Außenansicht: Wölfe Angst vor der Rückkehr der Räuber

Wie kein anderes Tier schürt der Wolf Vorbehalte - wo er in Deutschland auftaucht, regen sich Ängste, weil wir ein gestörtes Verhältnis zur Natur haben.

Von Sabrina Janesch

Sie sind wieder da. Mehrere Wolfsrudel mit insgesamt mehr als sechzig Einzeltieren ziehen durch Gebiete, in denen ihre Artgenossen vor über 150 Jahren systematisch ausgerottet wurden. Die meisten der aus Polen zugewanderten Tiere leben in Sachsen und Brandenburg, einzelne wurden allerdings ebenfalls in Niedersachsen, Hessen und Schleswig-Holstein gesichtet.

Wie kein anderes Tier ist der Wolf Archetypus, schürt Ängste und Vorbehalte. Wie soll sich da ein Zusammenleben gestalten? Klar ist: Nach dem Bundesnaturschutzgesetz gehören Wölfe zu den streng geschützten Arten, und ihre Anwesenheit polarisiert die Gesellschaft.

Dennoch sieht die Nationale Strategie zur biologischen Vielfalt vor, bis 2020 auf zwei Prozent der Fläche Deutschlands Wildnis zu entwickeln - ein Eingeständnis an die Kreaturen um uns herum und Zeichen dafür, dass sich das Verständnis von Wildnis und Wildtieren verändert hat. Um den Tieren das Wandern zu erleichtern, sind bereits Grünkorridore geplant, die Deutschland mit Polen verbinden und die Wölfe vor dem Tod auf der Straße schützen sollen.

Die Natur und ihre Entfaltung werden zu Recht als Wert an sich betrachtet, ihre Erscheinungsformen als schützenswert und würdig. Das muss auch für den Wolf gelten. Er ist keine Tötungsmaschine, von ihm geht keine Gefahr für den Menschen aus - auch wenn Hunderte Märchen etwas anderes weismachen wollen.

Ein Blick nach Polen, wo es mehr als sechshundert Wölfe gibt, ist aufschlussreich: Seit dem Zweiten Weltkrieg gab es keine Angriffe auf den Menschen. Dennoch sind vor allem die Landbewohner Polens nicht gut auf den Wolf zu sprechen. Trifft ein Wolf auf nicht eingezäuntes Weidetier, verfällt er in einen Blutrausch und schlägt mehr, als er fressen kann. Es ist gewöhnungsbedürftig, dass er keineswegs ein Waldbewohner ist, gerne auch Industrielandschaften besiedelt und nachts um die Häuser streift. Aber es ist eben nicht mehr als das: gewöhnungsbedürftig.

Als in unserem Nachbarland 1998 der Wolf unter Naturschutz gestellt wurde, hielt der polnische Staat einen Topf mit Geldern bereit, aus dem Viehhalter entschädigt werden sollten, die Verluste durch Wölfe erlitten hatten. Bald schon war der Topf leer und blieb es auch. Seither treibt man immer wieder Wölfe über die slowakische Grenze, wo sie abgeschossen werden dürfen.

Der Moment ist günstig, um das Problem auf denkbar klügere Weise zu lösen. Sachsen, bis jetzt am stärksten betroffenes Bundesland, entschädigt nicht nur Bauern, deren Vieh geschlagen wurde; finanzielle Unterstützung erfährt darüber hinaus jeder, der Vorsorge betreiben möchte. Die Kosten für die Anschaffung von Elektrozäunen, Flatterband und Schutzhunden werden zu 60 Prozent übernommen. Gelingt es dennoch einem oder mehreren Wölfen, Vieh zu reißen, werden die betroffenen Eigentümer entschädigt. Mit diesen Maßnahmen wäre die Gefahr für Zuchtvieh aus der Welt geschafft. Abgesehen davon gibt es genug Rehe in unseren Wäldern, um Dutzende Rudel zu versorgen. Alles also kein Problem - wenn die Sachlage nicht komplexer wäre.

Die Deutschen lieben ihren Wald. Im Vergleich zu anderen europäischen Ländern gibt es hierzulande auch beachtlich viel davon, und beachtlich ist auch die Beziehung, die man mit ihm zu haben meint. Wo, wenn nicht im Wald, lässt sich ein so profundes, romantisches Gefühl der Erhabenheit und Urtümlichkeit verspüren, ein Eindruck von geheimer Verbundenheit und Intimität mit den Kräften der Natur?

Dieses Gefühl, so schön es sein mag, ist menschengemacht. Dass die Natur nicht erhaben, sondern beizeiten roh und auch widerborstig ist, das wurde, zusammen mit der Wildnis, Schritt für Schritt verdrängt. Der Wald wurde Verwaltungsangelegenheit und wichtiger wirtschaftlicher Faktor. Dagegen, wie gegen die Existenz des Jagdwesens, ist nichts einzuwenden. Ganz im Gegenteil. Große Teile Deutschlands sind im Laufe der Jahrhunderte zu Kulturlandschaften geworden, deren vereinzelte Wälder sich nicht alleine als Biotope behaupten konnten: Es brauchte menschliche Hilfe, um Schalenwild zu dezimieren. Nun aber, mit der Rückkehr der Raubtiere, wird es problematisch, wenn sich Jäger als Selbstzweck begreifen und den Wolf - wie andere Raubtiere, etwa den Luchs - als Konkurrenz betrachten.

In Sachsen kündigte Landesumweltminister Frank Kupfer unlängst an, den Wolf ins Landesjagdrecht übernehmen zu wollen. Als Argumente führte er an, Jäger als gleichberechtigte Partner in den Naturschutz einzubeziehen, von ihrem Fachwissen zu profitieren und bei ihnen die Akzeptanz für den Wolf zu erhöhen. In einem Punkt hat Kupfer recht: Nichts brauchen wir dringender als Fachleute, die sich mit dem Wald und seinen Erscheinungen auskennen. Diese müssen allerdings erst ausgebildet werden, auch Jäger sind per se keine Wolfskenner.

Erst eine intensive Schulung kann vor unqualifizierten Abschüssen schützen. Auch nach der Aufnahme in das Jagdrecht bliebe der Abschuss von Wölfen streng verboten; allerdings müssten die Jäger dann ihrer Aufgabe zur Hege nachkommen, und das könnte auch heißen, dem Wolf einfach mehr Schalenwild zu überlassen.

Es bleibt zu hoffen, dass sich die Jäger stark genug in die Pflicht genommen fühlen: Wo allerdings der Luchs schon als Konkurrenz galt, bleibt es fraglich, wie man dem Wolf gegenübertreten wird.

Mit mehreren Rudeln auf deutschem Gebiet muss es Ziel sein, eine stabile Population aufzubauen. Denn auch wenn Wölfe für den Menschen nicht gefährlich sind, so sind Mischlinge aus Hunden und Wölfen zumindest unwägbar. Wölfe verfügen über eine gesunde Angst vor dem Menschen, Hunde nicht. Nun wird kein Wolf sich mit einem Hund paaren, wenn es um ihn herum andere Wölfe gibt. Die Angst, bald vor einer Wolfsplage zu stehen, ist dennoch unbegründet: Die Jungtiere suchen sich nach zwei Jahren ein eigenes Territorium, die Wolfsdichte in einem Gebiet ist daher immer gleichbleibend.

Dem Menschen braucht es vor Isegrim nicht zu grauen. Bei seinen sonntäglichen Spaziergängen im Wald sind aufgescheuchte Wildschweine die größere Gefahr. Und der Straßenverkehr bei der Fahrt ins Grüne sowieso.

Sabrina Janesch arbeitet als Schriftstellerin und Publizistin. Sie war 2009 Stadtschreiberin von Danzig.