder Zweifel ist ausgeräumt: Das Massensterben der Bienen in Deutschland wurde durch ein Pflanzenschutzmittel verursacht. Schuld ist ein Fehler bei der Saatgutherstellung.

Von Hanno Charisius

15. Mai 2008, später Nachmittag: Mit "sofortiger Vollziehung" ordnet das Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit (BVL) "das Ruhen der Zulassung" von acht Pflanzenschutzmitteln an, nachdem sich "neue Erkenntnisse ergeben haben".

Da ist es für Tausende von Bienenvölkern in Baden-Württemberg und Bayern bereits zu spät. Tage zuvor begann das Massensterben und die "neuen Erkenntnisse" der Bundesbehörde besagten, dass der für Insekten giftige Wirkstoff Clothianidin sehr wahrscheinlich die Ursache dafür war.

Mittlerweile ist jeder Zweifel ausgeräumt. Das mit der Untersuchung beauftragte Julius-Kühn-Institut (JKI) in Braunschweig kam nach bislang 66 obduzierten Bienenleichen zu dem Schluss, dass "eindeutig" Clothianidin hauptsächlich für den Tod der Bienen verantwortlich sei.

Das Insektengift ist in verschiedenen Pflanzenschutzmitteln enthalten, die meistens dazu gedacht sind, Saatgut darin zu beizen. So soll es die Saat und später die gesamte Pflanze vor Schädlingen schützen. Weil das Mittel nicht versprüht wird, sondern mit dem Saatgut in die Erde gelangt, galt es als unschädlich für Bienen.

Die JKI-Wissenschaftler fanden es dennoch - abgesehen von einer Ausnahme - in jeder Probe. Die Untersuchungen bestätigten auch den bereits Mitte Mai geäußerten Verdacht, dass der Wirkstoff während der Maisaussaat von gebeizten Körnern abgerieben wurde. Dadurch kam es zu einer "erheblichen Staubabdrift" aus den Sämaschinen, die schließlich auf blühende und von Bienen beflogene Pflanzen gelangt sei.

Schäden an 11.500 Bienenvölkern gemeldet

Nach Angaben des baden-württembergischen Ministeriums für Ernährung und Ländlichen Raum haben allein im Oberrheingebiet, dem Zentrum des Massensterbens, 700 Imker Schäden an 11.500 Bienenvölkern gemeldet. Derzeit laufen die Verhandlungen über eine Entschädigung.

"Diese sollen zügig abgeschlossen werden, damit die ersten Zahlungen schon Anfang Juli erfolgen können", sagte der Minister Peter Hauk am vergangenen Freitag in Stuttgart. Der Schädigungsgrad sei sehr unterschiedlich, erklärt die Sprecherin des Ministeriums, Isabel Kling. "Besonders große Schäden von bis zu 80 Prozent wurden vor allem bei kleinen Völkern festgestellt."

Nach welchem Schlüssel die Entschädigungen bemessen werden und wie der Verdienstausfall in der laufenden Honigernte beziffert werde, sei noch unklar. Am Freitag findet in Karlsruhe ein Treffen aller betroffenen Parteien statt, dann soll diese Frage abschließend geklärt werden.

Wahrscheinlich wird das notwendige Geld aus einem Topf kommen, in den die Landesregierung und verschiedene Agrar-Unternehmen einzahlen, darunter Bayer Cropscience, der Hersteller des clothianidinhaltigen Pflanzenschutzmittels "Poncho", das als Hauptursache für das Bienensterben gilt. Das Unternehmen setze sich für "unbürokratische Hilfe" ein, sagt Sprecher Hermann-Josef Baaken, gleichgültig, wer die Schuld an der Situation trage.

Nach derzeitigem Kenntnisstand waren einzelne Saatgut-Chargen nicht richtig imprägniert worden. Durch die Rüttelei in den Sämaschinen konnte das Gift deshalb von den Körnern heruntergeschmirgelt werden.

Für diesen Hergang wären dann die entsprechenden Saatguthersteller verantwortlich, die von Bayer Cropscience mit dem Insektengift beliefert wurden. Außerdem trete das Problem nur bei einem bestimmten Typus von Sämschinen auf, erklärt Baaken. Sein Unternehmen strebe deshalb gemeinsam mit den Saatgutfirmen ein Zertifizierungssystem an, um solche "fehlerhaften Anwendungen" in Zukunft zu verhindern. Außerdem wolle man mit den Herstellern von Sämaschinen technische Lösungen suchen, damit giftiger Abrieb nicht mehr in die Luft gelangen könne.

Eines der umsatzstärksten Produkte

Clothianidin steht bei Bayer Cropscience auf Platz vier der zehn umsatzstärksten Produkte. Das erklärt die großzügige Geste des Unternehmens, dem viel daran gelegen ist, die Zulassung für das Produkt rasch wieder zu bekommen.

Das BVL in Berlin steckt nun in einem Dilemma: Es hatte die Behandlung des Maissaatguts mit Clothianidin in Baden-Württemberg angeordnet, nachdem im vergangenen Jahr im Schwarzwald und damit erstmals in Deutschland der Maiswurzelbohrer aufgetaucht war. Er ist der gefräßigste Mais-Parasit der Welt und verursacht jährlich allein in den USA Schäden von einer Milliarde Dollar.

Nur das Bienensterben sei noch verheerender als dieser Agrar-Schädling, sagt Ministeriumssprecher Jochen Heimberg. Bevor Clothianidin wieder auf den Markt dürfe, müsse deshalb sicher gestellt werden, dass so etwas nicht wieder passieren könne.