Von Werner Bartens

Selbstüberschätzung führt zu Kunstfehlern und Fehldiagnosen

Die Ärzte sagten zu Paul Mongerson, dass er Bauchspeicheldrüsen-Krebs habe. Der Tumor hat eine extrem schlechte Prognose. Zum Glück erwies sich die Diagnose jedoch als falsch. Mongerson beeindruckte der Schock jedoch so sehr, dass er eine Stiftung gründete, um die Genauigkeit von Diagnose und Therapie zu verbessern. Das war 1980.

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Vor kurzem fragte er sich, warum immer noch so viele Diagnosen falsch sind. Die Reaktionen der Ärzte erstaunten ihn. Sie gaben an, dass ihre Fehlerquote unter einem Prozent liegen würde. "Mediziner sehen Verbesserungsbedarf in der Diagnostik - aber nur bei anderen", sagt Mongerson. "Als Patient finde ich aber auch eine Fehlerrate von einem Prozent nicht akzeptabel."

Den Ursachen für Behandlungsfehler hat das American Journal of Medicine ein Sonderheft gewidmet. Die Analysen fallen für Ärzte nicht schmeichelhaft aus. Demnach beträgt die Häufigkeit von Fehldiagnosen 15 Prozent.

Ein wichtiger Grund dafür ist die Selbstüberschätzung der Mediziner. "Ärzte, die sich ,absolut sicher' in ihrer Diagnose waren, lagen zu 40 Prozent falsch", sagen Eta Berner und Mark Graber, die das Fehlverhalten analysiert haben. Sie kommen zu dem Ergebnis, dass die Fehlerrate in den Fächern Radiologie und Pathologie mit zwei bis fünf Prozent am niedrigsten ist.

Sie schnellt jedoch hoch, wenn andere Ärzte Röntgenbilder beurteilen. So wurden in der Notfallambulanz 16 Prozent der Röntgenbilder und 35 Prozent der CT-Aufnahmen vom Kopf fehlgedeutet, weil kein Radiologe erreichbar war. In Mammographien wird in zehn bis 30 Prozent der Fälle Brustkrebs übersehen.

"Man weiß oft nicht, woran jemand im Krankenhaus gestorben ist"

Schätzungen über Irrtümer in der Medizin variieren stark. Eine Erhebung im New England Journal of Medicine ergab, dass 42 Prozent der Patienten - oder ihre Familienangehörigen - Opfer medizinischer Irrtümer geworden waren, wobei nur Fehler gezählt wurden, die "zu schweren Schäden, wie Todesfällen, Behinderungen oder Zusatzbehandlungen" führten. Auch 35 Prozent der Ärzte hatten solche Erfahrungen gemacht.

"Man weiß oft nicht, woran jemand im Krankenhaus gestorben ist", sagt Johann Neu von der norddeutschen Schlichtungsstelle für Haftpflichtfragen. Er hatte kürzlich im Deutschen Ärzteblatt von 10.000 Verfahren berichtet, die 2000 bis 2003 abgeschlossen wurden.

Die Stelle bearbeitet die Hälfte aller Schlichtungsfälle bundesweit. Das Robert-Koch-Institut schätzt, dass mindestens 40000 Patienten in Deutschland jährlich Ansprüche erheben.

Zurückhaltende Berechnungen zeigen, dass drei bis vier Prozent der Patienten in der Klinik zu Schaden kommen. Bezogen auf 17 Millionen Behandlungen, die in Deutschland jedes Jahr stattfinden, würden demnach 500000 Menschen Schäden durch die Medizin erleiden. "Ärzte liegen oft falsch und bewegen sich in einem Nebel aus ungerechtfertigtem Optimismus", schreibt Fran Lowry im kanadischen Fachblatt CMAJ.

Darauf zu vertrauen, dass der Fortschritt zu weniger Fehlern führt, ist unbegründet. Mehr Technik lässt mehr Irrtümer zu. In einer älteren Studie wurden Fehldiagnosen aus den Jahren 1959, 1969, 1979 und 1989 ausgewertet. In diesem Zeitraum hatten neue Methoden wie Ultraschall, CT und Kernspin den medizinischen Alltag erobert. Trotz der Neuerungen ging die Zahl der Fehldiagnosen nicht zurück. Obduktionen ergaben, dass zwischen 1959 und 1989 der Anteil nicht oder falsch erkannter Leiden konstant bei ungefähr zehn Prozent lag.

Für Mongerson ist es zwar wichtig, Mediziner über typische Irrtümer aufzuklären. "Aus meiner Sicht wird es aber nur weniger Fehlbehandlungen geben, wenn Ärzte eine Vorstellung davon haben, welche Fehler sie persönlich machen", sagt Paul Mongerson. "Es geht um die eigenen Irrtümer - nicht um die der Anderen."

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(SZ vom 10.05.2008/mcs)