Von Christoph Neidhart, Tokio

Offiziell zu wissenschaftlichen Zwecken tötet Japan Wale - jüngst eine Mutter mit ihrem Kalb. Australien protestiert mit schockierenden Fotos und riskiert einen Rechtsstreit mit Tokio.

Der Abschuss einer Walmutter und ihres Kalbes durch japanische Walfänger hat scharfe Proteste der deutschen und der australischen Regierung hervorgerufen. Die Verantwortlichen in Canberra forderten von Tokio, den Walfang im Südpazifik einzustellen. Die "schockierenden Bilder", sagte Zollminister Bob Debus, "werden uns helfen, die Klage vorzubereiten, mit der die australische Regierung an ein internationales Gericht gelangen will, um den Walfang zu stoppen".

Walfang, Japan

Australische Medien platzierten das Bild der getöteten Walmutter und ihres Kindes an prominenter Stelle. (© Foto: dpa)

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Die Bilder waren von einem australischen Zollschiff aus aufgenommen worden. Der Walfang sei für Deutschland "nicht akzeptabel", sagte auch Agrarstaatssekretär Gert Lindemann bei einem Besuch in Neuseeland.

Japan schickt jährlich, trotz eines Moratoriums der Internationalen Walfangkommission (IWC), das seit 1986 in Kraft ist, eine Walfangflotte in den Südpazifik. Australien will die Gewässer nahe der Antarktis zur Schutzzone für alle Wale machen.

2008 soll die japanische Flotte 850 Minkwale und 50 Finnwale jagen - "ernten", wie es beim Fischerei-Ministerium in Tokio heißt. Die Beute soll "wissenschaftlichen Zwecken" dienen. In beschränktem Maße lässt das Moratorium Forschungsfang zu. Walfanggegner bestreiten indes die Seriosität dieser Forschung. Das Fleisch der Wale gelangt in Japan zum Konsum in den Verkauf.

Die für diese Saison erstmals seit mehr als 40 Jahren geplante Jagd auf Buckelwale hat Tokio nach einem Aufschrei der Weltöffentlichkeit im November vorerst zurückgestellt. Japan, im Juli Gastgeber des G-8-Gipfels, scheint derzeit besonders um sein Image bemüht.

Jedoch gilt der Einsatz der neuen australischen Regierung unter Kevin Rudd nicht nur dem Umweltschutz, sondern auch dem Kampf gegen den Walfang. Nach dem Besuch von Australiens Außenministers Stephen Smith vergangene Woche sah Premier Yasuo Fukuda sich sogar genötigt, zur Besonnenheit zu mahnen, der Walfang dürfe die diplomatischen Beziehungen nicht trüben.

Walfang-Alltag

Die am Donnerstag veröffentlichten Bilder tun genau dies. Eigentlich zeigen sie Walfang-Alltag; die harpunierten Tiere, die zum Zeitpunkt der Aufnahme tot sein dürften, werden ins Verarbeitungsschiff gehievt. Japans Walforschungs-Institut bezeichnete die Bilder in seiner ersten Stellungnahme als "emotionale Propaganda". Außerdem seien die beiden Minkwale nicht verwandt, also nicht Mutter und Kalb.

Trotz Moratorium sind jüngst jedes Jahr mehr Wale gefangen worden. Die 60 Jahre alte IWC droht auseinanderzubrechen. Gegründet zur Festlegung von Quoten, mithin zu einer fairen "Bewirtschaftung" der Walpopulation, ist sie für die Mehrheit der Teilnehmerstaaten zu einer Plattform geworden, auf der sie für das definitive Ende jeden Walfangs kämpfen.

Die Walfang betreibenden Nationen - vor allem Japan, Norwegen und Island - dagegen haben einst nur ins Moratorium eingewilligt, damit die Bestände sich erholen könnten; nicht, um den Walfang aufzugeben. In Japan herrscht die Meinung, der Westen - vor allem die USA - wolle das Land zur Kapitulation zwingen; doch Walfang gehöre zur japanischen Kultur. Wirtschaftlich ist der Nutzen marginal, die "wissenschaftliche" Jagd ist nur dank der Regierungszuschüssen und dem Fleischverkauf möglich.

Norwegen gab am Donnerstag für dieses Jahr 1052 Zwergwale zum Abschuss frei. Die Quote bleibt damit das dritte Jahr in Folge unverändert. 2006 war sie um 30 Prozent angehoben worden - auf den höchsten Wert seit Wiederaufnahme des kommerziellen Walfangs in Norwegen 1993. Wegen schlechten Wetters erfüllten die Jäger die Quote 2006 und 2007 aber nur etwa zur Hälfte.

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(SZ vom 8.2.2008/beu)