Europas Raumfahrt sucht Astronauten - auch für den Mond. Ab Mitte Mai läuft die europaweite Stellenausschreibung. Zu vergeben sind vier Plätze. Und Weltraum-Cowboys werden nicht gesucht.
Ab Mitte Mai läuft eine europaweite Stellenausschreibung, die eigentlich abschreckend klingt: Bewerber sollen die Bereitschaft zu einer jahrelangen Ausbildung mitbringen, die zu einem maximal halbjährigen Einsatz an ihrem eigentlichen Arbeitsplatz führt.
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Wer einen Ausflug ins All machen möchte, muss sich bei der ESA melden. Um einen Abenteuerurlaub geht es dabei allerdings nicht. (© Foto: AP/Nasa)
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Die Frauen und Männer sollten sich darauf einstellen, in diesen sechs Monaten nicht nur von ihren Liebsten, sondern auch vom Rest der Welt abgeschirmt zu sein - im All. Die Europäische Weltraumagentur Esa beginnt in drei Wochen mit einer neuen Auswahlrunde für Astronauten. Am heutigen Dienstag erläutert sie Details in einer Pressekonferenz am europäischen Astronautenzentrum in Köln.
Erwartet werden viele zehntausend Bewerbungen, vergeben werden am Ende vier Plätze. Es werden keine Weltraum-Cowboys sein, so wie Tom Wolfe in seinem Roman "Der Stoff, aus dem die Helden sind" die ersten amerikanischen Astronauten beschrieben hat.
Motivation, Flexibilität, Geselligkeit, Empathie
Vielmehr sucht die Esa ihren Webseiten zufolge Menschen mit "hoher Motivation, Flexibilität, Geselligkeit, Empathie für Mitarbeiter, einem geringen Niveau an Aggression und emotionaler Stabilität".
Und entgegen dem öffentlichen Eindruck, den heutige Astronauten bisweilen hinterlassen, sollen sie "Treffen mit Öffentlichkeit und Presse genießen und die Bedeutung ihrer Aufgaben im Weltraum erklären können".
Die generellen Anforderungen an den Nachwuchs erklärt Gerhard Thiele, der die Ausbildung leitet: "Wir suchen hochmotivierte junge Menschen, die berufliches Hintergrundwissen mitbringen müssen und möglichst promoviert haben." Dies könnten Naturwissenschaftler sein, Mediziner, Mathematiker, Ingenieure, aber auch Testpiloten der Bundeswehr. Auch physische Fitness ist gefordert. Zwar warnt die Esa, "zu viele übermäßig ausgeprägte Muskeln könnten in der Schwerelosigkeit zum Problem werden".
Doch für Europas künftige Astronauten geht es eher zurück zu den Anfängen: Egal ob sie mit Russen oder Amerikanern ins All fliegen, sie sitzen auf jeden Fall in einer Kapsel, in der sie höheren Beschleunigungen ausgesetzt sind als beim gleitenden Space Shuttle. "Bewerber müssen auch über einen ausgeprägten Orientierungssinn verfügen, schnelle Auffassungsgabe, und sie müssen ein gutes Gedächtnis mitbringen", ergänzt Thiele.
Der Auswahlprozess beginnt damit, dass die Bewerber ihre flugmedizinische Tauglichkeit beweisen. Kommen sie weiter, schließen sich Vorstellungsgespräche, zweimal eine Woche psychologischer Tests und zehn Tage medizinischer Untersuchungen an. Brillenträger können sich bewerben, doch die Esa sagt auch, dass die meisten Bewerber an Problemen mit der Sehfähigkeit scheitern.
Arbeitsplatz der neuen Astronauten soll das europäische Raumlabor Columbus sein. Viele Interessenten werden ohnehin mit Spannung verfolgt haben, wie die Esa-Astronauten Léopold Eyharts aus Frankreich und der Deutsche Hans Schlegel das Labor an die Internationale Raumstation ISS gekoppelt und in Betrieb genommen haben.
50 Prozent der Forschungszeit an Bord von Columbus dürften allerdings die übrigen Partner der Raumstation nutzen. Die Esa ist erst wieder im Mai kommenden Jahres dran, wenn der Belgier Frank de Winne mit einer russischen Sojus-Kapsel zu einem Langzeitaufenthalt an Bord der ISS aufbrechen wird.
Mit dieser Mission wird auch die Mannschaftsstärke der ISS von jetzt drei Astronauten und Kosmonauten auf sechs erweitert. Und bis dahin will die Esa auch die Nachfolger von de Winne, Eyharts, Schlegel & Co. rekrutiert haben. "Wir hoffen, dass wir die Auswahlrunde Mitte 2009 abgeschlossen haben und dann mit dem Training beginnen können", so Gerhard Thiele. 2014 könnte dann der erste Astronaut der nächsten Generation starten.
Mit dieser Terminierung überbrückt die Esa geschickt die entstehende Lücke an Flugmöglichkeiten zur ISS ab 2010, wenn die Nasa ihre Shuttles außer Betrieb stellen wird. Sie hat dann für mindestens vier Jahre keinen eigenen bemannten Zugang zur Raumstation mehr. Will Europa dann zu seinem Labor in der Umlaufbahn, muss es einen Sitzplatz bei den Russen kaufen.
"Ich gehe davon aus, dass europäische Astronauten ab 2015 auch an Bord der Orion mitfliegen werden", hofft Thiele. Die Orion-Kapseln entwickeln die Amerikaner jedoch primär für Reisen zu Mond und Mars. Sie werden die ISS allenfalls als Testobjekt für Andockmanöver ansteuern und daher auch kaum Europäer in ihr Labor bringen.
Ein Kompromiss könnte sein, dass europäische Astronauten zwar an Bord der Orion mitfliegen - aber nicht zur ISS. "Wenn die Amerikaner spätestens 2020 zurückkehren zum Mond, wird mit Sicherheit auch ein Vertreter der Esa dabei sein, so wie derzeit bei der Raumstation", glaubt Gerhard Thiele. "Einer derjenigen, die wir jetzt auswählen, dürfte somit der erste Europäer auf dem Mond werden."
(SZ vom 29.04.2008/mcs)
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