Hirndoping und künstliche Gliedmaßen Wirkung und Nebenwirkung

Doch wie weit ist die Wissenschaft überhaupt? Die Wirkung der Arzneimittel als Dopingmittel ist hoch umstritten. So hat eine kleine Studie des US-Militärs zwar gezeigt, dass Hubschrauberpiloten nach 40 Stunden ohne Schlaf durch Modafinil und Ritalin fitter und entscheidungsfähiger waren als mit einem Scheinmedikament. Die Studienlage zu diesen und anderen "Hirndoping"-Mitteln ist jedoch nicht eindeutig. Helge Torgersen vom Wiener Institut für Technikfolgenabschätzung ist deshalb jüngst zu dem Fazit gekommen: Keines der derzeit verwendeten Mittel ist ein sicherer und verlässlicher Neuro-Enhancer.

Genauso sieht es eine Reihe von Fachleuten, die die DAK für den Gesundheitsbericht 2015 befragt hat. Und auch Stephan Schleim stellt fest: "Der praktische Nutzen dieser Substanzen ist fraglich, vom subjektiven Aufputsch- und Motivationsaspekt abgesehen".

Die positive Wirkung von Arzneimitteln wie Modafinil oder Ritalin auf Gesunde ist fraglich, und es ist mit Nebenwirkungen zu rechnen

(Foto: duncan p walker; iStockphoto/duncan p walker)

Dafür müssen die Konsumenten mit teils heftigen Nebenwirkungen rechnen: Schlaflosigkeit, Kopfschmerzen, Schwindelanfälle, Verdauungs- und Leberstörungen, Krampfanfälle, bei Antidepressiva wird sogar vor suizidalen Gedanken gewarnt. Zu denken gibt auch der Fall von zwei US-Piloten, die unter dem Einfluss von Amphetaminen ("Go-Pillen" mit Dexedrin gegen Müdigkeit) 2004 in Afghanistan kanadische Soldaten bombardiert und vier von ihnen getötet haben.

Es gibt also gute Gründe, dass Psychopharmaka nur zur Behandlung bestimmter Krankheiten eingesetzt werden sollten. Und angebliche Neuro-Enhancer wie etwa Nootrobox, truBrain, Nootrobrain oder Nootroo, sogenannte Nootropika, die als "Nahrungsergänzungsmittel" angeboten werden, haben ihre Wirkung noch nicht unter Beweis gestellt.

Ein kommerzielles Interesse an "Smart Pills" ist sicher da. Selbst die EU-Kommission hält das Thema Neuro-Enhancement für so relevant, dass sie das Projekt "Neuro-Enhancement: Responsible Research and Innovation" (Nerri) finanziert. Forscher von 18 Universitäten und Institutionen aus elf Ländern beschäftigen sich in dessen Rahmen mit den Folgen und Möglichkeiten der Technologie. Die Pharmaindustrie allerdings hält sich derzeit etwas zurück mit der Forschung an neuen Mitteln, die wie Ritalin, Modafinil oder Antidepressiva auf die Hirnchemie zielen. "Große Unternehmen haben seit 2010 ihre psychopharmakologischen Labors geschlossen", sagt Stephan Schleim. "Der erwartete Nutzen ist zu gering, die Entwicklungs- und Zulassungskosten zu hoch."

Rolf Hömke vom Verband Forschender Arzneimittelhersteller (vfa) bestätigt, dass die Zahl von Antidepressiva oder Neuroleptika in der klinischen Erprobung abgenommen hat - auch wenn immer noch geforscht werde. Viele Unternehmen setzten auf neue Wirkprinzipien oder auf die Umwidmung von Wirkstoff-Klassen. In Richtung Neuro-Enhancer geht diese Forschung aber nicht. Denn: Ein möglicher Nutzen für Gesunde, so Hömke, lasse sich nicht absehen - und würde auch nicht untersucht.

Und der Versuch, existierende, aber verschreibungspflichtige Medikamente als "off-label"-Produkte für einen Einsatz zu vermarkten, für den sie nicht zugelassen sind, kann die Unternehmen teuer zu stehen kommen. Das hatte etwa das US-Unternehmen Cephalon mit Modafinil (Provigil) getan - und musste deshalb 2008 eine Strafe von 425 Millionen Dollar zahlen.

Mittel gegen die Demenz als Gedächtnispillen?

Intensiv geforscht wird allerdings an Medikamenten, die gegen Demenzen wie Alzheimer helfen sollen. Hoffen die Unternehmen, dass wenigstens dabei Gedächtnispillen - sogenannte Memory Booster - herauskommen könnten, die sich an Gesunde verkaufen ließen? Wiebke Rögener weist darauf hin, dass es für solche Pillen "einen Riesenmarkt" gebe. Das belegt etwa das Alzheimer-Mittel Donepezil, das nur einen geringen Nutzen hat, sehr teuer ist, und trotzdem verschrieben wird. Das Medikament gehört ebenfalls zu den Neuro-Enhancern, die manche Gesunde verwenden.

Rolf Hömke hat allerdings von einer entsprechenden Hoffnung bei den Pharmaunternehmen noch nichts gehört und hält es auch für unwahrscheinlich, dass sie berechtigt wäre. Denn "Alzheimermedikamente versuchen in Krankheitsprozesse einzugreifen, die im gesunden Hirn gar nicht auftreten."

Es gibt außerdem andere Möglichkeiten, das Hirn anzuregen, für die sich einige Unternehmen, vor allem aber das Militär interessieren, sagt Rögener: Methoden wie die "transkranielle Stimulation".