"Baseline"-Studie Google auf dem Egotrip

Mit Geräten wie dieser elektronischen Kontaktlinse will Google Körperwerte wie den Blutzucker messen

(Foto: Google X)

Blut, Spucke, DNA: So genau wie nie will Google Tausende Probanden durchleuchten - und Hinweise auf Krankheiten finden, die womöglich erst in Jahrzehnten ausbrechen. Was bringt Google der Blick in den Körper?

Von Christoph Behrens

"Aus so krummem Holze, als woraus der Mensch gemacht ist, kann nichts ganz Gerades gezimmert werden", schrieb Immanuel Kant 1784. Der Philosoph meinte damit das Verhältnis von Individuum und Gemeinschaft: Der einzelne Mensch hat bestimmte Schwächen, sie gehören zu ihm, machen ihn aus. Eine perfekte Gesellschaft sei daher unmöglich.

230 Jahre später stellt man in Kalifornien dieses Dogma in Frage, zumindest was körperliche Schwächen angeht. Denn diese nimmt die Google "Baseline" Studie nun ins Visier. 175 Probanden will Google in dem viele Millionen Dollar schweren Projekt von diesem Sommer an genauestens durchleuchten. Ihr Erbgut soll vom ersten bis zum letzten Basenpaar sequenziert und in Googles Rechenzentren gespeichert werden. Außerdem sammeln Wissenschaftler der US-Eliteuniversitäten Stanford und Duke für Google Blutproben der Teilnehmer, untersuchen ihre Spucke und ihren Urin im Labor, analysieren sogar die Tränenflüssigkeit. Die Mediziner wollen wissen, wie der Körper der Probanden unter Anstrengung reagiert, wie gut er Nahrung verwertet. Zusammen mit den Krankengeschichten der Eltern entsteht so das genaueste Bild dieser 175 Individuen, das man sich vorstellen kann.

Aber was soll das bringen? Die Google-Techniker möchten den "biochemischen Fingerabdruck" gesunder Personen erstellen. "Wir wollen verstehen, was es heißt, gesund zu sein, bis hinunter zur molekularen und zellulären Ebene", teilte Google mit. Auf lange Sicht wollen die Forscher in den Daten auch frühe Hinweise auf Krankheitsrisiken finden. Die Analyse der Daten soll verborgene Muster aufdecken und etwa verraten, wie sich Krankheiten wie Krebs oder Diabetes künftig vorhersagen lassen.

Lukrativer Blick in den Menschen

All das soll aber nur ein erster Anfang sein. Nach diesem Pilotversuch sollen sich tausende weitere Probanden auf die gleiche Weise durchleuchten lassen. Es ist eine von Googles typischen "Moonshots", so nennt der Konzern Projekte mit hohem Risiko, aber potenziell noch höherem Gewinn.

Der Blick in den Körper könnte in der Tat ziemlich lukrativ sein. Allein den Markt für gesundheitsrelevante IT-Produkte schätzen Marktforscher für das Jahr 2017 auf mehr als 31 Milliarden Dollar. Immer mehr Technologiefirmen springen daher auf den Zug auf. So ist in der neuesten Version von Apples Betriebssystem iOS 8 etwa die App HealthKit auf jedem iPhone bereits vorinstalliert. Sie kann Bewegung, Ernährung und Schlaf des Benutzers aufzeichnen. Google plant mit Google Fit etwas Ähnliches für Android-Nutzer. Nachdem Google die Suche im Internet perfektioniert hat, ist die Suche in den Daten des Körpers eins der nächsten Ziele der Kalifornier, und Baseline vielleicht eins der wichtigsten Projekte.

"Für mich ist Baseline kein aussichtsloses Unterfangen", sagt Markus Nöthen, Direktor des Instituts für Humangenetik der Uni Bonn. Zwar gebe es schon einige ähnliche Langzeitstudien, die über viele Jahre Körperdaten von einer großen Anzahl Menschen sammeln: etwa die Kora-Studie des Helmholtz-Zentrums München, oder die europäische Epic-Studie, die Zusammenhänge zwischen Krebs und Ernährung untersucht. "Mit Google steigt jetzt erstmals eine Privatfirma in diese bislang öffentlich finanzierte Forschung ein", erklärt Nöthen. "Es ist beeindruckend zu sehen, wie viele Daten auf einmal der Konzern sammeln will." Und gleichzeitig verfüge Google über das Wissen, diese Daten auch auszuwerten.

Es sind jedoch Daten von gesunden Patienten. "Daraus etwas über Krankheiten zu lernen, wird die große Schwierigkeit sein", gibt der Humangenetiker Peter Propping zu bedenken. Dazu brauche man eine sehr große Stichprobe - die jetzt beginnende "Nationale Kohorte" Studie in Deutschland will etwa 200 000 Probanden untersuchen. Zudem müsse man diese Personen auch über einen sehr langen Zeitraum begleiten. "Solche Studien zeigen erst nach 20 bis 30 Jahren ihren Wert", sagt Nöthen. Dann treten auch bei den einstmals Gesunden die ersten Krankheiten auf - und dann erst wird klar, wodurch sie sich hätten vorbeugen lassen.