Bangladesch Am Rande der Welt

Holzfällerei, Stürme und der Meeresspiegelanstieg bedrohen die Sundarbans, eine riesige, entrückte Landschaft aus Mangroven. Nun kommen neue Gefahren hinzu.

Von Arne Perras

Der Bootsmann deutet nach Westen: "Manchmal kommen sie da drüben hoch, aber sie sind flink und tauchen schnell wieder ab." Der Dunst über dem Poshur River lichtet sich nur langsam an diesem Morgen. Mohamed Abdullah, ein kräftiger Mann, langer, schwarzer Bart, gekraustes Haar, steht am Heck und steuert seinen al-ten Dieselkahn. Nach Süden geht die Fahrt, hinein in ein Labyrinth aus Wasser und Wald. Man lässt den Blick rundherum über die Wellen schweifen, wer will schon so eine Chance verpassen. Aber von den geheimnisvollen Begleitern ist nichts ist zu entdecken.

Wo sich Südasiens Ströme Ganges, Brahmaputra und Meghna verzweigen und in den Golf von Bengalen ergießen, erstrecken sich riesige Mangrovengebiete. Die Leute nennen sie die Sundarbans, "schöne Wälder". Es ist eine entrückte Welt zwischen Land und Meer, gewachsen und geformt im ständigen Wechsel von Ebbe und Flut. Der Westen des Deltas gehört zu Indien, der Osten zu Bangladesch. In seiner Größe und seinem Artenreichtum ist das Biotop so einzigartig, dass es die Unesco zum Welterbe erklärt hat. Doch wie lange wird es das noch geben? Illegaler Holzeinschlag, Stürme und ein steigender Meeresspiegel setzten den Mangroven zu. Und jetzt rückt noch eine weitere Gefahr ganz nah heran an die Sundarbans. Man wird sie später genauer erkunden, aber hier draußen ist von ihr noch nichts zu sehen. Hier sind nur Wasser und Wald. Und das monotone Tuckern des Diesels.

Schreie und Aufregung im Boot. Ein grauer Rücken wölbt sich aus dem Wasser, schillert silbern

Bald wird Steuermann Abdullah den großen Fluss verlassen und in einen der Seitenarme einbiegen. Doch plötzlich: Schreie und Aufregung im Boot. Ein grauer Rücken wölbt sich links aus dem Wasser, vielleicht 50 Meter entfernt. Er schillert silbern an der Oberfläche - und ist gleich wieder weg. Kurz danach taucht ein weiterer Körper auf. Und noch einer. Sie sehen aus wie glänzende Halbmonde, die in den Wellen tanzen. Steuermann Abdullah lächelt. "Man muss nur Geduld haben", sagt er. "Dann wird man manchmal belohnt."

Ganges-Flussdelfine. Die seltenen Säuger haben längere und schmälere Schnauzen als ihre Verwandten im Ozean. Im Flussdelta jagen sie Fischschwärmen nach. Aber schon bald werden sie seltsame Gesellschaft bekommen. Und die dürfte ihnen kaum gefallen. Plumpe Riesen aus Stahl sollen den Poshur River hinauffahren, mit Saugrüsseln, die auf dem Grund des Flusses herumgurgeln. Sie schlurfen tonnenweise Schlamm vom Boden und machen höllischen Lärm.

Diese Baggerschiffe sollen das Flussbett vertiefen, damit künftig große Frachter Brennstoff für das Kraftwerk Rampal liefern können. Noch steckt das Projekt in seinen Anfängen, die Baustelle liegt vom Ort Mongla einige Kilometer flussaufwärts am östlichen Ufer. Um Rampal zu befeuern, wird man sehr viel Brennstoff brauchen. Kohle. Fünf Millionen Tonnen pro Jahr. Und die ganze Fracht muss den Poshur River hinauf. Kein Wunder, dass es Ökologen gruselt bei der Vorstellung eines solchen Kohle-Highways, mitten durch den weltgrößten Mangrovenwald.

An Rampal hat sich viel Streit entzündet. Die Nation ist stolz auf ihre großen Wälder im Delta, aber Bangladesch ist auch ein Land, das nach Energie hungert, um aus der Armut zu kommen. Und regiert wird der Staat von einer Premierministerin, die nicht den Eindruck erweckt, als ließe sie sich noch einmal abbringen vom 1320-MW-Vorhaben Rampal. Für Sheikh Hasina verkörpert das Kraftwerk Energie, Fortschritt und Zukunft.

Klingt wunderbar, das will Abdullah Harun Chowdhury gar nicht bestreiten. Aber ein Kraftwerk am Rand der Sundarbans? Das bleibt für den Ökologen ein verheerendes Vorhaben. Chowdhury ist ein gedrungener Mann mit lebhaften Augen, er lehrt und forscht an der Universität Khulna. In seinem winzigen Büro erzählt er eines Morgens, dass er nun anonyme Drohungen bekomme, weil er mit seiner Kritik nicht hinterm Berg hält. Einschüchtern lässt er sich aber nicht. "Wenn Rampal kommt, werden unsere Nachkommen leiden," sagt er. Kein Kohlekraftwerk der Welt könne den Ausstoß von Schadstoffen und andere Verschmutzungen, etwa durch die giftige Asche, völlig eliminieren. "Und die toxischen Stoffe werden sich anreichern in den nahen Mangrovenwäldern, auch wenn man das nicht sofort sehen kann."

Chowdhury rechnet mit einer schleichen-den Vergiftung des Ökosystems, vor allem durch Schwefel- und Stickoxide sowie durch Schwermetalle. "Als Mensch kann man zum Arzt gehen, wenn man krank ist. Aber die Wälder da draußen, die haben keinen Doktor." Er sieht auch keine Chance, die Gesundheit des Ökosystems systematisch zu überwachen, weil dafür die Mittel fehlten. "Wir sind als Staat ja nicht einmal in der Lage, die industrielle Verschmutzung in der Hauptstadt Dhaka halbwegs in den Griff zu bekommen. Wie sollen wir darauf vertrauen, dass das hier draußen in den Sundarbans gelingt?" Man denke allein an den Transport der Kohle durch den Mangrovengürtel: 13 000 Tonnen wird Rampal pro Tag verbrennen. Von großen Ozeanriesen muss der Rohstoff jeweils umgeladen werden auf kleinere Schiffe, mitten in den Sundarbans. Und das wird niemals völlig sauber geschehen können. "Wir sind auch nicht gewappnet für größere Unfälle, das haben die vergangenen Jahre gezeigt", sagt Chowdhury. Schon zweimal sind Kohlefrachter in der Gegend mit ihrer giftigen Fracht gesunken, 2014 lief ein Öltanker nach einer Kollision aus. "Wir können messen, dass das Plankton nach dem Ölunfall stark zurückgegangen ist", sagt der Ökologe. "Oder nehmen wir die Krokodile. Die sind längst in Zonen geflohen, in denen das Wasser noch sauberer ist." Aber das Schlimmste ist aus seiner Sicht: "Die Schäden in den Sundarbans werden irreversibel sein."

Dabei gäbe es andere mögliche Standorte weiter im Osten, sagt Chowdhury, wenn die Regierung unbedingt ein neues Kohlekraftwerk möchte. "Der Platz nahe der Sundarbans ist jedenfalls völlig ungeeignet", urteilt der Wissenschaftler. Denn sterben diese Wälder, fiele auch der wichtigste Schutz gegen die Stürme weg, die mit zunehmender Stärke über den Staat hinwegrasen. Es gibt kaum eine wertvollere Landschaft für Bangladesch, deren Bewohner oftmals witzeln, ihr Land sei so flach wie ein Pfannkuchen. Die Mangrovenwälder im Süden wirken wie ein großes Schutzschild. Ohne die Sundarbans gerieten Millionen Menschenleben in Gefahr, warnen Kraftwerksgegner.

Premierministerin Sheikh Hasina aber sagt, ihr Land müsse sich wegen Rampal nicht ängstigen. Schließlich habe man sogar die "weltberühmte" deutsche Firma Fichtner angeheuert, deren Experten schon dafür sorgten, dass beim Bau "die höchsten Standards" eingehalten werden. Es ist kein Zufall, dass sie das so hervorhebt. Die Deutschen gelten in Bangladesch als Weltmeister in sauberer Technologie. Wer an das Unternehmen Fichtner in Stuttgart schreibt und dazu mehr erfahren möchte, bekommt nur diesen lapidaren Satz zur Antwort: "Wir können grundsätzlich keine Aussagen zu den von uns bearbeiteten Projekten machen."

Die Sicherheitsleute am Tor machen grimmige Gesichter, signalisieren: einsteigen, umkehren, weiterfahren

Stattdessen solle man sich doch an die Bangladesh-India-Friendship Power Company wenden, den Träger des Projekts. Doch auch dort wird gemauert. Wer vor dem Tor des Geländes nördlich von Mongla steht, wird nicht vorgelassen, der Manager lässt ausrichten, er könne keinen Journalisten zum Gespräch empfangen. Weitere Erklärungen gibt es nicht. Und die Sicherheitsleute am Tor machen recht grimmige Gesichter, sie signalisieren: einsteigen, umkehren, weiterfahren. In einem Kiosk nahe der Baustelle sind die Arbeiter mit ihren gelben Helmen gesprächiger. Klar werde hinter dem Zaun kräftig gebaut, sagt ein schwitzender Mann mit Schnurrbart, der Tee schlürft und sich mit Keksen eindeckt. "Es geht gut voran."

Wegen der massiven Umweltrisiken hat sich der norwegische Pensionsfonds aus der Finanzierung von Rampal zurückgezogen, auch drei französische Banken entschieden, nicht in den Bau des Kraftwerks zu investieren. Die Unesco pocht darauf, dass das Projekt nicht voranschreiten sollte, solange es kein umfassendes Umweltgutachten gibt. Doch zu scharfer Kritik kann sich die UN-Organisation nicht durchringen, und sie scheint Dhaka auch deswegen wenig zu beeindrucken. Alles deutet darauf hin, dass Rampal trotz aller Gefahren vorangetrieben wird. Indien, das sich auf internationaler Bühne gerne als Champion erneuerbarer Energien feiern lässt, hat offenbar keine Skrupel, jenseits der Grenze weiterhin in Mega-Geschäfte mit schmutziger Kohle zu investieren. Alle rechnen damit, dass der Brennstoff für Rampal später ebenfalls beim großen Nachbarn Indien eingekauft wird.

Und was denken die Leute, die rund um die Mangrovenwälder leben? Um das zu erkunden, muss man zurück aufs Boot, zu Steuermann Abdullah, der versucht, in den Weiten des Labyrinths Fischer und Honigsammler aufzuspüren. Vorher muss er aber noch an einer Forststation anhalten, wo Formulare auszufüllen sind und ein junger Mann in Khakiuniform an Bord springt. Er hat kurz geschorene Haare und blickt streng. Außerdem hat er ein Gewehr bei sich. Mohammed Rana ist Wildhüter, nur mit Geleitschutz dürfen Besucher in die Kanäle vorstoßen.

"Da draußen gibt es Tiger", sagt Rana. "Und das andere auch." Der Mann spricht jetzt in Rätseln, aber auflösen will er sie nicht. Von den Katzen hatte man natürlich schon gehört. Und tauchte jetzt ein Tiger im Dickicht auf, wäre das - sofern man in einem sicheren Boot sitzt - sicherlich das größte denkbare Reporterglück. Aber das "andere"? Rana schweigt beharrlich, sagt nicht, was er meint. Stattdessen lässt er seinen Blick über das dichte, von Urwald bewachsene Ufer streifen, während der Kahn durchs Wasser pflügt.

Eisvögel zischen wie bunte Pfeile über den Kanal, links und rechts hüpfen glupschäugige Schlammspringer ins Wasser. Ein tropisches Idyll, so sieht es aus. Ansonsten rührt sich nicht viel in diesem Flusslauf, der sich weiter und weiter verzweigt, bis der Fremde jede Orientierung verloren hat. Man kann nur hoffen, dass der Bootsführer weiß, wie er wieder hinausfindet.

Verirren sich auch die Einheimischen in den Wäldern? "Das kann schon mal vorkommen", sagt Shukumar Thander, der seit Jahren in den Sundarbans fischt. "Aber das ist unsere geringste Sorge." Thander, ein drahtiger Mann mit kurzem, schwarzem Haar und bernsteinfarbenen Augen, hebt die Hände und ruft: "Räuber! Sie sind eine riesige Plage geworden." Das hätte der Wildhüter Rana im Boot aber auch gleich sagen können. Das "andere" hat sich nun aufgeklärt. Sundarbans, Banditenwald. Und Thander weiß, wovon er spricht. Einmal haben ihn Gangster entführt, um Lösegeld zu erpressen. 1000 Dollar forderten sie, ein Vermögen für den Fischer. Es waren höllische Tage für ihn und seine Frau, die nicht wusste, wo sie das Geld auftreiben sollte. Sie stürzte sich panisch in Schulden, verkaufte alles, was sie besaßen. So kam ihr Mann nach acht Tagen wieder frei, hungrig, durstig, verängstigt. Wenn der 46-Jährige davon spricht, ist er immer noch ganz aufgeregt, als wäre das alles erst gestern passiert.

Auch die Tiger fürchtet er, vor allem, wenn er im Wald Honig sammelt. "Wir müssen uns dann für die Nächte ein Baumhaus bauen." Einmal hat eine Katze einen Freund geholt, das hat er nicht vergessen, es gab keine Chance, ihn zu retten, der Angriff kam wie der Blitz. "Aber seit dem Zyklon 2007 sind die Angriffe weniger geworden", sagt Thander. "Ich glaube, es werden immer weniger Tiger."

Und die Bienen? "Nun ja, Berufsrisiko", sagt er. Sie reiben sich mit Kerosin ein, um sich zu schützen. Aber wenn es blöd läuft, kassieren sie schon mal 20, 30, 40 Stiche. Das Gesicht seines Freundes ist einmal so stark angeschwollen, dass dessen Frau ihn kaum noch erkannte. Fischen, Krabbenfangen, Honig sammeln. Thander und seine Nachbarn haben nie etwas anderes kennengelernt als dieses harte Leben.

Freut er sich also über das Kraftwerk und die Versprechen, dass mit ihm der Wohl-stand komme? Falls der 46-Jährige dazu eine Meinung hat, behält er sie lieber für sich. "Ich bin nur ein einfacher Mann", sagt er. "Ich lebe von dem, was mir der Wald und die Flüsse geben. Ohne die Sundarbans kann ich nicht überleben. Aber unsere Premierministerin sagt: Das Kraftwerk ist gut für unser Land." Ähnlich formulieren das auch andere Honigsammler und Fischer, die man auf der Reise trifft. Sie sind vorsichtig, vielleicht weil sie wissen, dass die Regierung kritische Töne über Rampal nicht gerne hört. Anfangs hatte es noch große Demonstrationen gegeben, aber sie wurden im Laufe der Zeit immer kleiner, Sicherheitskräfte greifen bei Protesten hart durch. Und Aktivisten sagen, dass sich viele Leute eingeschüchtert fühlten und nicht wagten, offen zu sprechen.

Ein heftiger Ruck, das Boot ist aufgelaufen. Kein Handyempfang, weit und breit keine Hilfe in Sicht

Die Kanäle, die Kapitän Mohammed an diesem Tag ansteuert, werden immer enger. Wechselte man von hier auf die andere Seite nach Osten, könnte man in den Sela River einbiegen, wo 2014 ein Öltanker mit einem Schiff kollidierte. "Halt, halt, halt. Keine gute Idee", sagt der Mann von der Forstbehörde. "Die Erlaubnis gilt nur für diese Kanäle, ich bin schließlich verantwortlich, dass alles seine Ordnung hat." Es gäbe da drüben auch gar nicht mehr viel zu sehen. Alles aufgeräumt und sauber gemacht, sagt er.

Man würde das jetzt gerne weiter diskutieren, aber plötzlich gibt es einen heftigen Ruck. Das Boot ist an einer Biegung aufgelaufen. Das Handy hat keinen Empfang, weit und breit ist keine Hilfe in Sicht. Abdullah springt ins brusttiefe Wasser, watet zum Bug und versucht, den Kahn flott zu kriegen. Vergeblich. Das Boot rührt sich keinen Zentimeter. "Ist eigentlich Ebbe oder Flut?", möchte man jetzt wissen. Nur weil es bald finster wird. Und man schon so viele Geschichten gehört hat. Sundarbans, Banditenwald. Von den großen Katzen ganz zu schweigen.

Abdullah lächelt. "Flut", sagt er. "Wir müssen nur warten. Bevor es dunkel wird, sind wir wieder draußen. Versprochen."