Ausbeutung der Arktis Zeit der Eisbrecher

Schiffsrouten in der Arktis

(Foto: SZ-Karte: Eiden, Quellen: IBRU, Durham University, NSIDC)

Immer mehr Staaten drängen in den Arktischen Rat, um mitreden zu können bei der Ausbeutung der Nordpolregion. Umweltverbände prangern den Einfluss der Ölindustrie an und fordern Schutzzonen - aber sie haben es schwer, Gehör zu finden.

Von Thomas Kirchner

Es war eine bescheidene, international kaum wahrgenommene Zeremonie - und doch, in den Worten des norwegischen Außenministers Espen Barth Eide, ein "sehr wichtiger Tag in der Geschichte der Arktis": Mitte Januar vereinbarten die Mitglieder des Arktischen Rates im nordnorwegischen Tromsø, dem Gremium ebendort ein permanentes Sekretariat zu errichten, mit Büros, festen Mitarbeitern und einem Vollzeit-Direktor. Zuvor war das wichtigste Forum für den hohen Norden in einem Provisorium beim Norwegischen Polarinstitut untergebracht.

Das neue Domizil ist Sinnbild für die zunehmende Bedeutung des Arktischen Rates. Ein weiterer Beweis dafür ist die Reihe von Ländern und Organisationen, die um einen Beobachter-Status bitten, unter ihnen China, die EU, Indien, Singapur, Japan, Italien und Greenpeace. Sie alle wollen am Tisch sitzen, wenn über die Zukunft einer Region entschieden wird, die wegen des Klimawandels ins Zentrum der weltweiten Aufmerksamkeit gerückt ist.

Die Eisschmelze eröffnet Schifffahrt und Tourismus neue Wege, und sie erleichtert den Abbau der Rohstoffe, die im Norden lagern - nach Schätzungen ein Fünftel aller ungenutzten Öl- und Gasreserven. Als Beobachter hätten die Neuen kein Stimmrecht, könnten ihre Ansichten aber in die Diskussionen einbringen, was auf Dauer nicht ohne Wirkung bliebe.

Die Anträge der 14 Bewerber liegen an diesem Mittwoch beim Ministertreffen des Arktischen Rates im nordschwedischen Kiruna vor. Diese Treffen, die alle zwei Jahre stattfinden - jeweils im Land, das gerade die Präsidentschaft innehat -, sind wichtiger geworden; längst entsenden alle ihre Top-Diplomaten, auch der Amerikaner John Kerry und der Russe Sergej Lawrow fliegen für ein paar Stunden nach Lappland.

Zu den acht festen Mitgliedern des Rates zählen neben den direkten Anrainern Russland, Kanada, Norwegen, USA und Dänemark (über Grönland) auch Schweden, Finnland und Island; sechs Dachorganisationen nehmen als "ständige Teilnehmer" die Interessen der indigenen Bevölkerung wahr.

Deutschland, Großbritannien und andere wurden in der Frühzeit des 1996 gegründeten Rates problemlos als Beobachter akzeptiert. Die jetzige Entscheidung ist heikler und wurde mehrmals verschoben - China stellte den Antrag 2006, die EU 2008. Es geht um Grundsätzliches: Die Arktis-Staaten würden am liebsten unter sich bleiben, schließlich liegt ein großer Teil der Region in ihrem Hoheitsgebiet. Warum sollten sie jemanden aufnehmen, der weit entfernt wohnt vom hohen Norden?

Getrieben vom Rohstoffhunger

Die Bewerber mögen keine natürlichen Rechte in der Arktis haben, ihr Interesse aber ist offenkundig. Das rohstoffhungrige China giert nach den seltenen Erden, die unter dem schmelzenden Eis hervortreten, und es würde Milliarden sparen, wenn seine Schiffe nicht mehr durch den Suez-Kanal nach Europa fahren müssten, sondern über die immer länger eisfreie, 6000 Kilometer kürzere Nordost-Passage.

Im Jahr 2010 wählten vier Schiffe diese Route, im vergangenen Jahr waren es schon 46, unter ihnen das erste chinesische: der Eisbrecher Schneedrache. Eine ähnliche Rechnung macht Singapur auf, das seine Stellung als asiatischer Großhafen in Gefahr sieht. Die EU wiederum ist wichtiger Akteur in der arktischen Fischerei und engagiert sich stark in der Polarforschung; zudem ist sie für 40 Prozent der Schadstoffemissionen in der Arktis verantwortlich.

Die Ratsmitglieder sind uneins, wie sie verfahren sollen. Kanada hätte China gern an Bord, stößt sich aber am Importverbot der EU für Seehunderzeugnisse. Norwegen ärgert sich, dass China seinen Nobelpreisträgern Grundrechte verweigert. Inuit, Samen oder Athabasken, die unter dem Klimawandel besonders leiden, befürchten, dass ihre Anliegen in einem größeren Rat weniger zur Geltung kommen. Russland will eigentlich niemanden mehr hineinlassen. Doch ignorieren lassen sich die Bewerber auch nicht. Vielleicht sollte man sie doch eingliedern, sagt der norwegische Außenminister. "So ist die Gefahr kleiner, dass sie ihren eigenen Club bilden."

Über die meisten Bodenschätze können die Arktis-Staaten ohnehin selbst verfügen, weil sie küstennah oder in der 200-Meilen-Zone liegen, in der sie über das exklusive Ausbeutungsrecht verfügen.

Noch gibt es in der Arktis keine kommerzielle Ölförderung. Aber viele Länder haben Bohr- und Erkundungslizenzen erteilt. In Russland stehen die staatlichen Konzerne Gazprom und Rosneft vor ersten Probebohrungen. In Kanada haben unter anderem BP und Exxon Oil ihre Ansprüche gesichert und führen erste seismische Tests durch.

Allerdings: Dunkelheit und Kälte wird auch der Klimawandel nicht beseitigen, die Bedingungen bleiben schwierig. Ob sich ein Abbau lohnt, hängt stark von den Rohstoffpreisen ab. So zögert Gazprom etwa seit Jahren die Ausbeutung des in der Barentssee gelegenen Stockmann-Felds hinaus, obwohl es zu den größten Gasvorkommen der Welt zählt.

Wichtig ist der Arktische Rat nicht nur als Forum, in dem Interessen ausgeglichen werden, sondern auch wegen des Fachwissens, das Experten in dessen Arbeitsgruppen einbringen. Mehrere von ihnen werden in Kiruna Berichte präsentieren, zur Artenvielfalt etwa, zu den Folgen des Klimawandels oder der Versauerung der Meere. An dieser Expertise können sich die Regierungen orientieren. Daneben bringt der Rat auch rechtlich verbindliche Vereinbarungen auf den Weg. Die erste war 2011 ein Dokument über Such- und Rettungseinsätze. Das betrifft Ölarbeiter und die Tausenden Touristen, die in Kreuzfahrtschiffen zwischen Grönland und Spitzbergen das Abenteuer suchen.

Am Mittwoch liegt den Ministern ein zweites Abkommen vor, zur grenzüberschreitenden Kooperation bei Öl-Unfällen. Die Länder wollen darin vereinbaren, einander bei einem Unglück zu informieren und sich auf Wunsch gegenseitig zu helfen. Greenpeace hat einen Entwurf zugespielt bekommen und zeigt sich "schockiert". Die "vagen Aussagen" des Vertrags wären im Falle einer größeren Katastrophe "vollkommen unzureichend", so die Umweltschützer. Weder die nötige Ausrüstung werde angesprochen noch die Methoden, um Bohrlöcher abzudichten, und der Umgang mit verölten Flächen.

Die Vertragsparteien werden lediglich aufgefordert, über ein "schnelles und effektives nationales System zur Reaktion auf Ölunfälle" sowie "nationale Notfallpläne" zu verfügen. Das aber sei Wunschdenken, meinen auch unabhängige Beobachter. Die Lücken im Vertrag könnten nach Ansicht von Greenpeace damit zusammenhängen, dass die Ölindustrie an der Ausarbeitung beteiligt gewesen sei.

Die Umwelt-Organisation, die vor zwei Jahren die Kampagne "Rettet die Arktis" startete, agiert bissiger als der World Wide Fund for Nature, der Mitglied im Arktischen Rat ist und eine "nachhaltige Entwicklung" in der Region will. Greenpeace dagegen fordert eine Schutzzone für Teile der Arktis, in der jegliche Ausbeutung von Rohstoffen verboten werden solle - eine Art "Weltpark" wie in der Antarktis.