Atombombentests An den verstrahltesten Orten graben die Inselbewohner nach Kupfer

Doch die Inseln von Eniwetok lassen sich schwer abschotten. Die Einwohner des Atolls suchen auf den kontaminierten Inseln nach Nahrung - so wie sie es in der Vergangenheit getan haben. Ein sich selbst versorgendes System: Auf manchen Inseln fangen sie Krabben, auf anderen sammeln sie Eier, ernten Früchte oder fangen Vögel. Mit nur drei gereinigten Inseln funktioniert dieses System nicht mehr. Auf der einzigen Straße der Hauptinsel laufen ein paar Schweine herum. Sie müssten eigentlich eingepfercht werden, denn sie fressen die jungen Triebe der wenigen kostbaren Nutzpflanzen ab. So richtig scheint es aber niemanden zu kümmern. Es würde wohl richtig knapp werden, käme nicht drei Mal im Jahr ein Schiff, das Waren liefert: Dosenfleisch, Mehl, Reis, Konserven.

Die Dosennahrung hat dazu geführt, dass die Hälfte der Bevölkerung Diabetes hat - und gleichzeitig hungert, denn das Versorgungsschiff kommt fast immer zu spät. Dann gibt es über Wochen hinweg Mehl mit Kokosnuss. Zwar gibt es auch eine Flugzeug-Landebahn, sie nimmt fast ein Drittel der Insel ein. Doch mittlerweile setzt nur noch etwa alle zwei Jahre eine kleine Chartermaschine dort auf.

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Ansonsten lebt die wachsende Bevölkerung auf dem Atoll von einem schrumpfenden Treuhandfonds, der mit dem Assoziierungsabkommen aufgelegt worden war. Pro Quartal und Kopf erhalten die Einwohner Eniwetoks 100 Dollar Entschädigung. Es ist ein dürftiger Betrag, wenn man die wahren Kosten der Atombombenversuche berechnet. Das "Nuclear Claims Tribunal", eine Organisation der Marshall-Inseln, hat die Kosten durch den Landverlust auf 244 Millionen Dollar geschätzt.

Sie fahren mit dem Boot auf die verseuchte Insel und graben nach Kupfer

Die Menschen auf dem Atoll haben kaum Möglichkeiten, selbst Geld zu verdienen. Obwohl das US-Energieministerium und das LLNL den Konsum von Kokosnüssen und lokalem Fisch für unbedenklich halten, darf beides nicht exportiert werden. Den Einwohnern bleibt der Ackerbau auf dem felsigen Korallenboden, der nach dem Abtragen der fruchtbaren, aber verstrahlten Erde übrig geblieben ist. Heute sind die Dri-Eniwetok hoch verschuldet.

"Eniwetok hat kein Geld. Was sollen wir tun, um Geld zu verdienen?", fragt Rosemary Amitok, die mit ihrem Mann Hemy in einem der vielen gegen Taifune gesicherten Häuser aus nacktem Beton lebt. Die Amitoks sind deshalb ins Altmetallgeschäft eingestiegen, so wie viele Inselbewohner. Seit zwei Jahren fahren sie mit dem Boot rüber nach Runit und graben in den alten Militäranlagen nach Kupfer. Während Rosemary im Zelt kocht, gräbt Hemy im Boden nach Metallteilen und anderen Überresten der amerikanischen Militäranlagen.

Seit er weniger Kupfer an Land findet, taucht er vor der Insel nach weiterem Restmetall. Zurück in Eniwetok verkaufen sie das gefundene Kupfer an einen chinesischen Händler, der den einzigen Laden dort betreibt. In einem vom Inselrat gemieteten Stauraum lagert er Kupfer, Seegurken und Muscheln, die er dann nach Majuro schifft und von dort nach Fujin in China. Das Paar verdient ein bis zwei Dollar für ein halbes Kilo Kupfer. Davon kaufen sie Lebensmittel, finanzieren das Studium der Kinder in Majuro und bezahlen das Benzin für ihr Boot.

"Diese Männer graben an den verstrahltesten Orten und atmen dabei hunderttausendmal höhere Dosen von radioaktiven Partikeln ein als jene Männer, die in der Lagune tauchen", sagt Ken Buesseler, Chemiker an der Woods Hole Oceanographic Institution, der zu Beginn des Jahres auf Runit war, um Grundwasserproben zu sammeln. Menschen, die nach Kupfer und Metallabrieb tauchen, sind weniger gefährdet, da die Isotope im Wasser stärker verdünnt sind. Genaueres wird das Team von Buesseler erst sagen können, wenn es Wasserproben auf Plutonium wird analysieren können. Bislang fehlt es noch an Forschungsgeldern, die Analysen sind teuer.

Immerhin überwachen zwei einheimische Angestellte in einem halb verlassenen Labor auf Eniwetok die Plutoniumwerte der Personen, die Kupfer auf den verseuchten Inseln suchen. Kaputt hingegen ist das Messgerät, das eigentlich den Cäsium-137-Gehalt in den Körpern der Inselbewohner überwachen sollte. Die lokale Bevölkerung versteht das alles nicht so recht. Viele Einwohner beschweren sich, dass sie zwar Urinproben abgeben, aber die Ergebnisse nicht erklärt bekommen.

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Tony de Brum, der Außenminister der Marshall-Inseln, sitzt auf seiner Terrasse mit Blick auf die Lagune von Majuro und ärgert sich: Warum es die USA noch nicht einmal geschafft hätten, sich bei den Inselbewohnern für die Atombombenversuche zu entschuldigen? Er versteht es nicht.

Das Bikini-Atoll, mittlerweile Unesco-Weltkulturerbe, ist im kollektiven Gedächtnis der Menschheit verankert. Eniwetok hingegen gerät immer weiter in Vergessenheit - obwohl dort mehr Bomben detonierten. Dabei findet sich auf dem Atoll immer noch ein kleines Paradies. "Wenn Sie nach Eniwetok fahren, gehen Sie auch nach Enjebi, einer der schönsten Inseln der Marshalls", sagt de Brum: intakte Vegetation, Bäume voller Früchte. Doch wer dort leben wollte, müsste in kniehohen Stiefeln umherlaufen, sein Haus auf Stelzen errichten und dürfte nur eine Kokosnuss pro Tag essen. Wegen dieser Sache, die man weder riechen noch sehen kann.

Der Text entstand im Rahmen einer großen Recherche der Süddeutschen Zeitung und des Ground Truth Projekts. Im Herbst erscheint eine große Reportage-Reihe.

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