Artenvielfalt Zuflucht Zoo

Wissenschaftler fordern, dass Tierparks möglichst vielen bedrohten Arten als Rettungsinsel dienen sollten - bis eine Auswilderung wieder möglich ist. Zoos käme so eine größere Rolle beim Artenschutz zu.

Von Juliette Irmer

Die Kihansi-Gischtkröte lebte einst in Tansania: in der Kihansi-Schlucht, am Rande der Wasserfälle, deren Sprühnebel für Feuchtigkeit sorgte. 1999 bauten die Tansanier dort ein Wasserkraftwerk, der Lebensraum der Kröte trocknete weitgehend aus. Seit 2009 gilt sie in der Wildnis als ausgestorben. Überlebt hat die Art nur in Zoos.

Eine ähnliche Chance, wie sie die afrikanische Minikröte bekam, sollen möglichst viele bedrohte Tierarten erhalten, forderten Wissenschaftler kürzlich in der Fachzeitschrift Science. Demnach sollen Zoos eine größere Rolle beim Artenschutz spielen, indem sie mehr gefährdete Tiere aufnehmen und Schutzmaßnahmen in freier Wildbahn durch gezielte Zuchtprogramme ergänzen. Momentan lebe nur eine von sieben gefährdeten Landwirbeltierarten in der Obhut des Menschen, haben die Autoren errechnet.

"Das Ziel ist nicht die Haltung einer Art in Gefangenschaft", sagt Dalia Conde vom Max-Plank-Institut für Demographische Forschung in Rostock, Erstautorin der Studie. "Das Ziel ist der Erhalt einer Art in ihrer natürlichen Umgebung. Aber für stark gefährdete Tierarten sind Zoos eine Art Lebensversicherung. Sie können dort so lange überleben, bis sie wieder ausgewildert werden können."

Gemeinsam mit einem Experten des International Species Information System (Isis) hatten Conde und ihre Kollegen erstmals berechnet, wie viele bedrohte Tierarten tatsächlich in Zoologischen Gärten beheimatet sind. Das Ergebnis: Von den 2360 gefährdeten Vogel- und Säugetierarten wird rund ein Viertel in Zoos gehalten. Nur jede elfte Vogel-Spezies, die als "akut vom Aussterben bedroht" eingestuft ist, gibt es in Volieren. Für Amphibien sieht es noch schlechter aus. Nur drei Prozent der 1895 gefährdeten Arten leben in Zoo-Terrarien.

Dabei wären zoologische Gärten für die Rolle der Arche Noah eigentlich prädestiniert. Sie haben jahrzehntelange Erfahrung mit der Zucht von Tieren in Gefangenschaft, speziell mit der Zucht kleiner Populationen. Sind nur wenige Individuen einer Art vorhanden, ist der Genpool, also die Gesamtheit aller Gene einer Population, stark verkleinert - das Risiko von Inzuchtphänomenen steigt.

Um dem entgegenzuwirken, sollten sich genetisch unterschiedliche Tiere paaren. Die Verwandtschaftsverhältnisse der Tiere werden daher in Zoos entsprechend penibel dokumentiert. Wenn es das Zuchtbuch verlangt, müssen Weibchen oder Männchen mit oft großem Aufwand zwischen Zoos ausgetauscht werden.

Solche Zuchtprogramme liefern auch demographische Daten, die in der Wildnis nur schwer zu erhalten sind: Wie groß ist der Wurf oder das Gelege eines Tieres? Wann wird es geschlechtsreif? Wie häufig pflanzt es sich fort? "Von vielen Tierarten sind solche grundlegenden Daten nicht bekannt", sagt Conde. "Sie werden aber dringend gebraucht, um die Überlebenschancen in freier Wildbahn einschätzen zu können."

Dass die Nachzucht in Gefangenschaft erfolgreich sein und die Arterhaltung fördern kann, lässt sich mit Zahlen belegen. Unter den 68 Wirbeltierarten, bei denen eine Verbesserung der Gefährdungskategorie erreicht werden konnte, hat die Nachzucht in Tierparks bei 17 Arten eine entscheidende Rolle gespielt. Darunter waren beispielsweise der Kalifornische Kondor und das Przewalski-Pferd. 1987 wurden die letzten 27 frei lebenden Kondore eingefangen. Heute fliegen wieder knapp 200 Vögel über der nordamerikanischen Pazifikküste.

Ein wenig Hoffnung

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