Wärmedämmung Feuer an der Fassade

Energetische Sanierung eines Schulhauses - viele Bauherren nutzen zur Dämmung von Fassaden Polystyrol-Platten.

(Foto: Hartmut Pöstges)
  • In einem Merkblatt bestätigen die Bauminister der Bundesländer, dass Dämmplatten aus Polystyrol brennen kann.
  • Die Zulassungen für neue Wärmedämmungen mit dem Material müssen in den kommenden Monaten geändert werden.
  • Auf Mieter und Vermieter könnte neuer Streit zukommen. Strittig könnte etwa sein, wie nah Mülltonnen und Autos an den gedämmten Fassaden stehen dürfen.
Von Güven Purtul

Das Merkblatt kommt unspektakulär daher: schmucklos, ohne Betonung der wichtigen Passagen und in bestem Behördendeutsch. Seit Montag steht es gut versteckt auf der Webseite der Bauministerkonferenz, am Mittwoch veröffentlichte es auch das staatliche Deutsche Institut für Bautechnik in seinem Newsletter. Nirgendwo auf den Webseiten gibt es einen gesonderten Hinweis auf den Inhalt, der einigen Aufruhr verursachen könnte.

In dem Merkblatt geht es um die Feuergefahr, die von Wärmedämmung ausgeht. Auf Millionen Hausbesitzer in Deutschland könnten hohe Kosten zukommen, außerdem droht neuer Streit zwischen Vermietern und Mietern. "In Einzelfällen", so stellen die Landesminister im ersten Satz fest, "ist es vorgekommen, dass Fassaden mit Wärmeverbundsystemen aus Polystyrol in Brand geraten sind." Das hatte in der Politik, und erst recht in der Industrie, lange niemand wahrhaben wollen.

Daraus ziehen die Politiker nun zwei Konsequenzen. Erstens haben sie für Neubauten und künftige energetische Sanierungen "modifizierte technische Regelungen für Fassadensysteme mit Polystyroldämmplatten" erarbeitet. Im Klartext: Alle Zulassungen für Wärmedämmverbundsysteme (WDVS) mit Polystyrol, dem fast konkurrenzlos billigsten Material für diese Aufgabe, müssen in den kommenden Monaten geändert werden. Und zweitens gibt das Merkblatt Verhaltensregeln für Besitzer und Bewohner bereits gedämmter Häuser. Sie sollen "bei der Lagerung von brennbaren Materialien" einen "Mindestabstand von drei Metern zur Fassade" einhalten. Mülltonnen aus Kunststoff direkt am Gebäude sollten eine "geschlossene Einhausung aus nicht brennbarem Material" erhalten, also Beton oder Stahl.

Nach elf Minuten brannte der Sockel mit - wenig Zeit für die Feuerwehr

Die Hinweise könnten Leben retten. Tatsächlich geht es nämlich nicht nur um Einzelfälle. Obwohl es keine zentrale Erfassung von Bränden mit Beteiligung von Polystyrol gibt, hat die Frankfurter Feuerwehr mehr als 70 Ereignisse im Bundesgebiet aufgelistet, bei denen der Dämmstoff eine Rolle gespielt hat. Darunter waren dramatische Feuer wie das in Berlin-Pankow, bei dem 2005 zwei Bewohner in Rauchgasen erstickten, oder in Delmenhorst 2011, wo 200 Menschen obdachlos wurden.

Nach einem Aufsehen erregenden Großbrand 2012 in Frankfurt am Main forderte der Frankfurter Feuerwehrchef Reinhard Ries, dass der Dämmstoff "dringend überprüft werden muss". Und zwar unabhängig. Bis dahin hatten nämlich die Hersteller des Materials die vom DIBT geforderten Zulassungstests selbst beauftragt und bezahlt. Die Bauminister beriefen nun eine Gruppe von Brandexperten - ohne Beteiligung der Industrie -, um die Brände zu untersuchen. Im Februar 2014 entzündeten sie unter einem handelsüblichen WDVS einen 200 Kilogramm schweren Holzstapel, dessen Brandlast dem eines vollen Mischmüll-Containers entsprach. Mindestens 20 Minuten hätte das Dämm-System aus Polystyrol und Putz den Flammen standhalten sollen, doch nach elf Minuten gab es erste Anzeichen für ein Mitbrennen des Sockels. Zwei Minuten später öffnete sich das WDVS und ging in den Vollbrand über. Im Ernstfall hätte die Feuerwehr kaum genug Zeit gehabt, den Brand zu löschen.

Verdämmt noch mal!

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"Die Besonderheit des auf Ölbasis hergestellten Materials Polystyrol ist, dass durch die Hitze geschmolzenes und ablaufendes Polystyrol sich an der Brandquelle im Sockelbereich entzünden kann, die Brandlast also während des Brandverlaufs noch zunimmt", heißt es im internen Abschlussbericht der Expertengruppe. Das ließ sich verhindern, zeigten weitere Versuche, indem im Sockelbereich zwei zusätzliche Brandriegel eingezogen wurden. Dabei handelt es sich um 20 Zentimeter dicke Streifen aus nicht brennbarer Steinwolle, wie sie weiter oben bereits bei jedem zweiten Stockwerk vorgeschrieben sind. Sie dürfen aber nicht wie üblich verklebt, sondern müssen verdübelt werden. "Diese Maßnahmen haben sich bewährt", sagt Gerhard Scheuermann, Leiter der Projektgruppe und Vorsitzender der Fachkommission Bauaufsicht. "Das System hielt den Flammen stand."

Im November 2014 beschlossen die Bauminister, dass die zusätzlichen Brandriegel bei Neubauten und Modernisierungen Pflicht werden sollen. Doch bis heute hat das DIBT diese Maßgabe nur in Form unverbindlicher Hinweise veröffentlicht. "Es müssen bis zu 300 Zulassungen geändert werden", sagt Scheuermann, "das kostet Zeit". Die meisten Bauherren würden sich bereits freiwillig an den neuen Richtlinien orientieren.