Atomunfälle Die Krebsrate stieg um 2,5 Prozent

Zunächst gefährdete vor allem äußere Strahlung durch Cer-144 und Praseodym-144 die Menschen. Doch bald stand die Belastung durch Strontium-90 im Vordergrund. Es gelangte über Äcker und Weiden in die Nahrungskette und so in die Knochen der Anwohner, weil der Körper es mit Kalzium verwechselt. Tausende Tonnen Lebensmittel - Getreide, Kartoffeln, Fleisch, Milch - wurden aus dem Verkehr gezogen und vernichtet. Das half wohl, die Belastung der Menschen zu reduzieren.

Bis heute aber verfolgen Forscher das Schicksal von gut 21 000 Bewohnern, die damals mehr abbekamen. Von ihnen waren bis 2006 mindestens 1100 an Krebs gestorben. Wissenschaftler um Alexander Akleyev vom Ural-Forschungszentrum für Strahlenmedizin in Tscheljabinsk haben für das Journal of Radiological Protection die Strahlendosis all dieser Personen rekonstruiert. Sie kommen zum Ergebnis, dass statistisch betrachtet 26 der tödlichen Tumore durch den Unfall von Majak ausgelöst wurden. Die Krebsrate ist um 2,5 Prozent gestiegen.

Das dingfest gemacht zu haben, ist eine Leistung: Oft tun sich Forscher schwer damit, die Folgen nachzuweisen, wenn die Strahlendosen so relativ klein sind. Sie lagen im Mittel der Betroffenen insgesamt bei ungefähr 100 Millisievert, das meiste davon wurde in den beiden Jahren nach dem Unfall absorbiert. Zum Vergleich: In Deutschland nehmen die Menschen pro Jahr durchschnittlich zwei Millisievert durch natürliche Ursachen und weitere zwei durch medizinische Untersuchungen auf.

Im Süd-Ural, auch in den meisten der verstrahlten Gebiete, sind die Werte ähnlich. "Im größten Teil der betroffenen Region bei Majak war die Belastung zum Glück nicht so groß", bestätigt Albrecht Wieser vom Helmholtz-Zentrum München, der ebenfalls über Majak geforscht hat. "Die Zahlen, die Akleyev nennt, die kennen wir auch."

In den Dörfern stieg die Leukämierate

Für "Hunderte Todesfälle", die oft als Folge der Explosion von 1957 genannt werden, gibt es demnach keine Belege. Allerdings fließen in vielen Berichten mehrere Ereignisse zusammen: In Majak hat es weitere Unfälle gegeben, die Arbeiter der Fabrik hatten anfangs kaum Schutzkleidung, und flüssige, radioaktive Abfälle wurden außerdem in den Fluss Tetscha gekippt, aus dem wenige Kilometer entfernt Menschen ihr Trinkwasser holten. In ihren Dörfern haben andere Forscher inzwischen eine überhöhte Leukämierate sowie Dutzende Fälle chronischer Strahlenkrankheit dokumentiert.

In England hingegen sind die Gesundheitsfolgen des Unfalls von 1957 schlechter nachzuweisen. Ursprünglich hatten Nuklearaufsicht und andere Experten geschätzt, es könne insgesamt etwa 100 zusätzliche Krebsfälle geben. "Es ist sehr unwahrscheinlich, dass sich ein solcher Effekt vor dem Hintergrund der natürlichen Schwankungen festmachen lässt", so Strahlenschützer Richard Wakeford. Zumal auch Sellafield für weitere Unfälle und Freisetzungen berüchtigt ist.

Detaillierte Studien greifen jedenfalls ins Leere: So gibt es zwar in der Gegend im Nordwesten Englands eine erhöhte Zahl von Schilddrüsentumoren, aber das zeitliche und räumliche Muster passt nicht zum Ereignis von 1957. Womöglich hat die Beschlagnahmung der Milch damals Schlimmeres verhindert.

Aufräumen in der Hölle von Tschernobyl

30 Jahre nach der Katastrophe schlummern in Reaktor 4 noch immer enorme Mengen radioaktiven Materials - und 3000 Arbeiter kommen täglich auf das Gelände. Von Patrick Illinger mehr...