Atombombentests Ihren Atommüll kippten die Amerikaner einfach in die Lagune

Die Marshall-Inseln schlossen 1986 ein Assoziierungsabkommen mit den USA, das ihnen gleichzeitig die Unabhängigkeit gewährte. Das Abkommen sichert der Inselnation zwar Entschädigungszahlungen für die Atomtests zu, schob aber die rechtliche Verantwortung für den Runit Dome der Regierung der Marshall-Inseln zu.

Zugleich versuchte man, das verseuchte Atoll zumindest teilweise wieder zu sanieren. Die Reinigung kostete 218 Millionen. Doch von den 40 Inseln des Atolls sind heute nur drei so sauber, dass Menschen auf ihnen leben können. Selbst die wichtige nördlich gelegene Insel Enjebi wurde aufgegeben, vor Beginn der Atombombentests hatte dort die Hälfte der Bevölkerung des Atolls gelebt. Stattdessen wurden die drei südlichen Inseln Eniwetok, Medren und Japtan die ersten von den Tests beeinträchtigten Inseln, die wieder dauerhaft von Menschen in Besitz genommen wurden. Allerdings müssen sich die beiden Stämme des Atolls, die Dri-Enjebi und die Dri-Eniwetok, diese Inseln seitdem teilen.

Sogar ein Schiffswrack aus deutschen Kolonialzeiten liegt auf dem Grund der Lagune

Auf Runit, wo 14 der 43 Bomben explodierten, trugen Vertragsarbeiter und von der US-Army eingezogene Männer den verseuchten Boden ab. Am liebsten hätten die Amerikaner den Aushub einfach in den Ozean gekippt. Das wäre am billigsten und am einfachsten gewesen, war aber verboten. Für einen Transport des Materials in die USA wiederum fehlte der politische Wille. Schließlich mischten die Arbeiter den radioaktiven Schotter einfach mit Zement und schütteten ihn in den 107 Meter breiten Krater, der 1958 durch den Abwurf einer 18-Kilotonnen-Bombe im Rahmen der Operation "Cactus" auf der Insel entstanden war. Mit Betonplatten wurde diese riesige nukleare Mülltonne dann versiegelt. Fertig war Runit Dome. Was dort nicht mehr Platz fand, wurde dann doch in die Lagune gekippt. Die Entsorgungsverbote für Atommüll gelten nur für das offene Meer.

Atomtests - Die strahlende Insel

Orte der Atomtests auf dem Eniwetok-Atoll.

Ihre Farben hat die Lagune behalten, sie schimmert in allen Schattierungen von Blau. Sogar ein Schiffswrack aus deutschen Kolonialzeiten liegt hier. Das Wasser lädt zum Baden ein. Doch die Sedimente der Lagune sind so verseucht, dass die Radionuklide mittlerweile ihren Weg aus der Lagune finden. Eniwetoks Plutonium lässt sich bis ins Südchinesische Meer und ins Mündungsgebiet des chinesischen Perlflusses nachweisen. Dabei liegt die nächste menschliche Siedlung nur 22 Kilometer entfernt auf Eniwetoks gleichnamiger Hauptinsel.

Unterdessen schieben sich die Regierungen der USA und der Marshall-Inseln gegenseitig die Verantwortung für das toxische Problem zu. Während viele Menschen in Eniwetok befürchten, dass der Dome eines Tages aufbrechen und den radioaktiven Schutt noch weiter verteilen könnte, verharmlost das amerikanische Energieministerium die Risiken: Risse gebe es in fast allen Arten von Beton, sie seien eine Folge des Trocknens und Schrumpfens des Materials, sagt Terry Hamilton, wissenschaftlicher Direktor des Lawrence Livermore National Laboratory (LLNL), das im Auftrag des Ministeriums Atolle der Marshall-Inseln untersucht. Eine Studie des Instituts aus dem Jahr 2013 kam zu dem Schluss, dass die Lagune im direkten Umfeld des Domes ohnehin schon stärker verseucht ist als dessen Inneres.

"Aber zumindest der Schutt ist innerhalb des Domes eingeschlossen", sagt Hamilton. Radionuklide gelangen trotzdem durch den unversiegelten Kraterboden in die Lagune. "Es gibt keinen unmittelbaren Grund zur Sorge, dass die Risse in der Betonkuppel potenziell schädliche Mengen an Radioaktivität freisetzen, die für die Menschen in der Nähe gefährlich werden", sagt Hamilton. Er fügt hinzu, dass Risse in der Betonkuppel dennoch repariert werden sollten, "um das Vertrauen der Bevölkerung zu gewinnen".

"Es ist eine kleine Insel. Lasst sie uns absperren"

Wirklich zuverlässig lassen sich die Gefahren wohl erst einschätzen, wenn sich die Datenlage verbessert hat. Ein Gesetz aus dem Jahr 2012 verpflichtet das US-Energieministerium zu regelmäßigen Risikoanalysen und Sicherheitsüberprüfungen, die Ergebnisse erreichen die Bevölkerung jedoch nicht."Klar ist jedenfalls, dass die lokale Regierung weder über das Fachwissen noch die Mittel verfügt, um mögliche Probleme zu beheben", sagt Riyad Mucadam, Klimaberater des Präsidenten der Marshall-Inseln. Bei Klimaverhandlungen mit den USA sei der Dome noch nie angesprochen worden, auch innerhalb der Regierung rede man nicht darüber. Das Problem wird einfach verdrängt.

Eniwetoks Senator Jack Ading, der in der Hauptstadt Majuro 965 Kilometer entfernt lebt, bezweifelt, dass sein Heimatatoll sicher ist. Er verweist auf gescheiterte Bemühungen, die ebenfalls von Atomtests verseuchten Atolle Rongelap und Bikini wieder zu besiedeln. Trotz der Beteuerungen der USA, dass die Inseln sicher seien, ließen sich die Einwohner von Rongelap 28 Jahre nach ihrer Rückkehr auf ihr Heimatatoll 1985 vom Greenpeace-Schiff Rainbow Warrior evakuieren - sie fühlten sich nicht sicher, da viele von ihnen krank wurden. Die Einwohner Bikinis verließen nach einem etwa sieben Jahre dauernden Wiederbesiedlungsversuch 1978 ihr Atoll. Sie alle leben seitdem im Exil, verstreut auf den anderen Atollen und Inseln der Marshalls. Ading fragt sich: Wieso sollte es auf dem Eniwetok-Atoll anders sein?

Einig ist man sich, dass die Menschen vom besonders belasteten Runit Island fernbleiben sollten. Dabei gibt es dort noch nicht mal Warnschilder. Auch die Geigerzähler der Besucher schlagen nicht aus. Die gemessene Strahlung ist nicht höher als die natürliche Strahlung, was allerdings keine Entwarnung bedeutet. Der Geigerzähler misst vor allem Cäsium-137, das eine Halbwertszeit von nur 30 Jahren hat. Das Hauptproblem Eniwetoks ist aber das Plutonium. Selbst winzige Mengen dieser Substanz können sich in Organen wie Leber, Lunge oder im Skelett ablagern und Krankheiten wie Krebs verursachen. Häufig gelangt Plutonium durch das Einatmen von verstrahltem Staub in den Körper. Senator Jack Ading würde die Insel am liebsten einzäunen. "Wenn die USA Geld für Kriege wie im Irak haben, werden sie doch 10 000 Dollar für einen Zaun haben. Es ist eine kleine Insel. Lasst sie uns absperren."