Von Paul Kennedy

Früher verstand der Westen eine starke Marine als Schlüssel zu globalem Einfluss. Inzwischen legt Europa nicht mehr so viel Wert auf seine Seestreitkräfte - ganz im Gegensatz zu den asiatischen Ländern.

Für Welthistoriker ist es immer faszinierend, wenn sie auf Entwicklungen stoßen, die sich fast gleichzeitig, aber in völlig verschiedenen Regionen abspielen und dabei ähnlich oder konträr verlaufen.

Die US-Schlachtschiffe USS Maryland und USS Oklahoma im Hafen von Pearl Harbor nach dem japanischen Angriff 1941 (© Foto: dpa)

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War es etwa bloßer Zufall, dass nach 1870 die rasch wachsenden neuen Staaten Deutschland, Japan, Italien und die USA ungefähr alle zur selben Zeit "erwachsen" wurden?

Und war es nicht ein seltsames Auseinanderklaffen der politischen Kulturen, als sich Großbritannien, Frankreich und Amerika in den Jahren zwischen den Weltkriegen als besonders pazifistisch erwiesen, während die Stimmung in Deutschland, Italien und Japan äußerst aggressiv und militaristisch war, wodurch der Zweite Weltkrieg praktisch unvermeidlich wurde?

Gehen wir nun einmal in der Zeit zurück und betrachten wir eine der frappantesten gegensätzlichen Entwicklungen in der Weltgeschichte. In den ersten Dekaden des 15. Jahrhunderts führte der große chinesische Admiral Cheng Ho eine Reihe verblüffender maritimer Expeditionen an, hinaus durch die Straße von Malakka, zum Indischen Ozean und sogar bis vor die Küsten Ostafrikas.

Gegensätzliche Entwicklungen

Die Marine Chinas kannte damals nicht ihresgleichen. In einem späteren Jahrzehnt wurde den überseeischen Abenteuern chinesischer Schiffe von hohen Regierungsbeamten in Peking jedoch ein Riegel vorgeschoben.

Sie wollten der Verteidigung gegen die landwärts gerichtete Bedrohung durch die Mandschu im Norden Chinas keine Ressourcen entziehen und fürchteten außerdem, eine seewärts orientierte Gesellschaft offener Märkte könnte ihre Autorität untergraben.

Zur selben Zeit drängten auf der anderen Seite des Globus Forscher und Fischer aus Portugal, Galizien, Britannien und Südwestengland hinaus aufs weite Meer, nach Neufundland, zu den Azoren und zur Westküste Afrikas.

Während Chinas große Flotten auf kaiserliche Order hin zerlegt und verschrottet wurden, begann Westeuropa, in "neue" Welten vorzustoßen, wo sie auf dem amerikanischen Kontinent, in Afrika, Asien und im Pazifik alte und bemerkenswerte Kulturen und Völker entdeckten. Für jeden Ort der Welt, der für westliche Schiffe zugänglich war, bestand die Gefahr, angegriffen zu werden.

Vor allem verstand der Westen eine starke Marine als Schlüssel zu globalem Einfluss, wie der amerikanische Navy-Captain A. T. Mahan vor mehr als einem Jahrhundert in seinem Klassiker "Der Einfluss der Seemacht auf die Geschichte" dargelegt hat.

Spiel mit den Marine-Muskeln

Und wie sieht es heute aus? Wieder einmal verläuft eine bemerkenswerte Entwicklung auf den zwei Hälften des Erdballs gegensätzlich, was bisher kaum beachtet wird: Wie schon vor sechs Jahrhunderten sind auch diesmal bei den europäischen und den asiatischen Nationen völlig konträre Auffassungen davon zu beobachten, welche politische Bedeutung die Stärke ihrer Seemacht hat.

Dabei gilt mein Augenmerk weniger der amerikanischen Haltung bezüglich einer eigenen starken Seemacht, insbesondere nicht der Haltung der aktuellen Regierung im Weißen Haus. Dieses Land plant ohnehin, seine Marine-Muskeln stets weiter aufzubauen.

Auch von Wladimir Putins Russland ist hier nicht die Rede. Die russischen Seestreitkräfte haben so manchen harten Schlag erlitten; Kürzungen von Ausgaben und Personal machten ihnen ebenso zu schaffen wie rostende Kriegsschiffe, die während der vergangenen 25 Jahre dem Zahn der Zeit zum Opfer fielen.

Doch zweifelsohne ist Russland dabei, seine Marine wieder aufzubauen. Zwar kommt sie wahrscheinlich nicht mehr an die relative Stärke ihrer glorreichen Sowjetzeiten während der siebziger und achtziger Jahre heran. Doch Russland ist fest davon überzeugt, dass es nur mittels einer starken Seemacht als Global Player mithalten kann.

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