Armut, Seuchen und Bevölkerungsexplosion - wie die UN-Großbehörde FAO versucht, weltweit die Ernährung der Menschen zu sichern.
Sie wächst und wächst und wächst. Vor 500 Jahren zählte die Weltbevölkerung nach Schätzung der Vereinten Nationen 500 Millionen Menschen, derzeit sind es 6700 Millionen, im Jahr 2050 dürften es 9200 Millionen sein. Wer will, kann auf "Weltbevölkerungs-Uhren" im Internet zugucken, wie sich der Homo sapiens im Sekundentakt vermehrt. All diese Menschen wollen vor allem eins: essen. Viele verlangen dabei mehr Fleisch, was die Erde vor große Probleme stellt.
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FAO kämpft gegen Hunger: Kind im Niger (Archiv) (© Foto: Reuters)
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"Die Bevölkerung nimmt zu, die Einkommen erhöhen sich, die Städte wachsen", erklärt der Landwirtschaftsexperte Samuel C. Jutzi. "Damit steigt auch die Nachfrage nach tierischen Produkten wie Fleisch und Fisch, Milch und Eiern." Bis 2050 werde sie sich verdoppeln. Der Agronom beobachtet eine "Verwestlichung" der Ernährungsgewohnheiten in Schwellen- und Entwicklungsländern. "Fleisch verdrängt die traditionelle Getreidekost." Wegen dieser wachsenden Nachfrage nehme die Massentierhaltung zu. In China gäbe es bereits Mastbetriebe mit einer Million Schweinen. Die Folgen seien gravierend - für die Umwelt und für die Kleinbauern, die vom Markt verdrängt werden.
"Es werde Brot!"
Der 58-jährige Schweizer sitzt in einem riesigen, im kühlen Stil des Faschismus erbauten Bürokomplex zwischen dem Zirkus Maximus und den Caracalla-Thermen in Rom. Einst wollte hier Mussolini sein Afrika-Ministerium unterbringen - der Duce hatte offenbar viel vor mit dem Kontinent. Heute residiert in dem Bau für eine symbolische Miete von einem Euro im Jahr eine der größten Organisationen der Vereinten Nationen.
3600 feste Mitarbeiter hat die Welternährungs- und Landwirtschaftsorganisation (FAO), die Hälfte von ihnen arbeitet in Rom. 1945 gegründet, soll die Behörde darauf hinwirken, Nahrungsmittel weltweit besser zu produzieren und zu verteilen, den Lebensstandard zu heben und den Hunger auszurotten. 930 Millionen Dollar stellen die Mitglieder, 191 Staaten sowie die Europäische Union, im Doppeljahr 2008/2009 dafür bereit. Dazu kommt viel Geld für Sonderprogramme. "Fiat panis!", heißt das lateinische Motto der FAO - "Es werde Brot!" Doch noch immer hungern 850 Millionen Menschen auf der Erde, und für die Ernährungs-Organisation bleibt viel zu tun.
Wer ihr hallenartiges, mit allerlei Weltkunst wie zum Beispiel Keramiken geschmücktes Foyer betritt, der fühlt sich sofort wie in einem polyglotten Bienenschwarm - die Atmosphäre großer UN-Zentren. Delegierte aus allen Erdteilen wuseln auf der Suche nach ihrem Konferenzraum herum oder sprechen in den Sitzecken ihre Strategie für die nächste Verhandlung ab.
Erwin Northoff, einer der Medienbeauftragten der FAO, eilt mit großen Schritten durch den Ernährungs-Palazzo mit seinen endlos erscheinenden, von spinatgrünem Linoleum bedeckten Gängen. Dann führt er in eine Konferenzhalle, in der unzählige Delegierte über Schutzgebiete für biologische Vielfalt diskutieren. Zwei Stockwerke weiter oben geben die Experten der Überwachungseinheit für Heuschrecken neueste Zahlen aus Afrika in ihre Computer ein.
In anderen Büros prüfen die Mitarbeiter für den nächsten Weltfischereibericht, wie schlecht es steht um die Wanderhaie. Synchronübersetzer begleiten Verhandlungsrunden, bei denen es um Richtlinien für den Pestizid-Einsatz geht. Und dann wird da noch am Welthungerbericht geschrieben, der Codex Alimentarius (ein Standard für Lebensmittelsicherheit) aktualisiert oder eine Task-Force zur Bekämpfung der Vogelgrippe in Bengalen zusammen gestellt.
Ein Paradies für Viren
Kaum noch zu zählen sind die Aktivitäten der FAO, die als Diskussionsforum, Analyseeinheit, Politikberater und Entwicklungshelfer wirkt. Im aufgeräumtem Büro des Landwirtschaftsexperten Samuel Jutzi aber ist von dem manchmal verwirrenden Treiben nichts zu spüren. Ruhe und Konzentration verströmt der Schweizer, der die Abteilung für Tierproduktion und Tiergesundheit der FAO leitet, einen immer wichtiger werdenden Bereich, den die Organisation ausbauen will.
Jutzi wacht über die Gefahren, die aus dem Trend zum Tierverzehr erwachsen. Dabei bewertet der Direktor diesen Trend ambivalent. "Was die Amerikaner und Europäer an Fleisch essen, ist vermutlich zu viel", sagt er. In manchen Entwicklungsländern bekämen die Menschen dagegen zu wenig tierisches Eiweiß. Es fehlten ihnen so wichtige Aminosäuren und Mineralstoffe. "Ein Amerikaner isst pro Jahr 120 Kilo Fleisch, ein Zentralafrikaner nur zehn Kilo", erklärt er. Während also hier mehr Maß zu halten sei, bestehe dort Nachholbedarf.
Die FAO will darauf hinwirken, dass dieses Austarieren sicher, umwelt- und sozialverträglich geschieht. Besonders macht Jutzi die Tiergesundheit Sorge. Seuchen wie die Vogelgrippe vernichteten in kürzester Zeit riesige Tierbestände und gefährdeten Ernährung und Einkommen der Menschen. In China etwa habe die Blauohrenkrankheit zeitweise zum Kollaps der Schweinefleischversorgung geführt.
Gefahren sieht Jutzi besonders in solchen Schwellen- und Entwicklungsländern, in denen verschiedene Tierarten in großen Massen zusammengepfercht und in der Nähe von stark besiedelten Gebieten gehalten werden - ein Paradies für Viren. Manche Regionen würden so zum "Laboratorium für Krankheitserreger", warnt der Agrarexperte. "Je höher die Tierdichte, desto höher ist die Gefahr, dass neue gefährliche Krankheiten entstehen." Bis zu 80 Prozent der neu beim Menschen auftretenden Krankheiten kämen aus dem Tierreich.
Seit vier Jahren sind Jutzi und seine Experten - darunter Feld-Teams in mehr als hundert Ländern - nun mit der Vogelgrippe beschäftigt, genauer mit dem berüchtigten Erreger H5N1, der auch für den Menschen tödlich sein kann. Während die Lage in Europa unter Kontrolle sei und die Konsumenten sorglos essen könnten, komme es in Asien und Afrika immer wieder zu erheblichen Ausbrüchen. "Staaten wie Indonesien, Bangladesch, Ägypten und Nigeria sind offensichtlich nicht in der Lage, das Problem in den Griff zu bekommen."
Die FAO als Reformbaustelle
Hier versucht die FAO zu helfen, sofern die Länder das wollen. Denn über Zwangsmittel verfügt die Behörde nicht. Im Kampf mit der Vogelgrippe finanziert sie etwa Impfstoffe und Labors. Die Feldteams arbeiten direkt in verseuchten Gebieten. So bilden sie in Indonesien Landbewohner zu so genannten Barfuß-Doktoren aus, die die Geflügelbestände auf den Tausenden Inseln überprüfen und die Daten dann über Mobiltelefone und GPS weiterleiten.
Andere Experten beraten die Länder bei der Entschädigung für Bauern, deren Tiere zwangsgeschlachtet werden. "Zahlt man zu wenig, dann verstecken sie ihre Tiere; zahlt man zu viel, so infizieren die Bauern sie womöglich absichtlich", sagt der Direktor. "Da müssen Sie sehr sorgfältig vorgehen."
Insgesamt sehen Jutzi und FAO-Sprecher Northoff ihre Organisation in Sachen Tiergesundheit auf einem gutem Weg. Zugleich räumen sie allerdings ein, in der Behörde sei sehr viel zu reformieren. Im vergangenen Jahr wurde die FAO von Revisoren durchforstet. Das Ergebnis ist pikant. So heißt es in dem Bericht, FAO-Chef Jacques Diouf sei "distanziert und unnahbar", viele Mitarbeiter verhielten sich risikoscheu und entscheidungsschwach. Zudem sei die Arbeit der FAO nicht genügend mit anderen Organisationen koordiniert. Nichtregierungs-Organisationen kritisieren außerdem, die FAO lasse sich zu sehr von der Agrarindustrie beeinflussen.
Nun müssen die Mitgliedstaaten entscheiden, wie die Behörde erneuert wird. Womöglich soll sie künftig weniger technische Zusammenarbeit leisten und sich darauf konzentrieren, internationale Regeln und Standards zu entwickeln, etwa bei der Bewirtschaftung der Meere oder im Umgang mit der Biotechnologie.
In einer Welt, die immer enger zusammenwächst, wird die gesunde, umweltverträgliche Ernährung der Menschheit zum gemeinsamen Gut. Um es zu pflegen, sind internationale Behörden wie die FAO trotz ihrer Schwächen notwendig. So kommt das harsche Gutachten vom vergangenen Jahr zu dem Schluss: "Wenn die FAO morgen verschwinden würde, müsste sie neu erfunden werden - wenn auch in anderer Form."
(SZ vom 3.3.2006/lala)
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