Atomkatastrophe in Japan Wenig Wasser in Fukushima-1-Reaktor

Mehr Lecks als befürchtet und tödliche Strahlenwerte im Sicherheitsbehälter: Die Probleme im Katastrophen-AKW Fukushima-Daiichi nehmen nicht ab. Der havarierte Reaktorblock 2 ist nur zu 60 Zentimetern mit Kühlwasser gefüllt.

Von Christopher Schrader

Der Stand von Kühlwasser im Block 2 des Kernkraftwerks Fukushima-1 ist offenbar viel niedriger, als Betreiber und Aufsichtsbehörden erwartet hatten. Nur 60 Zentimeter Wasserstand konnten Mitarbeiter der Energiekonzerns Tepco am Dienstag mittels eines Endoskops im Sicherheitsbehälter ermitteln.

Gesicherte Annahmen, wie viel Wasser in dem sogenannten Primären Containment, der zweiten Sicherheitsvorrichtung nach dem Reaktordruckbehälter, hätte stehen sollen, gab es zuvor nicht. Die Nachrichtenagentur AP verbreitet ohne Quellenangabe, der Wasserstand sei auf zehn Meter geschätzt worden, als die Regierung Japans im Dezember 2011 erklärte, alle Reaktoren in Fukushima-1 hätten einen sicheren Zustand - den sogenannten cold shutdown - erreicht.

Dieser setzt - unabhängig vom tatsächlichen Wasserstand - voraus, dass die Temperatur des Kühlwassers dauerhaft deutlich unter 100 Grad Celsius gehalten werden kann und es nicht verdampft.

Das ist im Block 2 trotz des niedrigen Wasserstandes offenbar der Fall: Die Messung mit dem Endoskop ergab Werte von 48,5 bis 50 Grad.

Die Lecks in dem Reaktor sind aber offenbar größer als angenommen. Ein großer Anteil des hineingepumpten Kühlwassers sickere offenbar aus dem Sicherheitsbehälter heraus, sagte ein Tepco-Sprecher, womöglich durch einen darunterliegenden beschädigten Wasserspeicher. Aber um die Lecks zu finden, bräuchte die Firma eine "breitere Inspektion".

Außerdem herrscht in dem Sicherheitsbehälter eine lebensfeindliche Strahlung. Die Messung ergab Werte zwischen 30 und 73 Sievert pro Stunde; bereits zehn Sievert gelten als tödliche Dosis, die einen Menschen binnen weniger Tage oder Wochen an einer Strahlenkrankheit sterben lassen.

Bisher hatte der höchste gemessene Wert in der Anlage zehn Sievert pro Stunde betragen. Gemessen worden war diese Dosis an der Basis eines Schornsteins, wo sich durch Verwirbelung der Luft offenbar viele radioaktive Partikel abgelagert hatten.

Im Sicherheitsbehälter des Blocks 2 hingegen befindet sich irgendwo der geschmolzene Kern. Der Reaktor sieht von außen nahezu unversehrt aus, aber der Eindruck täuscht. Dort hatte sich in den Tagen nach dem Erdbeben und dem Tsunami am 11. März 2011 tief im Inneren des Gebäudes eine Explosion ereignet. Der Sicherheitsbehälter ist dabei teilweise zerstört worden.

90 Prozent der Radioaktivität, die aus der gesamten Anlage in die Umwelt gelangte, stammt aus diesem Block 2, erklärte am Mittwoch in Berlin Gerald Kirchner vom Bundesamt für Strahlenschutz auf der Jahrestagung der Deutschen Physikalischen Gesellschaft.