Von Alexander Stirn

Jülicher Forscher wollen die Selbstreinigungs-Effekte der Erdatmosphäre erkunden - an Bord eines Zeppelins.

Hans-Paul Ströhle hat sie schon alle geflogen: Prominente, Touristen, ja sogar den Milliardär und Abenteurer Steve Fossett, als dieser drei Jahre vor seinem mysteriösen Verschwinden einen Geschwindigkeitsrekord im Zeppelin aufstellte. In der kommenden Woche wartet auf den Luftschiffkapitän Ströhle aber eine ganz besondere Aufgabe. Er darf mit Wissenschaftlern in die Luft gehen.

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"Zu unserem Glück fliegt so ein Zeppelin genau durch die chemische Waschanlage der Erde." (© Foto: Alexander Stirn)

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"Eigentlich ist der Unterschied gar nicht so groß", sagt Ströhle und blickt kurz von seinen Instrumenten hoch. "Beide - Touristen und Wissenschaftler - stellen viele Fragen." Doch während sich zahlende Passagiere für den Namen eines Barockschlosses interessieren, das sie überfliegen, oder die vielen bunten Instrumente vor Ströhles Nase, erkunden Forscher das Medium, dass der Zeppelin durchfliegt.

Sie wollen messen, welche chemischen Prozesse in den niedrigen Schichten der Atmosphäre ablaufen. Sie wollen verstehen, welches Schicksal die schädlichen Spurengase ereilt, nachdem sie in die Luft gepustet wurden. Und sie wollen ergründen, welche Auswirkungen winzige Partikel auf Wetter und Klima haben.

"Zu unserem Glück fliegt so ein Zeppelin genau durch die chemische Waschanlage der Erde", sagt Andreas Wahner, Atmosphärenchemiker am Forschungszentrum Jülich und Leiter der anstehenden Messkampagne, und meint damit die Luftschicht die ein Zeppelin typischerweise durchkreuzt. 300 Meter tiefer zieht soeben die Küstenlinie des Bodensees vorbei, in der Sonne schimmert das flache Wasser türkisgrün.

Nur die leichtesten Forscher fliegen mit

Die Prozesse, die hier oben ablaufen, sind bei weitem nicht so augenfällig - dafür für den Planeten umso wichtiger. Um zu verhindern, dass sich Spurengase in der Luft anhäufen, die von Autos und Fabriken aber auch von den Obstbäumen an den Hängen des Bodensees emittiert werden, besitzt die Erdatmosphäre einen eingebauten Selbstreinigungsmechanismus. Sie zersetzt die schädlichen Stoffe, darunter auch klimarelevante Substanzen wie Methan und Ozon, mit Hilfe des UV-Lichts der Sonne.

In der niedrigen Höhe von maximal 1000 Metern, könne aber kein Forschungsflugzeug dauerhaft kreisen oder sogar stillstehen, erklärt Wahner. Das mache den Zeppelin so wichtig für die atmosphärenchemische Forschung, sagt Wahner. Wie zum Beweis schwenkt Kapitän Ströhle die beiden Seitenpropeller seines Fluggeräts nach oben. Der 75 Meter lange, mit Helium gefüllte Zeppelin verharrt über der Hafeneinfahrt von Friedrichshafen. Sein Schatten scheint sich keinen Zentimeter zu bewegen.

"Wollte man das Gleiche mit einem Hubschrauber machen, würde die Luft völlig verwirbelt", sagt Wahner. Wenn es die Wissenschaftler wünschen, kann Ströhle seinen Zeppelin auch wie einen Testballon langsam von 100 auf 1000 Meter Höhe steigen lassen. Und das alles ohne große Vibrationen, dafür mit bis zu einer Tonne Nutzlast. "Es ist ein bisschen wie dreidimensionales Busfahren", sagt Wahner und schmunzelt.

Noch stehen an den großen Kabinenfenstern die Sitze der Passagiere. Von kommenden Freitag an wird die Zeppelin-Gondel mit luftfahrttechnisch zugelassenen Messinstrumenten vollgestopft sein, mit Pumpen und mit Computern. Acht Kilowatt an elektrischer Leistung wird die gesamte Technik verbrauchen, fast eine Tonne wird sie wiegen. Viel Raum für Wissenschaftler bleibt da nicht. Aus Gewichtsgründen wird nur ein Forscher neben Kapitän Ströhle Platz nehmen. "Wir setzen dabei natürlich auf unsere leichtesten Wissenschaftler", scherzt Wahner, "auf unsere Doktoranden."

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