Artenschutz Biologen entdecken unbekannte Giraffenarten

Galten die Giraffen bislang als eine Spezies mit neun Unterarten, stellte sich nun heraus, dass sie eigentlich vier genetisch isolierte Gruppen sind, die sich in der freien Wildbahn nicht miteinander paaren.

(Foto: Jean-Francois Monier/AFP)

Es ist eine wissenschaftliche Sensation: Forscher haben ermittelt, dass es nicht eine, sondern vier verschiedene Arten von Giraffen gibt. Kaum entdeckt, sind zwei der neuen Arten schon akut gefährdet.

Von Kai Kupferschmidt

Als der große Naturforscher Carl von Linné im Jahr 1758 erstmals die Giraffe beschrieb, war es nicht viel mehr als ein Phantombild, das er skizzierte. Linné hatte das Tier nie gesehen und seine Beschreibung beruhte auf Jahrhunderte alten Zeugnissen. Heute kennt jedes Kind die riesigen Savannenbewohner, doch in mancher Hinsicht ist das Tier ein Phantom geblieben. "Über das Rhinozeros gibt es 50 mal mehr Publikationen als zur Giraffe", sagt Axel Janke vom Senckenberg Biodiversität und Klima Forschungszentrum in Frankfurt. Ausgerechnet das höchstgewachsene Tier der Welt sei von der Forschung völlig übersehen worden.

Wie viel es noch zu entdecken gibt, zeigt Jankes jüngste Arbeit im Fachblatt Current Biology. Der Genetiker und seine Kollegen haben erstmals das Erbgut zahlreicher Giraffen unter die Lupe genommen und Erstaunliches festgestellt: Es gibt nicht eine, sondern gleich vier verschiedene Giraffenarten. "Das hat uns total überrascht", sagt Janke.

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Die erstaunliche Entdeckung dürfte auch dabei helfen, die Tiere zu schützen. Obwohl die Zahl der wild lebenden Giraffen in den vergangenen Jahren drastisch zurückgegangen sei, werde das bislang kaum beachtet, sagt der Biologe Julian Fennessy, der ebenfalls an der Studie beteiligt war. Fennessy hat 2009 die Giraffe Conservation Foundation mitgegründet, die erste Organisation, die sich allein dem Schutz von Giraffen widmet. Teile man die noch lebenden Giraffen auf vier verschiedene Arten auf, sei die Situation viel ernster als bislang angenommen, sagt er.

Fennessy und seine Kollegen haben in den vergangenen Jahren Hautproben von mehr als 100 wilden Giraffen gesammelt und das Erbgut der Proben verglichen. Ergebnis: Was bisher als eine Art mit 9 Unterarten galt, sind eigentlich vier genetisch isolierte Gruppen, die sich in der freien Wildbahn nicht miteinander paaren. Es sind die Südgiraffe, die Massaigiraffe, die Netzgiraffe und die Nordgiraffe.

Die Tiere sehen zwar sehr ähnlich aus, sagt Janke. "Aber diese vier Giraffengruppen sind eigenständige Arten." Keine Belege fanden die Forscher für zwei der neun Unterarten: Die Thornicroftgiraffe ist demnach mit der Massaigiraffe identisch und die Rothschildgiraffe mit der Nubischen Giraffe. Die neue Aufteilung sei überzeugend, sagt der amerikanische Genetiker Douglas Cavener von der Pennsylvania State University. "Ich stimme mit den Ergebnissen absolut überein", sagt er. "Und diese Arbeit ist enorm wichtig für den Arterhalt."

Giraffen werden für ihr Fell und ihr Fleisch gejagt. In manchen Gegenden herrscht der Aberglaube, dass das Gehirn oder das Knochenmark der Tiere Aids heilen können. Anderswo werden Giraffen für ihren Schwanz getötet, der als Fliegenklatsche benutzt wird. Vor allem aber schrumpft der Lebensraum der Tiere. In den vergangenen zwei Jahrzehnten sei die Zahl der Giraffen um mehr als ein Drittel zurückgegangen, sagt Fennessy. Weniger als 100 000 Tiere leben noch in freier Wildbahn.

Falsches Format fürs Fernsehen

Auf der Roten Liste der Weltnaturschutzunion sind Giraffen bislang nicht als gefährdet eingestuft. Das liege zum Teil daran, dass es keine guten Zählungen der Tiere gegeben habe, sagt Anne Hanschke vom WWF Deutschland. "Niemand wusste ganz genau, wie viele Giraffen es noch gibt." Hinzukomme, dass Giraffen in gewisser Weise ein Imageproblem hätten, sagt Fennessy. Pandas sind kuschelig, Tiger furchterregend und Elefanten beeindruckend. Dagegen erschienen Giraffen vielen Menschen als langweilig. "Sie haben einfach nicht die gleiche Aufmerksamkeit bekommen wie andere Tiere", sagt Fennessy. Kollege Janke erzählt, ein Dokumentarfilmer habe ihm einmal erklärt, dass Giraffen mit ihren langen Hälsen schlicht das falsche Format fürs Fernsehen hätten.

Schon bis Ende dieses Jahres könnte sich der Status von Giraffen auf der Roten Liste ändern. Sollten sich die Ergebnisse der neuen Studie bestätigen, wäre die Situation noch dramatischer als gedacht. Denn zwei der neuen Arten wären dann wohl stark gefährdet. Von der Nordgiraffe gibt es weniger als 5000 Individuen und von der Netzgiraffe etwa 8000. Die neue Einteilung könnte auch dazu führen, dass einzelne Regierungen sich mehr für "ihre" Giraffenart einsetzen. Bislang habe das Gefühl, dass Giraffen weit verbreitet sind, dazu geführt, dass sich niemand verantwortlich fühle, klagt Fennessy.

Tierarten voneinander zu trennen, ist jedoch alles andere als einfach. Die Entstehung von Arten ist ein schleichender Prozess, zudem gibt es keine klare Definition, was eine Tierart eigentlich ist. Das gängigste Kriterium ist, dass Tiere verschiedener Arten sich nicht miteinander fortpflanzen können, aber das ist nicht immer der Fall. Die neuen Giraffenarten können in Gefangenschaft Nachfahren zeugen, in der freien Wildbahn kommt das offenbar aber nicht vor.

Janke interessiert jetzt vor allem, warum sich vier getrennte Arten entwickelt haben. Könnte es in der Vergangenheit etwa ausgedehnte Flusssysteme gegeben haben, die verschiedene Giraffengruppen voneinander trennten? "Man weiß zwar sehr wenig über Giraffen, aber eines weiß man: Sie durchqueren keine Flüsse", sagt Janke. Die getrennten Gruppen könnten sich dann über die letzten eine Million Jahre zu eigenständigen Arten entwickelt haben. "Das ist das Spannende", sagt der Forscher. "Wir sehen hier, wie Arten vor unseren Augen entstehen."